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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-01-15 · Heft 3 (15.1.1897) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 3 (15.1.1897)
Date
1897-01-15
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 Dr. Mansbach, Prediger der israelitischen Gemeinde in Münster, das Anzünden der ewigen Lan^re. Hierauf folgte das Abendgebet, bei welchem der Gesang des Borbeters mit dem Chor der Gemeinde wechselte. Nach erfolgter „Weihe des Weines" bestieg Herr Dr. Mansbach das Rednerpult, mn die eigentliche Fest- und Weiherede zu halten. Wir bedauern, dies Meisterstück geistlicher Redekunst nicht seinem vollen Inhalte nach bringen zu können, Redner nahm als Ausgangspunkt seiner Ausführungen das uralte Wort des Erzvaters: „Hier ist ein Gotteshaus — hier ist die Pforte des Himmels " Ihren Höhepunkt erreichte die Weiherede in der Auslegung des Schriftenwortes Jesaias 62,6: „O, Jerusalem, ich will Wächter auf deine Mauern bestellen, die den ganzen Tag und die ganze Nacht nimmer stille schweigen sollen." Das Gotteshaus, so führte der Redner aus, sei ein treuer Wächter; es wache, damit 1. der Goltesgedanke in seiner Größe und Erhabenheit lebendig bleibe; 2. die innige Verbindung zwischen Gott und Mensch hvrch Mittel, die dem frommen Sinn entsprechen, hergrstellt werde; 3. der Gottesgedanke sich äußere in frommer That. Nach einem innigen Gebete weihete nunmehr der Prediger in der würdigsten Weise den Raum: den Raum, der die Thora birgt (die Bundeslade), die Stätte, wo das Gotteswort verlesen und wo zu Gott gebetet wird, und schloß mit dem Segensspruche, mit welchem der greise Führer Israels, Moses, in der Scheidestunde sein Volk segnete. Mit tiefer Bewegung waren die Festtheilnehmer aller Konfessionen den zündenden Worten des Redners gefolgt. Noch einmal faßte alles das, was der Andächtigen Herzen bewegte, der Chor zusammen in frommem Sange und trug „auf der Andacht heil'gem Flügel" die Herzen zu Gott empor. Nachträglich bemerken wir noch, daß der Herr Geh. Reg.-Rath Landrath Freiherr v. Werthern sowohl dem Borstande in Bezug auf die schöne Feier, als auch dem Prediger Herrn Dr. Mansbach für seine wirkungsvolle Rede volle Anerkennung ausgesprochen hat, und daß der Gemeindevorstand auch in einem [an bic Redaktion gerichteten Schreiben nochmals besondere Veranlassung genommen hat, Herrn Dr. Mansbach für seine tiefergreisenden Weihereden am Freitag Abend wie am Sabbath den herzlichsten Dank auszudrücken. 1. Westfalen-Rheinprovinz, 9. Januar. Am 3. d. Mts. fand zu Essen-Ruhr die nach § 11 des Beriinsstatuts alljährlich abzuhaltende Borstandssitzuyg des Vereins israelitischer Elementarlehrer für Westfalen und die Rheinprovinz statt. Der Vorsitzende des Vorstandes, Gras-Esse», eröffnete die Sitzung mit dem Hinweis auf die historische Bedeutung derselben, da sie als ein Jubiläum betrachtet werden müsse. Bei der Gründung des Vereins wurde nämlich statutenmäßig ^festgesetzt, daß die Auszahlung der Personen erst dann beginnen .solle, wenn das Grundvermögen des Vereins die Höhe von 6000 Thaler erreicht habe In der Sitzung zu Münster 1872 sah der Vorstand dieses Ziel erreicht, und seitdem werden Pensionen gezahlt. Bis jetzt sind im Ganzen etwas über 73 000 Mark zur Bertheilung an Unterstützungsberechtigte gelangt. In den ersten Jahren waren die Anforderungen an die Kasse gering; seit etwa 12 Jahren haben sie sich außerordentlich gesteigert: pro 1895 kamen 100 Quoten, 1896 140 und 1897 148 Quoten zur Bertheilung. Trotz mancher ungünstiger Umstände ist das. -Ergebniß des abgelaufenen Jahres ein überaus günstiges: , Das Kapitalvermögen, welches nach 8 11 der Satzungen niemals angegriffen werden darf, ist bis über 85 000 Mark gestiegen. An Mitglieder - Beiträgen 938 Mark, an Zinsen 3145 Mark, an freiwilligen Gaben 5033 Mark. Von den Eingängen kommen (§'11 der Statuten) 2/3 zur Bertheilung — und es stellte sich diesmal die Quote auf 38 Mark gegen 35 Mark des Jahres 1896. — Die Zahl der Mitglieder hat im verflossenen Jahre erfreulich zugenommen: 9 Kollegen haben nach Erfüllung der statutenmäßigen Bedingungen die Mitgliedschaft erworben, andere haben ihren Beitritt erklärt. Herr Graf erstattete unter Anderem auch Bericht über die Kommiffion, welche kürzlich in Elberfeld zusammengetreten, um einen Ausgleich der Differenzen zwischen unserm Vereine und dem 1894 in Köln gebildeten anzubahnen. Mit hoher Befriedigung kann der Verein auf die Resultate seiner Bestrebungen im abgelaufenen Jahre zurückblicken, zu deren Erzielung die energische und hingebende Thatkraft seines Vorsitzenden, des Herrn Hauptlehrers Graf-Essen, viel beigetragen hat. — Jndeß