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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-01-15 · Heft 3 (15.1.1897) · p. Seite 26

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 3 (15.1.1897)
Date
1897-01-15
Page
Seite 26 (sequence 2)
Language
German
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26 Damit hat Herr v. Mirbach nicht nur das Blatt des Ur- Germanen, der noch jüngst von allen antisemitischen Blättern als Heros gefeiert wurde, sondern die ganze Bewegung gekennzeichnet, die der unvergeßliche Kaiser' Friedrich als „Schmach des Jahrhunderts" an den Pranger gestellt hat. Freiherr v. Mirbach sprach mit sittlicher Entrüstung von den Bubenstücken, die gegen ihn ersonnen worden. Der niedrigen Gesinnung ist eben nichts heilig : ihre Träger kennen keine innere Gerechtigkeit, und es war Zeit, daß Einige von ihnen die äußere Gerechtigkeit fühlen gelernt haben. Herr v. Mirbach hat die anerkennenswerthe Ueberwindung gehabt, „der Frivolität öffentlich die Maske vom Gesicht zu reißen", denn, wie er richtig bemerkte, „rechneten" jene Menschen darauf, daß gegen solche Leute nicht eingeschritten wird, weil man sich vor der Berührung mit ihnen scheut. Die Beschuldigungen, welche die Verleumder verbreitet haben und zu verbreiten pflegen, würde man geneigt sein, auf Wahnsinn zurückznführen, wenn sie nicht den Stempel der Spekulation allzu deutlich auf der dreisten Stirn trügen. Die Lügen, die die Antisemiten in die Welt setzen, haben ein zähes Leben: sie überdauern jede Berichtigung, ja jede gerichtliche Widerlegung. Denn die Antisemiten von der Kategorie, die auch von den Konservativerr abgeschüttelt und als Radau-Antisemitismus gekennzeichnet worden ist, solche Antisemiten werden auch durch Gerichtsverhandlungen wie diese nicht eines Bessern belehrt werden, weil sie nicht belehrt sein wollen. Für das Märchen von dem nebenregierenden Kaffeekränzchen versuchten die Angekagten selbst nicht, irgend ein Wort der Begründung beiznbringen: es zerfloß in Nichts. Aber auch die Erzählung von den kirchenbauenden Juden, die durch eben diese Thätigkeit den großen Stöcker lahm legen wollten, erwies sich als Fabel. Es ist nachgewiesen worden, daß die vielen Millionen fift die zahlreich gebauten Kirchen lediglich von Evangelischen gezahlt worden sind, und daß lediglich bei dein Bau der Kaiser Wilhelm-Gedächtnißkirche einige Juden sich mit Geldbeiträgen betheiligt haben. Zum Theil war das, was die Angeklagten erzählt hatten, nicht frei erfunden, sondern es beruhte auf Verwechslungen mit anderen Dingen, auf der Verwechslung mit Beisteuern, die von Juden für andere wohlthätige Zwecke geleistet worden waren. Es ist von antisemitischer Seite oftmals erklärt worden, solche Gaben, deren innere Beweggründe mit der Opferfrendigkeit nichts zu thun hätten, sollten zurückgewiesen werden. Niemand wird behaupten, daß die Wohlthätigkeit, ob sie nun von Juden oder Christen ausgeübt wird, durchweg aus völlig selbstlosen Beweggründen hervorgehe, aber Bodenstedt ließ seinen Mirza Schaffy Mit Recht sagen: „Wenn Gutes nur recht viel geschieht auf Erden, so soll der Grund kein Grund zum Tadel werden." Mit der Klarlegung der Verdächtigungen, die zu dem Gerichtsverfahren geführt haben, und mit der Bestrafung der Schuldigen Tft das direkte Interesse an dem Prozeß erschöpft. Aber für uns hat die Sache noch ein weiteres Interesse, das mit dem Urtheil, welches Schwein- Hagen zu einem Jahre und Sedlatzek zu vier Monaten Gefänguiß verurtheilte, noch lange nicht erschöpft ist. Denn ani Ende: Was haben diese Beiden zu bedeuten? Sie sind nur von Interesse, soweit sie Hintermänner haben. Und daß Herr Schweinhagen,' der zuerst Polizeispion, dann Mitarbeiter der „Kreuzzeitung", dann Mitglied des Agitationsausschuffes der Antisemitenpartei und Mitarbeiter Ahlwardts war, solche hatte, steht wohl außer