Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1897)
- Date
- 1897-01-15
- Page
- Seite 36 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228202-3228206--53412-3267333- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
36 Male ihn angesprocheu: „Gott stärke Sie, Herr Doktor." sagte er. ihm feierlich die Hand reichend. „Sie haben einen großen Verlust erlitten. Ich weiß ihn zu ermessen. Es ist nicht ein Mann; es ist eine ganze Generation gestorben, eine Generation, darin edle und tüchtige Eigenschaften unserer Zeit verloren gehen. „Wehe um die Verlorenen," setzte er mit einem talmudischen Citat hinzu „die nicht wieder gefunden werden können." Mit tiefer Rührung ergriff der Doktor die dargebotene Hand. „Ich danke Ihnen," sagte er bewegt. „Ich weiß es, Sie haben meinen Vater zu schätzen gewußt. Viele haben ihn wegen seiner rauhen Außenseite verkannt und sein Selbstbewußtsein als Stolz und seine Schroffheit als Härte gedeutet. Sie haben ihn verstanden. Ja, er ist der Repräsentant einer Zeit gewesen, einer Zeit, die der unseren gegenüber manchen Vorzug hatte." „Manchen?" fragte Reb Bär. „Ja, nur manchen, und lassen Sie es mich offen gestehen, daß ich die Kehrseite für viel dunkler halten muß. Unsere Altvorderen hatten eine enge Lebensauffassung, welche unsere Zeit nicht verträgt." „Ich glaube Sie zu verstehen, Herr Doktor." erwiederte Reb Bär, „aber müssen Sie nicht zugeben, daß die große Mehrzahl, die aus ungebildeten und gedankenlosen Menschen besteht, jener kräftigen Leitung bedarf, welche nur die Religion bietet? Glauben Sie, daß die Macht des Beispieles, welches Ihr seliger Vater durch Strenge gegen sich selbst und durch eine unerschütterliche Gerechtigkeit gegeben hat, durch irgend etwas ersetzt werden könne?" „Warum nicht?" war die Antwort. „Es will mir scheinen, daß jede Pflichterfüllung, jede strenge Selbstzucht erziehlich wirkt, während gerade die Erfüllung rein äußerlicher Pflichten uns in die Gefahr lockt, auf anderen Gebieten uns Konzessionen zu gestatten. Wenn ich zu jeder Tages- und Nachtzeit ohne Rücksicht auf das Wetter meine beruflichen Gänge mache, wenn ich bei Epidemien die ärmlichsten Hütten besuche, obwohl ich ein Honorar nicht zu erwarten habe, so gebe ich ein Beispiel strenger Selbstzucht, das nicht dahin wirkt, mich oder jemand Anderen selbstzufrieden zu machen. Wenn aber der Hausirer im Hochsommer an einem Fasttage schweren Pack stundenweit herumschleppt und sich mit seinem Pflichtgefühl über den brennenden Durst hinwegtäuscht, dann geräth er leicht in die Gefahr, auf sein Haben-Conto hin sich morgen Unmäßigkeit oder Kartenspiel oder zweifelhafte Geschäftspraktiken zu gönnen." „Finden Sie aber nicht." meinte Reb Bär, „daß der Talmud Recht hat, wenn er sagt, daß Gott uns durch die vielen Gebote glücklich machen wollte, und daß der Erfolg wenigstens zeigt, daß Mäßigkeit und Familientreue Erbtugenden der Juden geworden sind?" „Nur zum Theile, lieber Reb Bär," war die Antwort. „Vielleicht hat die Enge des Ghettolebens und der ökonomische Druck diese' wohlthätigeu Folgen gehabt. Wenigstens sieht es danach aus, als ob der Wegfall dieser Schranken auch vieles von den jüdischen Stammestugenden Hinwegräumen würde. Alte Leute haben einen Anspruch auf unbedingte Schonung ihrer Gesinnungen; von Denen, die mitten im Leben stehen, können wir verlangen, das; sie ihre Stellung nach den Bedürfnissen der Zeit einrichten." Eine peinliche Pause folgte. Es that dem romantischen Gemüthe Reb Bärs wehe, den Wechsel der Zeiten so deutlich vor sich zu sehen. Es dauerte eine Weile, bis er sich zu der Bemerkung aufraffte, daß er als Vorsteher der Bruderschaft die Wünsche der Familie in Betreff der Beerdigung entgegennehmen wolle. „Lassen wir das bis Morgen," erwiederte der Doktor. „Ich weiß, daß mein Vater erst vor wenigen