Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1897)
- Date
- 1897-01-15
- Page
- Seite 31 (sequence 7)
- Language
- German
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Die Bevorzugten sind Jene, bei denen sich die Ehre mit der Tüchtigkeit verbindet. Mit Bedauern sehen wir den Tüchtigere den Weg der Ehrlosigkeit gehen, wenn er ihn auch von Erfolg zu Erfolg führt. Mit Achtung stehen wir vor dem Ehrenhaften, wenn er auch der zum Erfolge nöthigen Tüchtigkeit entbehrt. Die Art und Weise nun, ob und wie die Ehre begriffen und angewendet wird, wird uns den-moralischen Werth wie des Einzelnen, so eines Volkes geben. , Wenn wir den Maßstab der Ehre anlegen, sind wir, wie in allem, so auch hier dem Jrrthurn unterworfen. Es muß unterschieden werden zwischen der inneren, wahren und der äußeren, falschen Ehre. Jene ist mit dem Menschen innig verbunden; er hat sie sich durch Nachdenken, Schulung erworben. Sie ist ein Theil seines Selbst, seines Geistes wie seines Gefühls und kann ihm weder gegeben, noch genommen werden. Man trägt sie als unveräußerliches Gut in sich, ihr Besitzer gewinnt und verliert an Werth nicht, ob sie von Anderen anerkannt wird oder nicht. Hingegen sucht die äußere oder falsche Ehre nur die Ehrung, das ist die von Anderen gebotene Anerkennung. Hier kann vor allem Selbsttäuschung vorliegen, indem, durch Aufnahme falscher Begriffe und Vorurtheile, Ehre genannt wird, was Ehre gar nicht ist. Ebenso kann Täuschung Anderer obwalten, indem bei Jemandem Ehre vorausgesetzt wird, die er gar nicht besitzt. Von dieser falschen Ehre spricht Sudermann in dem bekannten Schauspiel: „Die Ehre", wenn er, im Ausdrucke 311 weit gehend, meint: „Es giebt gar keine Ehre". Er nmnt jene äußerliche, wenn er sagt: „Was wir gemeinhin Ehre nennen, ist wohl nichts weiter, als der Schatten, den wir werfen, weW die Sonne der öffentlichen Achtung uns bescheint" (II. Akt 11. Szene). Sudermanu nennt sie die „sogenannte Ehre", und so meint er an anderer Stelle: ,,... nun liegt es im Wesen der sogenannten Ehre, daß sie nur von Wenigen, einem Häuflein Halbgöttern, besessen werden darf; denn sie ist ein Luxusgefühl, das in demselben Maße an Werth vertiert, in dem der Pöbel wagt, es sich anzueignen." Darum sagt auch der Held aus dem Hinterhause, Robert : „Ich fürchte, ich kann mir den Luxus nicht gestatten, so was wie Ehre zu haben." Diese Scheinehre ist es auch, die man mir stehlen kann, wie man mir mein Portemonnaie stiehlt. Dagegen ist man wehrlos. Hingegen beschreibt Sudermann schön, was wir wahre, innere Ehre nennen. Sie ist . . . „ein Gemisch aus Scham, Taktgefühl, Rechtlichkeit und Stolz. Das, was Du Dir durch ein Leben voll guter Gesittung und strenger Pflichttreue anerzogen hast, kann dir ebenso wenig genommen werden, wie etwa Deine Herzensgüte und Deine Urteilskraft." Richtig setzt er hinzu: „Entweder sie ist ein Stück von Dir selbst, oder sie ist gar nicht." Von dieser Ehre, insoweit das Wort kabod Ehre bedeutet, spricht die heilige Schrift. Davon, daß kabod auch jene Ehre bezeichnete, „die gerade gut ist als Spiegel für Laffen, als Spielzeug für die Mtißiggänger, als Parfüm für die Anrüchigen", findet sich im heiligen Schriftthum nichts. * Aber eine andere Frage entsteht, die, ob der Ehrbgriff nicht auch,, wie jeder andere, dem Wechsel unterworfen ist, ob der der Bibel nicht von dem heutigen abweicht. Nun ist es gewiß, daß gerade hierin die Anschauungen der Menschen einem starken Wechsel unterliegen, und meine ich, daß das Ehren-(Pracht-)Bett, von dem Ezechiel spricht (23, 41), unser Erstaunen nicht erregen dürfte, und daß wir ihm dieses Epitheton kaum beilegen würden. Dennoch ist,, >>vach dem uns Vorliegenden zu urtheilen, nicht anzunehmen, als hätten sich die Meinungen über Ehre und Schande , soweit sie das Innenleben der Menschen betreffen, so sehr geändert, daß sie nach unserer heutigen Auffaffung im vollen Gegensatz