Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1897)
- Date
- 1897-01-22
- Page
- Seite 38 (sequence 2)
- Language
- German
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38 diese bösen Gesellen, die in der Volksvertretung, auf den Kanzeln, in den Amtsstuben und in den Zeitungen ihr Unwesen trieben, auch als Judenfeinde sich aufgespielt haben? Die Inden haben in den vornehmen Kreisen des Landes nur wenig Freunde, denn wir sind dort kaum gekannt; theilnahmlos haben viele dieser Hochgestellten der Hetze, der Verfolgung 'zugesehen, die böse Menschen ans Haß, ans Uebermuth, aus Neid nnd Gewinnsucht gegen uns allgestellt haben; wer kalm leugnen, daß die Bösell sogar vielfach begünstigt worden sind! Da ist es vor aller Welt kund geworden, daß sich die Bosheit nicht damit begnügt, wenn ihr der Jude als Opfer hingegeben wird, daß dieselbe Niedertracht auch gegeli die Höchsten im Staate ihre Pfeile richtet. Jildem diese Hamails voll ihrem Schicksale ereilt wordell sind, sind auch wir Juden von einigen Drängern erlöst worden. Diese unverhoffte Gunst wird aber für uns nur ein Antrieb sein, Ulisere Pflicht gegen das Vaterland um so eifriger zu erfüllen. Nicht in prunkenden Worten wollen wir unsere Liebe zum Vaterlallde und zu feinem Fürstell bekunden, sondern indem wir jedem guten Werke der Nächstenliebe hilfreich dienen; indenl wir den gesteigerten Allsprüchen des Staates an die Opferwilligkeit jedes einzelnen Bürgers ohne Murren, ja mit Freudigkeit gehorchen. Hierzu giebt uns das Kaiserpaar auf dem dentschen Throne ein erhebendes Vorbild. Der Kaiser, dessen siild wir gewiß, sieht auch auf seine jüdischell Ullterthanen obne Vorurtheil ulid hat das Streben, auch ihnen gerecht zil werdell. Seill ganzes Lebell gehört dem Lailde, über das fein Szepter waltet; der Deutsche aber folgt seinem Fürsten gern, der, der Erbe glorreicher Ueberlieferuilgen, danach trachtet, im Frieden ein Mehrer des Reiches zll sein, der, wie Mose es einst, das Göttliche erhoben hat, um Vielen zu bienen. Möge der Kaiser „unter allem Volke uneigennützige, gottessürchtige, tapfere nnb wahrheitsliebende Männer" finden, die ihn treu berathen und in allen Zweigen des öffentlichen Lebens selbstlos die Pläne des Fürsten zu trefflichen, ruhmreichen Werken umwandelil! Nie Mache. Berlin, 19. Januar. lA^^ichts ist charakteristischer für die gegenwärtigen Verhältnisse ^>^,in Deutschland als der Streit, der sich innerhalb der neuen nationa l-sozialen Partei darüber entsponnen hat, ob man Juden als Mitglieder alifnehmeil dürfe oder nicht. Eiil jüdischer Lehrer hatte sich zur Aufnahme gemeldet, nicht zudringlich, aber in offener und durchalls würdiger Weise. Pfarrer Naumann erklärte sich bereit, ihll aufzunehmen, bat aber auch zugleich seine Gesillnullgsgenoffen, ihre etwaigen anberen Meinungen auszusprecheu, damit über diesen Plinkt völlige Klarheit herrsche. Hierauf nahmen zwei Männer das Wort, von denen der eine, Pfarrer Specht, einfach verlallgte, daß die neue Partei ihren Weg ohne Juden gehen möge, während der andere, Dr. W. Ruprecht, von den beitretenden Juden vorher ein vollstälidiges Sündelibekenntniß forderte. Drei anbere Nationalsoziale traten dagegen bedingungslos für die Aufnahme von Juden ein. In dem Antwortschreiben des Pfarrers Naumann aber findet sich eine Bemerkung, die wir nicht unerwiedert taffen dürfen. Dort heißt es: „Es muß, so glaube ich, gerade in jetziger Zeit ein Hauptbestreben der gebildeten jüdischen Elemente sein, den Beweis zu liefern, daß sie das Vaterland des Volkes, unter dem sie leben, als ihre Heimath und die Macht dieses Volkes als Ziel ihrer Politik anseheu. Nicht Politik des Judenthums, sondern Politik des Deutschthnms." Es thut uns sehr leid, beni vortrefflichen Manne in Bezug auf diese Bemerkung'auf das Entschiedenste oppouiren zu müssen. Nein, wir haben es nicht nöthig, den