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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-01-22 · Heft 4 (22.1.1897) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 4 (22.1.1897)
Date
1897-01-22
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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61, Jahrgang. Nr. 4. Berlin, 22. Januar 1897. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Postoder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. Redakteur: Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner D- Ludwig Phttippson-Konn Verlrgs-GrpeLition: Äerlin, Lerusalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresie: Verlag der .Allgem. Zeitung deS JudenthumS^,Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Inhalt. Leitartikel: Zu Kaisersgeburtstag. — Die Woche. — Moses uud'Jethro. Von Dr. L. Pick. — 22. Konferenz des Vereins jüdischer Lehrer Westfalens „Sektion Marburg-Paderborn". — Die Stellung der israelitischen Religionslehrer an den Mittelschulen (Gymnasien und Realschulen) in Oesterreich. — Mendelssohniana. Von Dr. M. Grunw ald. — Die Ehre in der Bibel. II. Von Dr. Josef Stier. — Feuilleton: Das Ewig-Menschliche. Erzählung von Elise Orszeszko (Forts.). — Andere Zeiten. Eine Erzählung von Gotthard Deutsch (Forts.). — Sprechsaal. Der Gemein-ebote. Korrespondenzen nnd Nachrichten: Berlin, Aus der Provinz Posen, Liegnitz, Hildesheim, Burgkundstadt, Wien, London. — Bon Nah nnd Fern. — Nttscetten. — Geschäftliche Notizen. Zn Kaisersgeburtstag. Berlin, 20. Januar, rößere Aufgaben, als jemals vorher an den Staat herangetreten sind, hat der moderne Staat zu leisten, und nothwendiger als je ist in dieser vom Streit der Parteien durchwühlten Zeit eine ausgleichende Macht, die die Begehrlichkeit in Schranken hält, die den Hader der Klassen, der Stände, der Bekenntniß niederzwingt, die auch das Recht der Minderheit schützt. Es ist von einem witzigen Mann gesagt worden: wenn es keinen Gott gäbe, so müßte man einen erfinden. Sa läßt sich von unserem Staatswesen behaupten: wenn wir nicht in Deutschland ein Königsgeschlecht hätten, das tief wurzelt inl Volksgemttthe. in der Geschichte, in den Einrichtungen dieses Landes, so verlangt es die Rücksicht auf die scharfen und schroffen Gegensätze, die überall die Bürger spalten, daß ein Königthum geschaffen würde. Vielleicht daß die stammverwandten Völker jenseits des Meeres ohne starke Königsgewalt sich aufrecht erhalten können, da sie, überall durch das Meer geschützt, nicht solchen Gefahren wie die Deutschen preisgegeben sind. Wir Deutsche aber, die wir mitten unter den Völkern leben, die nicht sämmtlich und nicht immer uns wohlgesinnt sich zeigen, sind darauf gewiesen, das Problem zu lösen, daß ein machtvoller König an der Spitze eines freien Volkes stehe. Und dieses Problemes Lösung wird uns erleichtert, weil auf deutschem Boden Fürst und Volk sich eins wissen, weil Kaiser und Reich eins ohne das Andere kaum denkbar sind. Unsere alten jüdischen Weisen sagen: Als Mose auf den Höhen des Sinai stand, sprach Gott zu ihm: „Nicht um deiner Ehre willen bist du so hoch gestiegen, sondern um der Ehre meiner Kinder willen." So haben, die Hohenzollern auf den Höhen des Thrones stets den Gottesruf vernommen, daß Gott sie so hoch erhoben hat, um Diener ihres Volkes zu sein. Unser Kaiser steht nicht nur auf der Höhe des Thrones, sondern auf der Höhe des Bewußtseins von der Heiligkeit seines Berufes; ihn verläßt nie der Gedanke, daß die Wohlfahrt von Millionen Menschen, ja im. gewissen Sinne die Wohlfahrt der Welt ihm anvertraut ist. Denn Deutschland ist ja nicht ein Land wie jedes andere, sondern Deutschland ist durch seine Machtstellung, durch die Bildung und den Fleiß seiner Bewohner, durch die Weisheit seiner Fürsten gleichsam das Herz der Erde. Welch hohen Segen kann unser Fürst den Völkern spenden, hat er ihnen während seiner Regierung schon gespendet, da er unbeirrt durch das Phantom eines kriegerischen Ehrgeizes, das so oft schon junge Fürsten verlockt hat, den Frieden seinem Lande und der Welt erhielt. Aber welche Gefahren umdrohen sein junges, vielgeliebtes Haupt. Wir lesen in dieser Woche aus der Schrift den Rath, den Ietro dem Mose ertheilte: „Wähle dir zu Gehilfen aus allem Volke tapfere, wackere Männer, gottesfürchtige Männer der Wahrheit, die den Eigennutz hassen." Aber ein solcher Rath ist leichter gegeben als ausgeftthrt. Wo findet selbst ein scharfblickendes Auge sogleich viele solcher Männer, daß sie die edlen Absichten des Fürsten recht verstehen, daß sie durch Uebereifer oder gar durch bösen Willen nicht in Thorheit verkehren, was weise geplant war. „Wähle dir aus allem Volke, aus allen Ständen die Helfer". Kann der Fürst, und sei er auch leutselig und volksfreundlich, so leicht mit allem Volke in Verkehr treten, zumal die Besten oft sich bescheiden zurückhalten? Mose selbst konnte von dem Nathe des Ietro keinen vollständigen Gebrauch machen, denn diese Jdealmenschen, die Ietro gezeichnet hatte, waren in der Wirklichkeit nicht zu finden; er war schon zufrieden, „wackere, tapfere Männer aus ganz Israel" sich auszusuchen. wie es in der Schrift heißt. Wie viele drängen sich an den Fürsten heran und prahlen mit ihrer Dienstbeflissenheit, und thun, als hätten sie die Königstreue in Erbpacht, und verdächtigen Jeden, der zu stolz ist, um mit Empfindlingen, die jedem Delltschen theuer sind, lallt auf dem Markte zu prahlen. Es ist der Rlihm unseres Kaisers, daß er dies heuchlerische Treiben, selbst wenn es unter der Maske der Frömmigkeit sich verbarg, in seiner ganzen Nichtigkeit und Niedrigkeit erkannt hat, daß er um so fester auf der eigenen, durch ernstes Nachdenken erworbenen Ueberzeuguug verharrt, feste selbständige Charaktere diesen feilen Gesellen vorzieht. Gerade in den letzten Monaten hat sich vor den Gerichten dieses Landes ein Reinigungsprozeß vollzogen, wo es offenbar wurde, welch' frivole, ja welch' frevle Mittel angewendet worden sind, uln Zwietracht zu stiften, um wackere Männer zu verleumden, um das Urtheil unseres Kaisers zu verwirren. Die Pläne der Frevler sind zerstört worden, die Heuchler sind entlarvt worden, es hat sich gezeigt, daß sie, die die Kömgstreüe stets im Munde führten, Trug und Tücke im Herzen gehegt haben; die höchsten Beamten des Staates und des Hofes mußten sich in die Oeffentlichkeit flüchteri, mußten wie der einfachste Mann aus dem Volke vor den Gerichten ihr Recht suchen, um sich vor diesen Kabalen zu schützen. Ist es Zufall, daß

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