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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-01-15 · Heft 3 (15.1.1897) · p. Seite 33

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 3 (15.1.1897)
Date
1897-01-15
Page
Seite 33 (sequence 9)
Language
German
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-- 33 -- habe meine Brille nicht bei mir, die ich beim Repariren der.Uhren benutze. . „Ei, ei, was ist dabei Schlimmes? Bei mir finden Sie verschiedene Brillen; der gnädige Herr können auswählen, die ihm am besten Haßt. Bitten den gnädigen Herrn seine Auge:: ebenso wie mich, daß man sie vom Dienst befreien möchte? . . „Ach ja, Berek, sie bitten sogar stark . . . und das stört mich verteufelt. Ohne Brille geht es überhaupt nicht, und auch mit der Brille manchmal nur schwer. . Der Jude nimmt aus der Schublade einige Brillen und sagt : „Das ist ganz so, wie bei mir, unsere Augen sind zusammen mit uns alt geworden." Einige Minuten darauf saßen sie beide über das Tischchen gebückt, mit der Arbeit beschäftigt, die Uhr aus einander zu nehmen und ihre einzelnen Theile zu untersuchen. Zuweilen tauschten sie unter einander abgeriffene kurze Sätze aus: „Siehst Du, siehst Du, hier steckt das Böse." „Wenn's hier steckt, werden wir's schon 'raustreiben. Aber ich glaube, es steckt wo anders." Aber ab und zu begannen sie zu streiten.. „Was machst Du? Das macht man nicht so!" sagte unruhig der Graf. Der Jude erwiederte beschwichtigend: „Euer Hochwohlgeboren sollen keine Angst haben . . . gnädiger Herr werden schon sehen, was daraus wird." „Aber daraus wird ja gar nichts! . . . Hier mußt Du raufdrücken ... . hier herausnehmen. . . Da erhob der Jude seine Stimme und begann fast zu schreien: „Der gnädige Herr thun sich irren... hier sind solche feine Federn, daß der Gnädige sie nicht sehen." Der Graf rief mit erhobener Stimme: „Das könnte mir gefallen! Ich sollte in dieser Uhr etwas nicht bemerken?" Aber als er bemerkte, daß der Jude auf seine Art richtig arbeitete, murmelte er leise: „Hm, richtig, richtig, Du hattest Recht!..." Der Andere murmelte auch, doch schon beruhigt: „Wenn es sich um meine Arbeit handelt, habe ich immer Recht." Sie schwiegen wiederum, sahen sich die Arbeit, meisterten herum, näherten sich die von Runzeln durchfurchten und von den schwarzen Linien der Brillen: durchschnittenen Stirnen; die welken Hände berührten feine aristokratische Finger; ihr lauter Athem verschmolz mit dem unaufhörlich wie eine Welle dahinfließenden Geräusch der Uhren. Plötzlich drang aus diesem schnellen und stumpfen Geräusch eine tiefe, reine Baßstimme, die zu. läuten anfing. Eins, zwei, drei. Bei dem vierten Schlage erwiederte ihm, wie einem älteren Manne ein Jüngling, eine dünne Diskantstimme und rief aus: - Eins, zwei! Und beim dritten Schlage fielen . andere Stimmen ein, denen noch andere zu Hilfe kamen, bis der ganze Chor, einige Male friedlich zusammentönend, dann wieder zu drei und zwei zusammenschmolz, die die zehnte Stunde auszurufen beendigten. Zwei Männer erhoben die Köpfe von ihrer Arbeit und ließen ihre Hände auf den Schooß sinken. Der Jude sagte lächelnd: „Nu, der gnädige Herr verstehen sich auf Uhren, ich sehe schon, daß der Gnädige eben solch eine Vorliebe hat für Uhren, wie früher für feurige Pferde und hübsche Fräuleins." Der Graf erwiederte ihm heiter: „Ganz recht, mein Freund, ganz recht! Diese Vorliebe kam mir, ich weiß selbst nicht, woher. Mit dem Alter stellen sich eben verschiedene