Beweis zu liefern, daß wir das deutsche Vaterland als unsere Heimath ansehen. Diesen Beweis haben unsere Soldaten auf allen Schlachtfeldern," unsere besten Männer auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens zur Genüge erbracht. Wer einen solchen Beweis überhaupt von uns verlangt, der ist selbst schon nicht mehr ganz frei von allen Vornrtheilen und auch nicht mehr ganz objektiv in seinem Denken. Mir möchten den Spieß umkehren und Herrn Pfarrer Naumann bitten, uns doch nur einen einzigen Beweis dafür zu bringen, daß deutsche Juden jemals eine Politik des Judenthums statt einer Politik des Deutschthnms getrieben hätten. Es sollte ihm sehr schwer werden, diesen Beweis zu führen. Dagegen wäre es uns sehr leicht, den Beweis des Gegentheils zu erbringen, wenn uns nicht die Führung eines solchen Beweises mit unserer Bnrgerehre unvereinbar schiene. ' * Der antisemitische Redakteur Sedlatzek hat am 15. d. M. vor dem Reichsgericht zu Leipzig den Präsidenten des Senats, Dr. L ö w enstein, abgelehnt, „da derselbe Jude sei". Es handelt sich um die Revision des Urtheils, das gegen ihn wegen Gotteslästerung s. Z. gefällt wurde. Der Vorgang erregt natürlich allgemeines Aufsehen. Die „Leipziger Neuesten Nachrichten" melden darüber: „Zur Verhandlung stand die Revision des Redakteurs Karl Sedlatzek, Redakteurs des „D. Gen.-Anz.", gegen das Urtheil des Landgerichts Berlin II, das ihn am 20. Oktober 1896 wegen Gotteslästerung (Beschimpfung des jüdischen Gottesbegriffs) zu Strafe verurtheilte, nachdem der erkennende zweite Strafsenat des Reichsgerichts auf die Revision der Staatsanwaltschaft ein früheres freisprechendes Urtheil in derselben Sache aufgehoben hatte, weil die Vorinstanz zu Unrecht in der That des Angeklagten eine strafbare Handlung nicht erblickte. Sofort beim Eintritt in die gestrige Verhandlung erbat sich der Vertheidiger Rechtsanwalt Ulrich das Wort zur Begründung eines von ihm gleichzeitig gestellten Antrages auf Ablehnung von Richtern jüdischer Abkunft, d. Ij. solcher, die jüdisch geboren und erzogen'wurden, gleichviel, ob sie später zum Christenlhum übergetreten. Der Antrag erscheine gerechtfertigt, da der Angeklagte Sedlatzek eine führende Stellung in der antisemitischen Bewegung einnehme und die Juden scharf bekämpfe. Er (der Vertheidiger) werde es einem jüdischen Angeklagten auch nicht übelnehmen, wenn ereinen antisemitischen Richter ablehne. Der Vorsitzende, Senatspräsident Dr. Löwenstein, machte darauf den Vertheidiger darauf aufmerksam, daß ein derart unbestimmt gehaltener Antrag den gesetzlichen Anforderungen nicht entspreche, und forderte ihn auf, den Antrag insoweit zu substantiiren, als er die Richter, die er im Auge habe, namentlich anführen solle. Da der Vertheidiger sich dazu außer Stande erklärte, bemerkte Präsident Dr. Löwenstein, es scheine, daß er selbst damit gemeint sei. Der Vertheidiger ergänzte nunmehr seinen Antrag dahin, daß er den Vorsitzenden, Senatspräsidenten Dr. Löwenstein, ablehnte. Auf Antrag des Neichsanwalts wurde der Termin zwecks Beschlußfassung über den Antrag aufgehoben." Die „Magdeburger Zeitung" berichtet hierzu noch: „Der Senatspräsident Löwenstein, der in juristischen und namentlich parlamentarischen Kreisen hier sehr bekannt ist — war er doch 1873-79 nationalliberales Mitglied des Abgeordnetenhauses für Frankfurt a. O.-Lebus — ist gar kein Jude, sondern gehört der evangelischen Konfession an. Er ist im preußischen Justizdienst von 1879 Appellationsgerichtsrath und später Landgerichtspräsident gewesen, hat also Aemter bekleidet, die in Preußen noch niemals ein Jude erlangt hat." Zur Sache selbst sagt das „Berliner Tageblatt" zutreffend: „Die Ablehnung des Antrages Sedlatzek erscheint zwar nicht zweifelhaft. Trotzdem dürfte es wohl am Platze sein, daraus hinzu - weisen, zu welchen Zuständen es führen würde, wenn jeder Angeklagt