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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-01-15 · Heft 3 (15.1.1897) · p. Seite 35

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 3 (15.1.1897)
Date
1897-01-15
Page
Seite 35 (sequence 11)
Language
German
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Während Max sich loswand, um in Las Sterbezimmer zu eilen, setzten die Anwesenden ihr Gebet fort, ohne von dem Ankömmling nur die leiseste Notiz zu nehmen; nur Mordche, der an dem Kopfende des Bettes saß, um den Sterbenden zu beobachten, nickte ihm einen stummen Willkommensgruß zu. „Herr, der Du der Schöpfer des Alls bist, Du hast die Welt geschaffen, damit der Mensch sie bewohne, Du hast ihm befohlen, ein Weib zu nehmen und Kinder zu erzeugen, laß unseren sterbenden Bruder nahe bleiben Denen, die ihn lieben, laß ihn an Deinem Throne ein warmer Fürsprech sein für die Kinder, die er erzogen hat, zu wandeln in Deinen Pfaden, für Alle, mit denen er verbunden war durch die Bande des Blutes und der Freundschaft." „Herr der Welt, Gott Israels, der Du uns geboten hast, zu üben Lieb und Treue, wie'Du Liebe und Treue geübt hast an Mose, Deinem Knechte, laß nn§, die Söhne der heiligen Bruderschaft, erstarken in der Erfüllung Deiner Pflichten, laß unseren scheidenden Bruder ohne Groll voi/uns ziehen, laß auch ihn unser Fürsprech sein vor Deinem Throne, daß uns verziehen werde, was wir in Unwissenheit fehlen, gieb, daß wir Güte und Treue üben an unseren Brüdern, daß an Uns Güte und Treue geübt werde, wenn Dein Ruf an uns ertönt, gewähre, daß unser Bruder gleich Allen, die Dich verehren, aus Deinem Gerichte hervorgehe zu einem Leben ewiger Seligkeit in Deinem Erbarmen, B'Rachamim. Amen." And wieder siel der Chor mit viermaliger Wiederholung des^ letzten Wortes ein : „B'Rachamim, B'Rachamim." Der Tod hatte seinen Schrecken verloren. Es war der Engel der Liebe, dessen leiser Flügelschlag man in dein Sterbegemache vernahm. Leise hätte Mordche sich erhoben und eine weiße Decke über das Sterbebett gebreitet, so daß nur das Antlitz des Sterbenden sichtbar blieb. Die anderen Anwesenden hatten sich in Gruppen niedergesetzt, mit halblauter Stimme einander Bemerkungen zuflüsternd. „Das kann noch bis Mitternacht dauern," meinte Simche, einer der jüngeren Chewra-Mitglieder, worauf Jtzig, sein Altersgenosse, mit dem Tone überlegener Erfahrung sagte: „Das dauert keine Stunde mehr!" und Reb Sanwel, der Senior der Chewra, bemerkte: „Als ich ein Knabe war, erinnere ich mich, wie wir zu Reb Nochum Glaser gerufen wurden, man hat schon alles gesagt wie bei einem Sterbendem und er ist wieder zu sich gekommen und hat noch drei Tage gelebt." „In jenen Zeiten", wollte Jtzig beginnen, aber Reb Bär, dem diese Gespräche, besonderssin Rücksicht auf den anwesenden Doktor, peinlich waren, sagte: „Könnt Ihr Euch diese Ungezogenheiten gar nicht abgewöhuen? Wollt Ihr einem Sterbenden die Minuten mißgönnen^ die Gott ihm schenkt? Wem es zu lange dauert, der kann nach Hause gehen." Alles schwieg, nur Reb Sanwel brummte leise in seinen langen weißen Bart hinein: „Lauter neue Moden!