Eigentümlichkeiten ein..." Der Jude verzog unzufrieden den Mund und begann zu murmeln: „Eigenthümlichkeit! Was für Eigenthümlichkeit? Warum soll es sein eine Eigenthümlichkeit? Die Uhr ist eine schöne Maschine und bringt dem Verstände des Menschen, der sie erfunden, viel Ehre. Tödtet sie etwa Jemand, wie z. B. die Kanone oder das Schießgewehr? Vergiftet sie vielleicht Jemand, wie die Maschinen, die in großen Fabriken so viel Unrath den Menschen in die Mäuler streuen? Die Uhr ist für den Menschen ein Freund; sie ist mit ihm in Freud' und Leid; sie zeigt ihm, zu welcher Zeit man etwas machen soll; sie spricht, wenn Niemand den Menschen anredet; sie lehrt ihn, daß die Zeit dahinfließt und daß er auf diese Zeit wie auf einem großen Fluß gleichfalls dahinfließt bis in das Rieseumeer. ..." Er schlug mit der Hand in die Luft und vollendete: „Gnädiger Herr, wissen Sie was? Sie ist für den Menschen oft ein besterer Freund als ein anderer Mensch, denn sie beißt niemals, hi, hi, hi hi!" Er lachte leise, aber der Graf hörte nachdenklich seine Rede und erwiederte zustimmend: „Ein wahres und kluges Wort hast Du gesprochen. Diese redende Maschine ist mit den Menschen in Freud und Leid . . . weißt Du, daß meine Uhr mit mir war, schon damals, als ich, wie Du sagst, noch für feurige Pferde und hübsche Mädchen schwärmte. . . ." „Ei, ei, so hatte der gnädige Junker schon damals eine so theure Uhr?" Der Graf lächelte. „Es fehlten mir niemals theure Sachen, nur häufig theure Menschen . . . niemals werde ich die Todesstunden meiner Mutter vergessen. . . . Der Doktor hat gesagt, daß der Tod eintreten würde, wenn der Puls anfinge schwächer zu werden , und er legte sich nieder, um ein wenig auszuruhen, denn er war furchtbar müde und abgemattet. Ich blieb ganz allein an ihrem Bett, und mit. der Uhr in der Hand, ihre Hand in der anderen forschte ich . . . sollte der Tod schon herantreten? Je näher er kam, desto seltener wurden die Pulsschläge und desto schneller, schien mir, bewegte sich der Zeiger an meiner Uhr. Unaufhaltsam ging sie weiter, und in der Lilie, an die Du noch denkst, hörte immer mehr der Puls auf, bis er ganz ausblieb. Das, was kommen sollte, ist herangetreten. Auf der Uhr waren fünf Minuten und drei Sekunden nach Mitternacht. ..." Der Jude hatte feuchte Augen, schüttelte mit dem Kopf bejahend, und die Uhren auf den Wänden flüsterten im Chor: tik-taktak-tak, tak-to-tak, tak-to-tak. Der Graf war tief bewegt, er wollte diese Stimmung von sich abschütteln und fing zu scherzen an. „Und Du wirst es nicht glauben, mein Berek, welche Lebhaftigkeit sie manchmal befiel! Als ich einmal in eine Dame verliebt war und nur ganz kurze Zeit mit ihr zusammen sein konnte, jedesmal, wenn ich dann verstohlen auf sie einen Blick warf, wurde ich so wüthend, daß wenn es irgend wie gehen könnte, hätte ich sie am liebsten auf die Erde geschmissen! In Gedanken schalt ich sie: Renne nicht so, Du Dummkopf! Halte 'mal ein, ruhe Dich aus, und möge die Zeit mit Dir zusammen stehen bleiben! Allein sie hörte nicht, rannte immer weiter, und mein Glück . . . lief davon! . . Der Jude fragte leise! . . . „Und haben Euer Hochwohlgeboren innner gut in der Nacht geschlafen?" Der Graf machte mit der Hand eine ironische Bewegung. „Und wenn Euer Hochwohlgeboren nicht geschlafen hatte, waren dann die Gedanken Euer Hochwohlgebocen immer heiter? Nu, ich weiß es allein, daß sie inanchmal nicht gerade vergnügt gewesen

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