Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1897)
- Date
- 1897-01-15
- Page
- Seite 30 (sequence 6)
- Language
- German
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und die Bilder der hebräischen Bibel hier und da in seinen dramatischen Stücken, und selbst in seinen Sonetten,'mehr oder weniger benutzt und verwerthet habe. Ebenso behaupten sie, daß die erste sogenannte autorisirte englische Uebersetzung der Bibel die Hauptquelle gewesen sei, woraus während eines ganzen Jahrhunderts (von 1550 bis 1650) nächst Shakespeare auch Milton, Spencer, Bunyau und manche andere bedeutende englische Litteraten, welche derselben Zeitperiode angehörten, die Inspiration zur Abfassung ihrerlgroßartigen poetischen Erzeugnisse geschöpft haben. Dieselbe englische Version, fügen die fraglichen Autoren hinzu, habe zugleich auch hinsichtlich des leichten klassischen Stils, worin sie abgefaßt ist, den späteren englischen Dichtern, Essayisten, Dramatikern und Rednern als Muster zur Nachahmung gedient. Dieser »Umstand beweist nun zur Genüge, daß die hebräische Bibel direkt und indirekt auf die Entfaltung und Entwickelung der englischen Litteratur recht vortheilhaft eingewirkt, und daß infolgedessen das jüdische Volk auf geistigem und litterarischem Gebiete jedenfalls sich für vergangene und kommende Geschlechter einigermaßen nützlich gemacht hat. Äehnliche interessante Resultate könnten vielleicht erzielt werden, wenn Jemand in Deutschland sich der Mühe unterziehen wollte, zu untersuchen und klar zu stellen, welchen Einfluß die Luthersche Bibelübersetzung auf die folgenden Geisteshelden der deutschen Litteratur in Bezug auf den Stil und den Inhalt mancher ihrer litterarischen Schöpfungen ausgettbt habe. Die neue Session des jüdischen Litteraturvereins, der alljährlich während der Wintermonate in den Räumen des Londoner Jewish College seine Thätigkeit bekundet, wurde vor Kurzem wieder eröffnet. Den ersten Vortrag hielt.ein nichtjüdischer Gelehrter, Mr. Teophilus Pinches vom britischen Museum, und zwar sprach er über einen Gegenstand, worin er besonders befähigt ist, eine ausführliche und zugleich auch interessante Beschreibung zu geben. Er behandelte nämlich das Privat- und öffentliche Leben der alten Babylonier und wies auf die Thatsache hin, daß Letztere ihre Kinder zum Studium ihrer Litteratur strenge angehalten, daß sie beständig mit einander Prozesse geführt und daß sie ihre Todten, statt zu begraben, meistens verbrannt haben. Besonders interessant waren die Bemerkungen des Bortragenden hinsichtlich, gewisser Inschriften, welche die vielen im britischen Museum aufbewahrten babylonischen Tafeln enthalten. Diese bezeugen nämlich, daß die Schöpfungsgeschichte, nebst der der Sintfluth und des 'Thurmbaues zu Babel, den alten Babyloniern bekannt gewesen, und daß die Namen der Monate im modernen jüdischen Kalender geradeso wie die alten babylonischen lauten. Letztere Aussage ist umsomehr frappant, da schon der Talmud im Traktat Megilla die Erklärung abgiebt, daß die Juden die Namen der Monate aus dem babylonischen Exil mit sich nach Palästina gebracht hätten. Vor einigen Wochen veröffentlichte in London ein junger jüdischer Enthusiast für die höheren Interessen des Judenthüms, Mr^ Oswald Simon,, eine Schrift, worin er mit großem Eifer eine weittragende Reform im jetzigen jüdischen kulturellen Leben in Anregung bringt .und befürwortet. Um diese hochwichtige Frage nun nach allen Seiten hin genau zu besprechen, luden die Herausgeber per Londoner „Jewish Quarterly Review" maßgebende jüdische wie nichtjüdische Theologen und Laien in London ein, ihre Meinungen und Ansichten darüber in kurzen Artikeln kund zu geben. Letztere werden im Januarheft der besagten Review erscheinen, und werde