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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-01-15 · Heft 3 (15.1.1897) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 3 (15.1.1897)
Date
1897-01-15
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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61. Jahrgang. Nr. 3. Weitage Aep s°E". 1^7 zur „Aktgemeinen Zeitung öes Iuöenthuins". Korrespondenten und Nachrichten. Deutschland. £2 Berlin, 8. Januar. Heute ist nach sorgfältigen Erwägungen und Berathungen die von dem letzten Gemeindetage beschlossene Petition an den preußischen Kultusminister abgegangen, und zwar mit den Unterschriften sämmtlicher preußischer Mitglieder (mit einer einzigen Ausnahme) des Ausschusses und der Lehrabtheilung des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes. Die Petition fordert erstens die Einführung des jüdischen Religionsunterrichtes an jeder preußischen Schule, sobald eine angemessene Anzahl jüdischer Schüler an ihr vorhanden ist, und zweitens, daß dieser Unterricht für alle diejenigen jüdischen Schulen obligatorisch sei, deren Eltern oder Erzieher für sie nicht einen anderweiten angemessenen Religionsunterricht Nachweisen wollen und können. So ist die Nothwendigkeit der religiösen und moralischen Unterweisung für ein jedes israelitische Kind mit den Anforderungen der Gewissensfreiheit vereinigt. £2 Berlin, 10. Januar. Der Vorstand und die Repräsentanten der Res ormgemeinde haben beschlossen, eine zweite Religionsschule zu je zwei Knaben- und Mädchenklassen zu begründen, und zwar soll dieselbe in der Louisenstädtischen Oberrealschule in der Dresdener Straße — um den Wünschen der in jener Stadtgegend wohnenden Mitglieder zu entsprechen — errichtet werden. Den Unterricht an dieser Schule werden, wie an der ersten, nunmehr schon seit einem halben Jahrhundert bestehenden Religionsschule in der Johannisstraße, die Herren Prediger Dr. Levin, Dr. Klemperer und Dr. Oppenheimer selbst ertheilen. Derselbe erstreckt sich auf folgende drei Disziplinen: Biblische Geschichte, Jüdische Geschichte und Litteratur, Relizionslehre. £2 Berlin, 13. Januar. Im „Verein für jüdische Geschichte und Litteratur" hielt heute Herr Pros. Dr. Martin Philippson einen sehr interessanten Vortrag über einen jüdischen Leibarzt der Königin von England, Roderigo Lopez, der zu der Zeit Shakespeares eine sehr beliebte Persönlichkeit war und später als Theilnehmer an einer Verschwörung gegen das Leben der Königin hiugerichtet wurde. Dieser ist, wie Herr Prof. Philippson mit überzeugender Sicherheit nachwies, wahrscheinlich das Vorbild Shakespeares für seinen gerade in jener Zeit entstandenen Shylock gewesen. Der Vortrag des gelehrten und geistvollen Historikers erregte durch diesen Nachweis hohes Interesse und fand den wohlverdienten allgemeinen Beifall. — In Magdeburg sprach Herr Lehrer M. Steinhardt über die Feindesliebe im Judenthum, in Leipzig Prof. Dr. M. Philippson über den großen Kurfürsten und die Juden, in Hildesheinr Dr. Adolf Kohut über Alexander von Humboldts Beziehungen zum Judenthum und Oberlehrer Dr. Schaefer über Ernst Renan und das Judenthum, in Brakel Rabbiner Dr. Jacob aus Göttingen über die Bedeutung Moses nach Schiller und Rabbiner Dr. L. A. Rosenthal aus Stargard über zwei jüdische Staatsmänner, in Köln Kirchenrath Dr. Kroner über das Erziehungsideal des talmudischen Judenthums, in Mannheim Bezirksrabbiner Dr. P. Kohn aus Ansbach über Al-Charisi, den Makamendichter, in Ratibor Dr. med. Arnstein über die Sage vom ewigen Juden, in Oppeln Oberlehrer Dr. Schaefer über Hiob und Odysseus, in Osterode Prediger Sturmann überHillel I., Rabbiner Dr. Olitzki aus Allenstein über Josephus gegen Apion, Rabbiner Dr. L. A. Rosenthal über Deutsche und Juden. — Der Litteraturverein in Troppau hielt unter dem Vorsitz des Rechtsanwalts Dr. Eibuschütz seine Generalversammlung ab. Der Verein zählt bereits gegen 200 Mitglieder. Die Generalversammlung beschloß einstimmig, Herrn Rabbiner Dr. Blumenthal in Ratibor in Würdigung seiner Verdienste um die Begründung und Förderung des Vereins zum Ehrenmitglieds zu ernennen. — Neue Litteraturvereine wurden gebildet in Ansbach und in Erlangen. 