Zweifel. Gelänge es, diese Hintermänner nun in bengalischer Beleuchtung der Oeffentlichkeit vorzuführen, dann erst hätte dieser Prozeß über den besondern Fall hinaus eine große kulturgeschichtliche Bedeutung. f Berlin, 12. Januar, as erfreulichste Ereigniß in der Woche ist die endgiltige Reorganisirung des deutschen Rabbinerverbandes. Das Unternehmen wurde 1884 in Berlin mit großen Hoffnungen begründet. Drei Jahre später wurde eine'zweite Versammlung in Breslau abgehalten, dann schlief die Sache ein. Hoffentlich wird die Neuorganisation dieses Werkes von längerer Dauer und besserem Erfolge sein. Die Aussichten sind ja sehr günstige. Es haben sich Rabbiner der verschiedensten Parteirichtungen auf einem gemeinsamen Boden zu gemeinsamer Arbeit zusammengefunden. Schon das ist in dieser trüben Zeit von hoher Bedeutung. Aber fast noch wichtiger erscheint uns die praktische Frage. Der Verband muß Mittel und Wege finden, um die Stelle des Rabbiners zu befestigen; er muß durch Gründung einer Pensions-, Wittwen- und Waisenkasse Fürsorge für seine Mitglieder treffen. Das sind nach unserer Meinung die dringlichsten Aufgaben, welche ein Rabbinerverband zu erfüllen hat. Eine energische und zielbewußte Arbeit auf diesem Gebiete wird sicher zu günstigen Resultaten führen. Wir begrüßen demnach die Rekonstruktion des Rabbinerverbandes mit den wärmsten Sympathien und den besten Hoffnungen. Politische und jüdische Blätter brachten in dieser Woche übereinstimmend folgende Notiz: „Das Kultusministerium hat sich mit dem Vorstände der Berliner Synagogengemeinde über die Frage in Verbindung gesetzt, die Rabbine r von Staatswegen zu Inspektoren des jüdischen ReligiorHunterrichts an den höheren Lehranstalten und Volksschulen zu bestimmen. Ferner, wird im Ministerium die Frage des obligatorischen Charakters des jüdischen Religionsunterrichts an allen höheren und anderen Lehranstalten.erwogen. Der Kultusminister ist grundsätzlich der Sache geneigt, als Hindernist erweist sich nur der Mangel an Lehrkräften, dem indeß durch Errichtung, weiterer Lehrerseminare abgeholfen werden soll. Auch die Frage der lebenslänglichen Anstellung mit Pensionsberechtigung bei den höheren Beamten der Synagogengemeinde nach dem Muster der anderen Beamtenkategorien wird in Erwägung gezogen werden. Schließlich dürfte das Ministerium in nicht ferner Zukunft die Frage beschäftigen, event. unter Abänderung des Gesetzes vom 23. Juli 1847, die Rabbiner zu ständigen Vorsitzenden der Vorstandskollegien zu nmchen, wie das bereits in der katholischen und evangelischen Kirche und auch in den Synagogengemeinschaften einiger deutscher Staaten.der Fall ist, damit, ein auf dem Boden des Religionsgesetzes stehendes und von Wahlen unabhängiges Mitglied in der Verwaltung der israelitischen Gemeinden sich befindet." Es braucht wohl nicht eist gesagt zu werden, daß die ganze Notiz von Anfang bis Ende erfunden ist. Es scheint, als hätte irgend ein Spaßvogel hier seine Scherze getrieben und durch eine Schilderung idealer Zustände oder auch durch maßlose Uebertreibuilg die gegenwärtigen, allerdings wenig erfreulichen Verhältnisse ironisiren wollen. Anders ist die Sache nicht zu erklären. ' * Zur Bestätigung unserer Mittheilnngen über die maßlosen Uebertreibungen der Mission bei Angabe der in Palästina lebenden Juden dienen die Zahlen der Einwohner in den verschiedenen Städten, wie sie der in Jerusalem erscheinende Kalender von A. M. Luncz (Luäch Erez Jisroel für das Jahr 5656) angiebt. Wenn dieselben auch nicht unbedingt zuverlässig sind, trotz der Aufzählung von vereinzelt wohnenden Juden, so dürfen sie dennoch als annähernd richtig angesehen werden. Nach diesem Kalender hat: Jerusalem 45420 Einwohner, davon sind 28112 Juden (15074Aschkenasim, 7900 Sephardim, 5138 aus Arabien, Persien und anderen Ländern).

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