Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1897)
- Date
- 1897-01-15
- Page
- Seite 34 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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sind! Und wenn der gnädige Herr mit den trüben Gedanken in der dunklen Stube schlaflos dalag, ging sie da vielleicht sehr langsam. „Aber sie ging doch," antwortete der Graf, „und die schwarzen Nächte wurden immer länger." v ' „Und wie sie länger wurden, schliefen Alle, und nur sie allein sprach zum gnädigen Herrn. .. . Und was sie sprach? Sie tröstete den gnädigen Herrn, daß die Dunkelheit vorübergehen werde. -. ."; „Wie alles vorübergeht," schloß der Graf und versank auf einige Minuten in Gedanken. Er wanderte sich selbst! .Wozu saß er hier so lange und sprach so intim mit diesem Menschen? Er hatte ihn einst gekannt. Was bedeutet das? Sie konnten doch keine gemeinsamen Erinnerungen haben, und überhaupt konnte feine Gemeinsamkeit zwischen ihnen sein. Er war nicht stolz und war von angeborenem Wohlwollen für die Menschen erfüllt. Nichtsdestoweniger wußte er. welcher Abgrund ihn voll Berek, dem Sohn eines früheren Pächters und gegenwärtig Uhrmacher in einer Winkelstraße, trennte. Sie waren einfach in allen Dingen verschieden, und es bestand zwischen ihnen gar keine Aehnlichkeit. Er kam hierher, um seine Uhr repariren zu lassen, und blieb hier stundenlang sitzen. Ja, was noch mehr, er hatte eigentlich gar keine Lust, fortzugehen und, was ihm selbst fast unglaublich schien, er frug : „Wie ist es Dir weiter gegangen. Berek? Und wie geht es Dir jetzt? Hast Du Familie und ausreichende Mittel zum Leben?" Der- Jllde dankte für diese wohlwollenden Fragen und fing an, ausführlich zu erzählen. Reich war er nie. Er hatte keine Kapitalien gesammelt, aber er hatte^immer die Mittel zum Leben gehabt und hat nie Noth gelitten. Er arbeitete jetzt noch und verdiente so viel, als er zum Leben brauchte. Und was konnte er jetzt brauchen, da er allein ist und nur noch eine kleine Enkelin bei sich hat, die ihm die Wirtschaft führt und noch durch Nähen etwas verdient? Eine zahlreiche Familie, einige Kinder, einige Enkel — lind das ist alles. „Weiß der gnädige Herr, daß es folgendes Räthsel giebt, und ich bin neugierig, ob der gnädige Herr es kennt oder nicht? Wie kann es kommen, daß ein Mensch eine Familie hat und gleichzeitig wieder nicht hat?" Er sagte das und warf in das Gesicht des Grafen einen forschenden und dabei schalkhaften Blick. „Nun, kennt der gnädige Herr dieses Räthsel?" Ueber die Lippen des Grafen flog ein ironisches Lächeln. „Ich kenne dies Räthsel, Berek. Ich kenne es sehr gut." (Fortsetzung folgt.) Andere Zeiten. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben der jüngsten Vergangenheit, von Gotthard Deutsch. Einundzwanzigstes Kapitel. Die Chewrä in ihrer Thätigkeit. ordche kehrte bald wieder zurück. Zuerst breitete er eine weiße Decke über das Bett des Sterbenden, dann legte er die lange, vierfach geflochtene Wachskerze auf den Tisch, füllte einen Becher mit Wein und stellte das silberne Thürmchen daneben, welches die Gewürze enthielt, legte einige kleine Gebetbücher, die die Sterbegebete enthalten, „Die Vorbereitung auf die Reise" genannt, auflden Tisch, dann setzte er sich-ruhig auf seinen Platz an das Fußende des Bettes.