Tagen sein Testament gemacht hat und vermuthe, daß er darin Anordnungen über seine Bestattung getroffen hat." Mit stummem Kopfnicken entfernte sich Reb Bär, denn in dem Hause des Todes soll kein froher Gruß die stille Würde des Hauses stören. Am nächsten Morgen wurde das Testament eröffnet; es enthielt manche Ueberraschungen. Gleich im Anfänge hatte der Testator unter den feierlichsten Betheuerungen, daß es sein heiligster Wunsch sei, der von den Erben unbedingt respektirt werden müsse, die Anordnung getroffen, daß bei seiner Beerdigung weder eine Rede gehalten noch ein Lied gesungen werden dürfe. Unter den Erben besand sich außer den Kindern nur Hildegard, seine älteste Enkelin. Legate waren ausgesetzt für Mordche, dem eine kleine Geldsumme und ein neuer Seidentallis als Andenken zufiel. Gutrud, die alte Haushälterin, erhielt neben tausend Gulden eine lebenslängliche Wohnung in dem Hause, welches der Erblasser zu einer Heimath für sechs Greise bestimmte und mit einer beträchtlichen Summe ausstattete. Allgemein überraschte es, daß der Testator, ein Mann von so strengen religiösen Prinzipien, nicht die leiseste Anordnung für das Abhalten einer Gedächtnißfeier getroffen hatte. Er sagte vielmehr ausdrücklich in seinem Testamente: „Das Abhalten einer Gedenkfeier an meinem Jahrzeittage überlasse ich meinen Kindern, so lange sie oder deren Nachkommen meinem Andenken eine Ehrung schuldig zu sein glauben. Ich will aber nicht, daß bezahlte Leute ihnen diese Pflicht abnehmen. Ebenso sollen sie die übliche Almosenvertheilung an meinem Todestage nach ihrem Gutdünken vornehmen." In manchen Kreisen wirkte das Bekanntwerden dieser Bestimmringen wie ein Donnerschlag. Frau Doktor Kriegsfelder war ganz besonders laut in der Verdammung des alten verzopften Sonderlings, der die Größe ihres Gatten nie zu würdigen gewußt hatte. „Nun ja," sagte sie zu ihren Besucherinnen, „was hat so ein Mann verstanden? Ihm hat doch die höhere Bildung gefehlt.^ Und wem hat er's gethan? Doch nur sich selber. Und eine großartige Rede hat der Doktor für ihn ausgearbeitet! Gleich am Abend, als man von dem Todesfälle hörte, setzte er sich hin, mn sie auszuarbeiten. Mein Mann, das kann ich ohne jede Parteilichkeit versichern, ist doch ein großer Redner und spricht immer sehr gut, aber diesmal hat er sich selbst übertroffen. Ich mußte bitterlich weinen, als er mir den Entwurf vorlas. Es war ja gewiß nicht, weil der Verstorbene ein reicher Mann war, bei dem Doktor spielt das keine Rolle. Aber es war großartig! Man soll den; Verstorbenen nichts Böses Nachreden, aber er war ein Barbar, ein unfreundlicher Mensch." Viel schärfer erging sich noch der Kantor in gehässigen Benierkungen, denn ihm war die Verachtung genau bekannt, mit welcher der alte Kehilla - Patrizier ihn und Seinesgleichen bedachte. Auch die Gemeinde war nicht zufrieden damit, daß ihr außer dem Sefer Thora und dem Sitze in der Synagoge nichts geblieben war. „Er ist ein Unmensch gewesen bei seinem Leben," sagten die Epigonen, „und so ist er's im Tode geblieben." So vollzog sich die Beerdigung in der stillsten Einfachheit, nur die üblichen Gebete wurden gesagt, als der Sarg in dem uralten, auf einer Hügellehne gelegenen Friedhofe an der Seite der Vorfahren des Verstorbenen beigesetzt wurde, nachdem es mit größter Mühe gelungen war, eine unbenützte Stelle in diesem Theile des Friedhofes zu finden. (Fortsetzung folgt.) Druck und Vertan van Rudolf Ri aste in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Ba u chw > tz in Berlin. 61. Z und 5 an d< den H Ausn litisch des ji eine c zweit« oblig« iveitei So x\ für ei freihe < der 9 schu' soll \ Stra glied« Schü Hund Pred Ders Jüdi schil Phi Leib, Sha nehn wur' nach jenei und und spra thur fürsl Ate; Dr. Rat Sch jüdi Erz rab! dich Jul in i aus tho hie! ver Ge th unl Ne,