22 Berlin, 12. Januar. Der „Akademische Verein für jüdische Geschichte und Litteratur" an der Universität Berlin ist auch in diesem Wintersemester in ernster Arbeit begriffen. Am Donnerstag, den 7. d. Mts., sprach einer seiner auswärtigen „alten Herren", Dr. Kalischer, Rabbiner in Kopenhagen, „über den prophetischen Gottesbegriff". Der Vortragende hatte sich zur Aufgabe gestellt, die weltgeschichtliche Bedeutung des Gottes der Propheten als u. A. in Folgendem beruhend nachzuweisen: Er ist das höchste Lebensprinzip, zunächst in der Natur, dann in der Geschichte, daun auf ethischem Gebiete. Theoretisch wie praktisch ist seine Verbindung mit Israel unlöslich, jede scheinbare Entfernung führt um so stärker wieder zu ihm zurück. Die dem Vortrage sich anschließende Diskussion zeugte am besten von dem großen Interesse, das der Vortragende durch seine Ausführungen zu wecken verstanden hatte. Wie wir hören, wird der Vortragende eine denselben Gegenstand betreffende Abhandlung demnächst in einer besonderen Schrift veröffentlichen. — Am Dienstag, den 2. Februar, wird ebenfalls ein auswärtiger „alter Herr", Dr. med. Th. Wechsler, prakt. Arzt in Argentinien, der sich in diesem Winter Studien halber in Berlin aufhält, über „das nationale Prinzip in der jüdischen Religion" sprechen. Kommilitonen sind zu allen Vorträgen, welche jeden Dienstag Abend im Bei. einslokal, Linienstraße 96, stattfinden, herzlich willkommen. £2 Berlin, 11. Januar. Die „Wissenschaftliche Vereinigung jüdischer Schulmänner zu Berlin" hielt ihre erste Sitzung im neuen Jahre unter Betheiligung zahlreicher Mitglieder, zu denen auch als Vertreter des D. I. G.-B. die Herren Professor Dr. Philippson und Syndikus Dr. Minden gehörten, am 2. Januar ab. Nach Aufnahme eines neuen Mitgliedes ertheilte der Vorsitzende, Herr Rektor Dr. Adler, das Wort dem Herrn Lehrer Bernhard- Tarnowitz zu seinem Vortrag über die soziale Stellung der jüdischen Lehrer. Die Frage der sozialen Stellung, so führte Redner-aus, habe trotz eingehender Berathuug in den verschiedenen Verbänden noch keine befriedigende Lösung gesunden, da man sich das Ziel zu hoch gesteckt habe. Man solle sich hüten, Versprechungen zu machen, die in der Praxis unerfüllbar seien. Da die Stellung der jüdischen Lehrer nur daun eine sichere werden könne, wenn der Religionsunterricht obligatorisch sei, so sei die erste Forderung die des obligatorischen Religionsunterrichts. Daneben müßte aber darauf gedrungen werden, daß alle Privatschulen in öffentliche verwandelt würden. Würden diese Forderungen erfüllt, so ergebe sich daraus von selbst der weitere Schritt, daß nur solche Persönlichkeiten als Lehrer für den Religionsunterricht berufen werden, die vor einer staatlichen Prüfungskommission den Nachweis ihrer Befähigung erbracht haben. Daneben sei dies im Auge zu behalten, daß der jüdische Religionslehrer im Stande sei, das Kantorat zu übernehmen, weil nur in der Verbindung beider Aemter die Möglichkeit der Anstellung in kleinen Gemeinden gegeben sei. Bei der Anstellung dürfe die Uebung des dauernden Provisoriums oder des Kontrakts nicht ferner beibehalten werden, damit nicht ein Lehrerproletariat großgezogen werde. Da nun aber die einzelnen Gemeinden oft nicht die genügende Leistungsfähigkeit besäßen, ihre Lehrer auskömmlich zu besolden, so seien Bezirksverbände zu bilden, welche die Anstellung der Lehrer auf ihre Kosten übernehmen, und gerade die größeren Gemeinden müßten es als eine Ehrenpflicht betrachten, diese Bildung von Verbänden in die Hand zu nehmen. Diese Verbände könnten dann auch Pensions- und Relikteukassen begründen, durch welche die Zukunft der jüdischen Lehrergesichert werde. Mit einem warmen Appell an die Gemeinde Berlin, den übrigen Gemeinden mit gutem Beispiel voranzugehen, schloß der Redner seine mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Ausführungen. — Nachdem in der nun folgenden, sehr angeregten Debatte von einer Seite auf die trostlose Lage der Lehrer an Waisen-, Erziehungs- und Taubstummenanstalten, die ohne Kontrakt angestellt seien, hingewiesen war, wurde der Begriff des obligatorischen Religionsunterrichts von Herrn Dr. Minden dahin definirt, daß dcr Religionsunterricht organisch in

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