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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-01-15 · Heft 3 (15.1.1897) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 3 (15.1.1897)
Date
1897-01-15
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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Rußland. W. Petersburg, 22. Pezember. Seit Alters her gehörte es zu Len Gepflogenheiten der russischen Regierung, beim Erlaß von Gesetzen betreffend die Erweiterung der Rechte des Volkes oder das Allgemeinwohl dieselben mit dem Zusatz zu versehen.- „Kroma.ewreew",; d. h. mit Ausschluß der Juden, an welcher .Gepflogenheit theilweise auch jetzt noch festgehalten wird. Um so bemerkenswerther ist es, daß es kein Anderer war, als Kaiser Nikolai I., — welcher, ob mit Recht oder Unrecht, darüber sind sich die Geschichtsschreiber noch nicht einig, als Judenhasser bezeichnet wird, — der zuerst in diesen Brauch eine Bresche legte. Er versah nämlich die unter seiner Regierung in der Armee gestandenen. Juden mit verschiedenen Privilegien, darunter wurde ihnen sowie ihren Abkömmlingen gestattet, den Ackerbau zu betreiben und Bauernhöfe zu besitzen, jedoch nur im Süden Rußlands, während die übrige jüdische Bevölkerung von diesem Recht ausgeschlossen blieb und noch bleibt. Neuerdings wird nun im Ministerium des Innern ein Gesetzentwurf ausgearbeitet, wonach es den russischen Juden in einem Theil des sogenannten Ansiedelungsgebietes, — bekanntlich ist den russischen Juden nur in einigen bestimmten Theilen des Zarenreiches der Wohnsitz gestattet, welche Landestheile mit dem Namen „Ansiedelungsgebiet" belegt sind, — gestattet werden soll, der Landwirtschaft und dem Ackerbau sich zu widmen und Bauernhöfe zu errichten. Dieser Theil des Ansiedelungsgebietes, wo dieser erste Versuch gemacht werden soll, ist der Nordwest-Distrikt, nämlich das General-Gouvernement Wilna, umfassend die Gouvernements Wilna, Kowno, Minsk und Mohilew,' mit der stärksten jüdischen Bevölkerungszahl, wobei es noch den Juden verboten ist, auf dem flachen Lande Aufenthalt zu nehmen, so daß sie sich in den Städten und Städtchen konzentriren müssen. Es braucht kaum gesagt zu werden, daß diese geplante Maßnahme der russischen Regierung geeignet ist, bei allen Menschenfreunden aufrichtige Befriedigung hervorzurufen, umsomehr, als die nach Millionen zählende jüdische Bevölkerung jener Gouvernements zum allergrößten Theil in Noth und Bedrängniß ein elendes Dasein fristet. Danach zu urtheilen, steht die Errichtung jüdischer Kolonien mit ausschließlich landwirthschaftlichen Betrieben, wenn auch anfänglich in nur geringer Anzahl, in nicht mehr allzuferner Zukunft zu erwarten. Amerika. f-. C. H. New-Aork, Ende Dezember 1896. Rudyard Kipling, ein sehr bekannter und glänzender Erzähler, veröffentlicht im letzten Heft vonMc. Clmes' Magazin eine Erzählung unter dem Titel „Brodaus den Wassern". Sie behandelt eine ausbeuterische Schiffsgesellschaft, deren leitender Geist ein Jude, Namens Steiner, ist. Da Juden kaum als Typen in großen Cchiffsahrtsgesellschaften erscheinen, so sieht man, daß auch in der englischen Romanliiteratur der Bösewicht am erklärlichsten wird, wenn er ein Jude ist. — Eine jüdische Wohlthätigkeitsanstalt ist in Konkurs gerathen. Die Deborah-Nursery, eine Anstalt zum Schutze verwahrloster Kinder, hat zu existiren aufgehört, weil ihr die Stadt wegen schlechter Verwaltung' die Unterstützung aus öffentlichen Mitteln entzogen hat. Die Uebelstände solcher Unterstützungen sind fast unvermeidlich, indem die Aufsicht von dem Publikum auf einige Streber übergeht, welche statt Talent und Ehrlichkeit nur politischen Einfluß zu besitzen brauchen. Von Nah und Fern. ----- Ein antisemitisches Weihnachtsmärchen öffentlich zu verbreiten, hat, wie die „Antis. Korr." ärgerlich miltheilt, der Amtsvorsteher in Steglitz verboten, weil „durch den Inhalt des Flugblattes geschäftliche Interessen geschädigt würden". Flugs ließen die Antisemiten 3000 Stück in alle Häuser tragen. — Der Oberstlieutenant a. D. H. v. Blankenburg, der ehemalige Chefredakteur der „Schlesischen Zeitung", ist im Alter von 76 Jahren gestorben. Er war einer der Väter der famosen Antisemitenpetition an den Reichskanzler Fürsten Bismarck, welcher sie bekanntlich unerwiedert gelassen hat. Für die Verbreitung des Antisemitismus in Breslau und Schlesien ist Blankenburg in dem seiner Leitung unterstellten Blatte unermüdlich thätig gewesen. — In Schubin feierte am 10. d. M. der Lehrer L. I. Braun hart seinen 90. Geburts- - tag in voller geistiger Frische. — Antisemitische Rohheit. Jüngst