ich in einem meiner nächsten Briefe Gelegenheit nehmen, die Leser dieser Blätter mit dem Inhalt der wichtigsten derselben bekannt zu machen. Die Ehre in der Didei. . Von Dr. Josef Stier, Rabbiner in Berlin. I. eber kaboä---Ehre in ihrer vielfachen' Bedeutung habe ich nirgends eine eingehende Besprechung gefunden. Lexika und Encyklopädien bringen nur Allgemeines^ Selbst da, wo sie von der gewöhnlichen Bedeutung Abweichendes verzeichnen, können sie, ihrem Zwecke entsprechend, auf Einzelnes nur andeutungsweise eingehen. Gelegentliche Besprechungen geben ebenfalls kein Bild des Ganzen. Und doch scheint mir gerade dieses Wort einer besonderen Bearbeitung werth. Es ist eines von jenen, die eine allmälige Entwickelung verrathen, bei denen ein Fortschreiten von der Bezeichnung des Materiellen zum Ideellen und Abstrakten, ja bis zum Transcendentalen beobachtet werden kann. Den Spuren dieser Entwickelung nächzugehen, dürfte für uns, ha die Sprüche abgeschlossen vorliegt, zu spät sein. Immerhin läßt sich in den verschiedenen Bedeutungen dieses Wortes eine bei seinem Werden wahrscheinlich innegehaltene aufsteigende Richtung wahrnehmen. Jedenfalls ist es von Interesse, zu sehen, wie das Wort Kabod, das uns auf die steilsten Höhen menschlichen Denkens wie in die Tiefen der Erkenntuiß führt, auf realer, greifbarer Grundlage ruht. Als Merkmal der kabod in der heiligen Schrift gilt, daß sie . überall zur Anwendung kommt, wo der Werth einer Person oder Sache in ethischer, zuweilen auch ästhetischer Beziehung hervorgehoben werden soll. Darin liegt ihr kübod, worin sich die eine über die andere erhebt. Der Begriff des Bevorzugtseins tritt zu Tage. Von anderer Seite ist Anerkennung mit der Ehre als gleichbedeutend genommen worden. Wer als bevorzugt anerkannt wird, wird auch geehrt. Allein Ehre ist eine Folge der Anerkennung, wenn sie auch zeitlich kaum getrennt werden können. Ein weiterer Unterschied besteht darin: Anerkennung, das ist die genaue Kenntniß des Wesens einer Person, zu der wir Beziehungen haben, und das stillschweigende, wo es noth thüt offene Zugeständniß ihrer Tugenden!, kann gefordert und erstrebt werden, Ehre nicht. Auch die Ehre, die Gott fordert, ist, wie oft deutlich genug zu sehen, Anerkennung. Wenn Josua (7, 19) zu Achan spricht: „Mein .Sohn, erweise Ehre dem Gotte Israels," so bedeutet das: zolle ihm Anerkennung, denn durch Uebertretung des Bannes hast du ihn geleugnet, durch das Geständuiß der Wahrheit tritt. Anerkennung wieder ein. Diese, im vollen Sinne des Wortes, kann auch därNm nicht so viel wie Ehre bedeuten, weil zwischen dem Anerkennenden und dem Anerkannten ein Verhältniß der Ueber- und Unterordnung obwaltet. Jener muß diesen als etwas Bevorzugtes, Hohes, mindestens als ein sich Gleiches ansehen. Der Anerkennende tritt wohl zunächst als der Prüfende, Urtheilende auf. Hat er aber die Frage, ob dieser Anerkennung verdient, bejaht, so tritt'ec vor dem Anerkannten in den Schatten oder stellt ihn zum wenigsten sich gleich. Nun ehrt, nach der heiligen Schrift, Gott den Menschen. (I. Sam. 2, 30). Diese Ehre kann nicht Anerkennung sein, weil kein Verhältniß gedacht werden darf, in dem Gott dem Menschen gleichgestellt wird oder gar vor ihm. in den Hintergrund treten müßte. Hiermit hängt es auch zusammen, daß die Ehre als Maßstab für den. sittlichen Werth des Menschen angesehen werden muß. Wir messen zwar die Menschen mit dem Maße der Tüchtigkeit. Aber dieses giebt uns doch nur den äußeren, mehr materiellen Werth des Gemessenen an. So z. B., daß A. durch seine Tüchtigkeit den Kampf um das Dasein besteht, daß'er ein brauchbares Glied der Gesellschaft ist. Der innere, moralische Werth ist damit noch nicht angegeben. Hierfür muß der Maßstab der Ehre angelegt werden.