zu jenen der Vorzeit stünden. In diesem Betracht hat der Ehrbegriff im Laufe der Zeit; eine wesentliche Aenderung nicht erfahren. Ueber Aeutzerlichkeiten über den Gegenständ der Ehre, über Arten der Ehrungen mögen die Anschauungen wechseln, das Wesen der Ehre bleibt davon unberührt. Ist ihr Merkmal: das Bevorzugtsein vor Anderen, vorhanden, dann bleibt es gleichgiltig, ob heute noch als Vorzug gilt, was vor dreitausend Jahren als solcher angesehen wurde. Abgesehen ‘ hiervon dürfte es kaum einen heute bestehenden Ehrbegriff geben, der sich nicht auch in der heiligen Schrift vorfände. Als ihren Vorzug muß man es ansehen, daß, was sie, besonders bei Menschen, mit kabod bezeichnet, auch stets als Ehre wird anerkannt werven. Wenn der Stammvater Jakob spricht: „Ihrer Gemeinschaft eint sich nicht meine Ehre" (Gen. 49, 6), ist es für Jeden unzweifelhaft, daß hier von einem Gefühl gesprochen wird, das auch wir nicht anders als mit „Ehre" bezeichnen würden. Wenn uns eine Gesellschaft nicht zusagt, würden wir vielleicht andere Ausdrücke gebrauchen, daffelbe aber würde gemeint sein. So wird persönlicher Muth, wie er in schlichten Sätzen (2. Sam. 23, 19, 23) geschildert, immer in Ehren fstehen. Und das „Ehre Vater und Mutter" wird immer dieselbe Bedeutung behalten, mag bei dem Einen die Ehrerweisung in dieser, bei gem Anderen in jener Weise Ausdruck finden, bei diesem tiefer gefühlt sein als bei jenem. Die verschiedenen Bedeutungen der kabod, obgleich sie erster Reihe sprachliches Interesse haben, laffen uns einen Blick in die Volksseele Israels thun. Denn wenn irgend ein Schriftthum für die Eigenart und den Charakter eines Volkes zeugt, so ist es das hebräische, und wenn irgend ein Begriff geeignet ist, uns diese Eigenart in vollem Lichte zu zeigen, so ist es der der Ehre. * Ihrem Wesen nach kann die Ehre nur ans Lebendes und zwar nur auf Gott und Mensch Anwendung finden. Diese sind die Träger derselben. Wenn die heilige Schrift das Gebiet erweitert und ihre Anwendung auch auf das Thier und auf Lebloses ausgedehnt hat, so ist mau geneigt, diesen Umstand der schaffenden Einbildungskraft zuzuschreiben. . Diese hat ohne Zweifel mitgewirkt, aber sie allein hat das Werk nicht zu Stande gebracht. Um die kabod auch bei Leblosem 511 versieben, müssen drei Momente ins Auge gefaßt werden. Zunächst der Ursprung des Wortes, sodann das Merkmal der kabod, zuletzt die Bedeutung, die das Wort bei Leblosem annimmt. Das Wort stammt bekanntlich von N22, das „schwer, gewichtig" bedeutet. Es weist also in seiner Wurzel auf das Materielle, Leblose hin, und darf es uns nicht wundern, daß es diese Verbindung im Laufe seiner Entwickelung nicht aufgegeben hat. Dem bereits angegebenen Merkmal der Ehre begegnen, wir auch hier. Es besteht auch bei Leblosem ein Bevorzugtsein vor Anderen und sich Erhebet: über dieselben. So wird dem Libanon kabod zugeschrieben, weil er dem Betrachter von der Natur begünstigt erscheint und, im Gegensätze zu seiner Umgebung, in Pracht und Größe sich erhebt. Die Uebertragung der Ehre auf das Leblose geschieht durch Vergleich oder Gegenüberstellung zweier Größe» oder Gegenstände. Dem einen Gegenstand ist die Ehre bereits zuerkannt, dem anderen soll sie Anerkannt werden. Wir legen nun den Maßstab an. Zeigt sich, daß die Summe des Werthes des Einen gleich der des Anderen ist oder in Zukunft sein wird, wird ihm dieselbe Kabod beigelegt. Diesen Maßstab legt Jesaia an (35, 2). indem er der Araba und der Wüste die kaboä des Libanon prophezeiht: „Es freue sich die Wüste und das dürre Land, es juble die Steppe . . . die Kabod des Libanon wird ihr gegeben." Der Wüste fehlt jetzt jeder Blüthenschimick,, aber in der sichereii Erwartung, daß er ihr einst werden wird, legt der Prophet schon jetzt den Maßstab an und verheißt ihr die kabod des Libanon. . Dasselbe Bild gebraucht der j Prophet Jerusalem gegenüber. Die zur Zeit verlassene Stadt muß