- Sie werden noch einführen, daß man zu' einem Sterbenden in weißen Handschuhen wird gehen: Nichts ist ihnen mehr anständig genug. In Schul' da man auch schon-kein Wort mehr reden. Alles wie bei „ihnen"." Endlich sagte Mordche: „Es ist Zeit". Die Kerzen auf den dreiarmigen Kandelabern wurden angezündct; die Mitglieder der Brüderschaft zündeten ihre Wachskerzen daran an und stellten sich rings um das Bett auf. Mordche behielt seine frühere Stellung bei, um die Züge des Kranken zu beobachten, Reb Bär und die beiden Senioren traten nach vorn, die Anderen stellten sich hinter ihnen auf, nur Max trat näher um den Pulsschlag des Kranken zu prüfe!! und fand sofort, daß die Erfahrung der Chewra-Mitglieder der eine» Arztes nichts nachgebe. Das Sterbeziunner erstrahlte in hellem Lichte. Die Seele, die ein Strahl des himmlischen Lichtes ist, soll bei hellem Lichtglanze in ihre himmlische Heimaih zurückkehren. Das Todcsröcheln hörte einen Augenblick auf und Mordche sagte leise: „Sch'ma" worauf alle Anwesenden mit gedämpfter Stimme das Bekenntniß Israels zu Gott dem Einzigen nachsprachen. Noch einmal regte, sich der Athem und wieder gab Mordche das Zeichen, und wieder ertönten die Worte, welche Israels Geschichte uns erklären, alle Leiden und allen Jammer, den Muth und das innere Glück. Ein kurzes Zucken der Lippen, und alles war vorüber. '„Gehe, denn der Herr heißt Dich ziehen!" rief Mordche und andächtig wiederholten es alle Anwesenden. Lautes Schluchzen wurde aus dem benachbarten Zimmer vernommen. Man hörte Fannys unter heftigem Weinen hervorgestoßenen Ruf: „Ich muß hinein!" neben Chawes beschwichtigendem Zureden. Reb Bär begab sich hinaus, um die Ruhe des Sterbehäuses wieder herzustellen. Das gelang seiner Methode besser, als es sonst der Fall gewesen war, wenn der Aberglaube zu diesem Zwecke zu Hilfe gerufen wurde. Er sagte nicht, wie die Alten zu thun Pflegten, daß das Weinen der Hinterbliebenen der Seele des Todten wehe thue, sondern nur: „Es ist unrecht, dem Willen Gottes zu trotzen, und eine Sünde gegen das Andenken eines frommen Mannes." Das wirkte. Fanny schluchzte nur mühsam hervor: „Wer hatte sich das heute Mittag vorgestellt, als der gute Vater noch so viel von der Thora sprach." „Seien Sie Gott dankbar, Madame, erwiederte Reb Bär, „daß es Ihrem seligen Vater gegönnt war, bis zum letzten Tage seine volle Geistesfrische zu behalten. Das ist eine Gnade, die nur Wenigen zu Theil wird." Reb Bär kehrte in das Sterbegemach zurück, um die Pflichten, die seiner harrten, zu erledigen. Mordche hatte -eine Feder auf die Oberlippe des Todten gelegt; sie rührte sich nicht. Dann trat Reb Bär mit dem Sohne an die Leiche heran, hieß ihn die Äugen des Todten schließen und den Segensspruch sprechen, der Gott im Leid als gerechten Richter preist. Die Leiche wurde auf die Strohmatratze in das Bett gelegt, aus dem alle Kiffen entfernt worden waren, und in das Leintuch gehüllt, das über den Sterbenden ausgebreitet gewesen war; das war eine Neuerung, die Reb Bär nach schweren Kämpfen mit, Reb Sanwel und den konservativen Elemente:! der Chewra durchgesetzt hatte, welche darauf bestanden, daß der Todte auf die bloße Erde gebettet werden müsse. Zu Häupten der Leiche wurde eine Oellampe angezündet und ein Glas Wasser mit einem Handtuch hingestellt. Der Todte kommt noch immer und wäscht sich die Hände zum Gebete, wie der Aberglaube behauptet. Dann verließen die Chewra-Mitglieder das Haus und in der Thüre . hörte man schon Jtzig zu seinem Freunde Simche mit stolzem Selbstgefühl sagen: „Nu, hatte ich Recht, als ich sagte: „Es dauert keine Stunde mehr?" „Ich weiß, Du verstehst mehr, wie der geschickteste Doktor!" war die verdrossene Antwort des Angeredeten. Während diese Verrichtungen vorgenommen wurden, hatte sich Reb Bär mit Max in die Fensternische zurückgezogen und zum ersten

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