ist noch viel, sehr viel Verdienst um die hochwichtige Angelegenheit im Interesse der Lehrer, Schulen und Gemeinden zu erwerben übrig. Es kommt, — wir der Vorsitzende am Schluffe der Sitzung mit Recht betonte, — nicht allein auf die wachsende Zahl der Mitglieder an; es muß auch jedes Mitglied in seinem Bereiche für die idealen und materiellen Interessen des Vereines kräftig eintreten. <: Augsburg, 8. Januar. Am 27. v. Mts. ist hier der Justizrath Jac. Rosendahl, königlicher Notar, gestorben. Der Verstorbene entstammte einer alten religiösen Familie in München, er war ein selten braver Sohn, Gatte und Bruder und pflichtgetreuer Beamter, wie es auch Herr Rabbiner Dr. Groß in Augsburg und der Vorstand der Notariatskammer bei der Beerdigung hervorhoben. Der Heimgegangene^ verdiente es auch nach jeder Richtung hin. Nachdem er die Universität besucht und bei Anwälten und Notaren die Praxis durchgemacht hatte, war er eine Reihe von Jahren accessorisch beim königlichen Stadtgerichte zu München und mehrere Jahre im Gesetzgebungs-Ausschuß der Kammer der Abgeordneten, immer auf seine Anstellung als Richter wartend. Als treuer Jude konnte er sie nicht erreichen, was ihm vom Justizminister ziemlich deutlich gesagt wurde, der ihm als Ersatz die Ernennung zum Notar in Donauwörth angeboten. Er nahm dann nolens volens das Notariat an und wurde vor ca. 20 Jahren nach Augsburg berufen, woselbst er durch seine Thätigkeit. Rechtlichkeit und Leutseligkeit im Verlaufe der Jahre eine sehr große Praxis bekam; in die Notariatskammer gewählt wurde er ferner schon vor ca. fünf Jahren, während seine Tüchtigkeit und sein lauterer Charakter durch den Titel Jwtizrath bestätigt wurden. Nun ruht er in ewigem Frieden. Ehre seinem Andenken! Oesterreich-Ungarn. □ Wien, 11. Januar. Im Reichsrath fand neulich ein jüdischer Abgeordneter Luzzatto, der sich als Jtaliener über die Vernachlässigung seiner Konnationalen beklagte, als Jude auch ein Wort über den Antisemitismus. Er sprach sein Bedauern darüber aus, daß der Antisemitismus in Oesterreich, ein Unikum fast, in Europa, nicht nur jeden Tag mehr florire, sondern immer gefahrdrohendere Proportionen für die öffentliche Ruhe, für die Sicherheit einer großen Zahl von Staatsbürgern annehme, was gewiß, wenn nicht mit einer Konnivenz, so doch mit einem nonchalanten Gewährenlassen seitens der Regierung geschehe. — Die Liebeswerbnngen der Wiener Antisemiten bei der ungarischen katholischen Volkspartei werden von deren hervorragendstem Führer, dem Grafen Ferdinand Zichp, konsequent mit moralischen Fußtritten beantwortet. Jede seiner Aeußerungen steht im vollsten Widerspruche zu den Prinzipien, welche das Lebenselement der Wiener Antisemiten bilden. Beim Empfang der Neujahrswünsche seiner Partei sagte Graf Zichy mit direktem Hinblicke auf die skandalöse Haltung der Christlich-Sozialen in Oesterreich Folgendes: „Wir als Katholiken können nicht die Feinde Anderer sein, wir ergreifen gegen Niemanden die vernichtenden Waffen, uns kann nur christliche Nächstenliebe leiten. Die Zeit gemahnt uns, auch mit dieser Richtung zu rechnen. Wir müssen jedoch den unausgesetzten Anfeindungen im Lande ein Ende machen, welche im Interesse des Hasses angefacht werden, und jene Uebergriffe einschränken, welche der Antisemitismus hervorruft." — Im Gemeinderathe fanden.wieder Skandalszenen statt. Der demokratische Gemeinderath Brunner bekämpfte die Bewilligung einer Unterstützung für dcn Wiener deutschen Bolksgesangverein und für das Cillier Studentenheim. Man unterbrach ihn heftig und rief ihm zu, ein Jude verstehe nichts vom deutschen Wesen. Ein antisemitischer Gemeinderath griff heftig die liberale Partei an, wogegen die Minderheit lebhaft Widerspruch erhob. Bürgermeister Strohbach mahnte zur Ruhe und rief dem Dr. Mittler zu„Sie stören hier immer! Sie sind wobl schon zu lange da!" Mittler erwiederte: „Ich verbitte mir solche Uirgezogenheiten!" Diesen Worten folgte ein unbeschreiblicher Lärm. Der Bürgermeister schloß Dr. Mittler für die heutige und die drei folgenden Sitzungen des Gemeinderaths aus. Die Antisemiten riefen Mittler zw: „Hinaus, frecher Jude!" Der Gemeinderath Gregorig eilte auf Mittler mit geballter Faust zu, worauf Mittler die Hanb zum Schlage gegen Gregorig erhob. Einige Gemeinderathe trennten Gregorig von Mittler; schließlich verließ Mittler, dem fortwährend zugerufen wurde: „Hinaus Jude! Frechheit!" den Saal. — Der älteste, Mann Wiens ist ein Jude, der in diesen Tagen seinen 110. Geburtstag feierte und reich beschenkt wurde. Der Greis hat zeitlebens gearbeitet und gedarbt und ist dabei niemals krank gewesen.

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