- „Ich denke, jetzt ist es Zeit," sagte er nach einer Weile. Reb Bär trat an das Bett, lauschte dem röchelnden Athem des Sterbenden, faßte seine Hand und sagte, zu Mordche gewendet : „Wir wollen Häwdole machen; Ihr könnt die Leute heraufholen; sie sollen hier bleiben. Lasset auch gleich Licht bringen." In kurzer Zeit füllte sich das Sterbegemach mit den Mitgliedern der frommen Brüderschaft, die lautlos sich um den Tisch herumgruppirten, an welchem Reb Bär mit dem schweren Silberbecher in der Hand dem Sabbath den letzten. Scheidegrub zurief. Es war ein tief ergreifender Anblick, die fahlen Züge des Sterbenden von der flackernden Wachskerze beleuchtet zu sehen. Alles geschah in gedämpftem Tone. Das GewÄrzthürmchen wurde herumgereicht, die Wachskerze in Wein verlöscht; lautlos und gewohnheitsmäßig netzten einzelne der Anwesenden ihre Fingerspitzen mit dem Weine, der aus einer Blechtaffe ausgegossen war. Niemand dachte an das Singen der Lieder, mit denen man sonst die anhebende Woche begrüßt, Niemand sprach auch nur das übliche „Gut'Woch'"; man war im Hause des Todes. Während Mordche die lange, vierfach geflochtene Wachskerze in kleine Stücke zerschnitt, die er zu je zweien wieder zusammenflocht, trat der Vorsteher mit zweien der ältesten Mitglieder zu der Lampe an den Tisch, während die Anderen sich um ihn im Halbkreise gruppirten. Sie lasen in litaneimäßigem Tone das vorgeschriebene Gebet: „Herr der Welt, Gott der Seelen in jedem Körper, blicke herab auf unseren kranken Bruder Raphael, Sohn des Mordechai Hakohen, und erbarme Dich seiner. Herr, der Du dem Aron die Kraft verliehen hast, durch sein Räucherwerk der Seuche Einhalt zu thun, nimm unser Gebet an Stelle des Opfers! Herr, der durch die Gottesmänner Elija und Elischa dem Tode seine Opfer entrissen hat, Herr, der Du die Macht besitzest, zu tödten und zu beleben, wenn es Deine Weisheit kür gut befindet, unseren kranken Bruder dem Leben wiederzugeben, Du kannst es, und Du wirst es in Deinem Erbarmen „B'Rachamiin"." Die Betenden machten eine kurze Pause, und alle Anwrsenden sprachen das letzte Wort im Chorus nach.. „B'Rachamim". Es klang, als käme der Engel des Erbarmens vom Himmel herab, um mit seinen kühlenden Fittichen jeden Schmerz hinwegzufächeln. Wieder begannen die Führer laut zu be.ten: „Herr, in dessen Hand ist die Seele alles Lebenden und der Geist im Fleische jedes Mannes, wenn es beschlossen ist in Deinem unerforschlichen Rathschluffe, unseren Bruder zu Dir zu nehmen, mache ihm das Scheiden leicht im Herzen und im Fleische, nimm ihn zu Dir mit sanftem Kusse, wie Du Moses und Aron in die Ewigkeit geführt hast, lasse ihn erkennen, daß es ihm beschieden ist, sich zu erfreuen an der Freuden Fülle vor Deinem Angesichte, sich zu erfreuen der Seligkeit, die in Deiner Rechten ist ewiglich; thue mit ihm wie mit Henoch. von dem es heißt: Er wandelte mit Gott, und er war nicht mehr, thue es in Deiner Barmherzigkeit „B'Rachamim"." Ein Moment lautloser Stille folgte, und die Anwesenden fielen wieder mit feierlich gedämpftem Tone ein: „B'Rachamim, B'Rachamim!" „Herr, Herr, der Du bist langmüthig. voll Huld und Treue, Du weißt/ daß kein Mensch gerecht ist auf Erden, der nur Gutes thäte und nicht sündigte, blicke gnädig auf die guten Werke, die unser sterbender Bruder während seines Lebens gethan hat, laß seine Sünden von ihnen ausgewogen werden, und alle, die er nicht bereut und gebüßt hat, mögen sie um der Leiden des Todes willen ihm verziehen sein. Richter der ganzen Erde, richte ihn nicht mit der Strenge Deines strafenden Zornes, sondern mit Deiner unendlichen Barmherzigkeit, „B'Rachamim".