schrieb das Sigl' sche „Baierische Vaterland": . „Der Berliner .Bankjude Sigismund (!) Sternberg hat sich aus finanziellen Gründen den Hals abgeschnitten. Es tritt aber deshalb kein Judenmaugel ein? —- Der Laryngologe Dr. Jsaak Michael wurde während der Ausübung seines Berufes im israelitis chen - Krankenhause .in Hamburg, von einem Schlaganfall betroffen. Den anwesenden Koyegen gelang es, ihn ins Leben zurückzurufen, aber der bald darauf sich wiederholende Anfall führte den Tod herbei. — Den statistischen Mittheilungen der. Kirchenbehörden entnehmen wir, daß in der Provinz Sachsen im Jahre 1895 nur 1 Kind jüdischer Eltern die christliche Taufe empfing. Erwachsene unseres Glaubens überhaupt nicht. In der Provinz S ch l e sw i g - H o l - stein erhielten die christliche Taufe ein erwachsener Israelit, ein Kind jüdischer Eltern, 5 Kinder aus Ehen, von denen ein Theil mosaisch ist, und 2 uneheliche Kinder jüdischer Mütter. — Der Redakteur des sozialdemokratischen Bolksblatts, Landtagsabgeordneter Joos in Gotha, wurde zu sechs Wochen Gefängniß wegen Beschimpfung einer kirchlichen Einrichtung verurtheilt. Der Staatsanwalt hatte sechs Monate beantragt. Joos hatte in einem Artikel über die Ermordung des Justizraths Levy die Bibel unter die der Jugend gefährliche Schundlitteratur gerechnet. — Der Großherzog von. Baden bestätigte die auf Professor Ros in in Freiburg gefallene Wahl zum Prorektor der Universität Frerburg für das Studienjahr 97/98. — .Die katholische Presse in Brüssel berichtet triumphirend, daß der Lütticher Senator Montefiore-Levi und dessen Gattin zur katholischen Religion übergetreten seien, was bei der politischen Stellung dieses Millionärsgroßes Aufsehen macht. — Der frühere Minister David Raynal ist zum Senator im Gironde-Departement gewählt worden. — Zu Rittern der Ehrenlegion find ernannt worden der Zuaven-Korporal Benjamin Dennery und der Ingenieur der Marine ^Albert Wahl. -7 Die Baronin Hirsch hat dem Konsistorium in Brüssel für die.dortigen jüdischen Wohlthätigkeitsanstalten 100 000 Francs übersandt. — Herr Lazar Brodsky hat der Handelsschule in ^Kiew 60 000 Rubel geschenkt. — Die Karäer in Südrußland beabsichtigen, dem Zaren Alexander III. in Tschufut-Kaleh ein Denkmal zu errichten. Es sind bereits reiche Spenden für diesen Zweck, eingelaufen. — Frau Baronin Hirsch hat bekanntlich zwei Millionen Francs für ein in England zu errichtendes Hospital für schwindsüchtige jüdische Kinder gespendet. Die Baronin hat den Leibarzt der Fürstin von Monaco, Dr. Goldschmidt, mit dem ehrenvollen Auftrag betraut, einen passenden Ort an der. See für die . geplante Anstalt auszusuchen. Dr. Goldschmidt hat sich während seiner langen .Praxis in Madeira einen Ruf als Autorität in tuberkulösen Krankheiten erworben. — I. A. Frese0, Herausgeber des „Tiempo" in Konstantin opel, hat die vierte Klasse des Medjidje- Ordens erhalten. Dieselbe Auszeichnung wurde Herrn Gerson, dem Bevollmächtigten des. „Credit Lyonnais“ daselbst zu Theil. — Josef Halm Salem aus Salonicht, ein j.unger Beamter, ist zum Kanzler und Bize-Konsul der Türkei in Brüssel ernannt worden. I. Salami Effendi Gabbai, Präsident des Handelsgerichtes in Mersina, hat den Rang eines Geheimrathes II. Klasse erhalten. — Fürst Ferdinand von Bulgarien hat Raphael Cervatti, den Herausgeber und Besitzer des „Orientalischen Jahrbuches", zum Offizier des bulgarischen National- Ordens für Civilverdienste ernannt. — Während im vergangenen Jahre die Zahl nach den Bereinigten Staaten eingewanderten Juden 33 000 betrug, erreichte sie in diesem Jahre nur 30 000. Die allgemeine Einwanderung des gbgelaufenen Jahres beträgt etwa 360 000 Seelen, so daß davon 8,8 Prozent auf die Juden kommen, während her Prozentsatz im Jahre 1895 etwas mehr, 10,5, und das Jahr vorher, 1894, nur 8,5 Prozent betrug. — Bei der Galatafel zu Ehren des ausscheidenden Professors Dr. Edward D. Morris vom Lane Seminar in Cincinnati eröffnete der katholische Erzbischof die Mahlzeit mit Gebet, ein protestantischer Bischof sprach das Schlußgebet,. ein anderer protestantischer Bischof und Rabbiner Dr. I. M. Wise waren unter den Rednern des Tages. Das ist das Symbol des interkonfessionellen,Friedens.,,— Der Reichstagsabgeordnete Ahlwardt soll sich, wie in antisemitischen Kreisen verlautet, in New-Iork nach Deutschland eingeschifft haben. Seine in Berlin lebende Familie war seit längerer Zeit ohne. Nachrichten von ihm geblieben. „ '... Druck und Verlag von Rudolf M 0 s s e in,Berlin., . Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin,

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