Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1897)
- Date
- 1897-01-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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61. Jahrgang. Nr. 3 Berlin, 15. Januar 1897. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchenrlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Postoder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redakteur: Gustav K arpeles. . Begründet von Rabbiner Ludwig PHUippjon-Äonn. Vertags-Grpedition: Gerlin, Jerusalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen fllr Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung deS JudenthuinS', Berlin 8r^., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Leitartikel: Neue Hinterinännor. — Die Woche. — Das neue Hospital. — Bericht über die Thätigkeit des Verbandes jüdischer Lehrervereine im Deutschen Reiche für das Jahr 1896. — Briese ans England. Von Rep. Dr. Chotzner. — Die Ehre in der Bibel. L Von Dr. Jos es Stier. — Feuilleton: Das Ewig-Menschliche. Erzählung von Elise Orszeszko (Forts.). — Andere Zeiten. Eine Erzählung von Gotthard Deutsch (Forts.). Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Frankfurt a. O., Schwerin i. M., Magdeburg, Dessau, Lippstadt, Westsalen- Rheinprovinz, Augsburg, Wien, Petersburg, New-York. — Bon Nah und Fern. — Miscetten. — Briefkasten der Redaktion. Neue Kintermänner. > Berlin. 12. Jmmar.! ^ir haben nicht einen Augenblick daran gezweifelt, daß der große politische Prozeß, der vor einigen Wochen eine ganze Welt in Aufregung versetzte, noch manches Nachspiel Haben werde, das auch auf die antisemitische Agitation interessante Schlaglichter werfen würde. Rascher als wir erwartet, hat sich diese Voraussage erfüllt. Der Prozeß des Oberhofmeisters der Kaiserin, Freiherrn v. Mirbach, gegen das edle Paar Schweinhagen-Sedlatzek, der am 6. Januar die achte Strafkammer des Berliner Landgerichts I. beschäftigte, ist ein solches Nachspiel und wurde demgemäß auch von der öffentlichen Meinung aufgefaßt. Den Verlauf dieses Prozesses kennen die Leser aus den Tagesblättern. Uns bleibt nur eine Nachlese und eine Betrachtung. aus der historischen Perspektive übrig. Da ist zunächst der verleumderische Artikel selbst von hohem Interesse. Er ist genau auf denselben Ton gestimmt, wie die Hunderte, ja Tausende von Artikeln, die seit mehr als zehn Jahren gegen Juden und Judenthum von jener Seite ausgegangen. Da wird sehr ausführlich erzählt von den Machenschaften „der weiblichen Mitglieder der jüdischen Hofpartei". Man habe es nicht für möglich gehalten, daß die Frauen einiger Geldjuden, die gelegentlich bei Hofe erscheinen dürfen, einen Einfluß auf unsere Politik auszuüben vermögen. „Gewiß erscheint diese Thatsache unglaublich/ aber sie ist doch wahr." Es wird dann erzählt, daß Stöcker sich vergeblich bemüht habe, das Geld für die von ihm als nothwendig erachteten fünfzig Kirchen zusammenznbekommen, und daß dann die Inden gekommen seien und gesagt haben: Den Mann machen wir dadurch am leichtesten unschädlich, daß wir das Geld geben, mit dem endlich ein paar Kirchen gebäut werden können. So sei dann als Gegenstück zu der früheren Waldersee-Versammlung im, Reichsbankgebäude unter dem Vorsitz Dechends eine Bleichröder- Versammlung abgehalten, in welcher der Geldgrundstöck für die Kircheubauten von den Bailkjuden gezeichnet worden' sei. Der Kaiserin habe man diesen' Opfermnth der Börsenmillionäre so rührend geschildert, daß die hohe Frau ' ihren' Oberhofmeister,- den Frech v. Mirbach, beauftragt habe, in ihrem Namen das Werk des Kirchenbaues nun endlich in die Hand zu nehmen. Seit dieser Zeit solle Freiherr v. Mirbach der Vermittler „zwischen der Berliner Börse und dem kaiserlichen Hofe" sein. Die Gattinnen der Geldjuden hätten -unter der Oberleitung des Herrn Oberhofmeisters ein sogenanntes Missionskränzchen gebildet, Freiherr v. Mirbach sei bemüht gewesen, für dieses die Kaiserin persönlich heranzuziehen. Mehrere Hofdamen seien dem Kränzchen beigetreten, einige Ministersrauen und die Gattin des „jüdischen Chefs der Kolonialabtheilung" seien dem Kränzchen beigetreten, und so sei binnen Kurzem „eine Art weiblicher Nebenregierung" entstanden, für welche das Stichwort in den Bankpalästen der Behrenstraße ausgegeben worden sei. In diesen: Kränzchen wisse man ganz genau, wie der Fall Kotze mit seinen namenlosen V'erlenmdungsbriefen entstanden sei. In diesen Kreisen seien vielleicht auch die 200000 Mark gesammelt worden, mit denen man dem Dr. Friedmann die Handschrift der Erpresserschrift „Die Revolution von Oben" abgekauft haben soll. Der Artikel schließt mit folgenden empörenden Angriffen gegen Freiherrn v. Mirbach: „Ob wohl Freiherr v. Mirbach heute sich bewußt ist, welche Rolle er bei diesem Treiben spielen mußte? Leider müssen wir glauben, daß nicht einmal die kläglichen Vorgänge bei der Geldschaffung für die Kaiser - Wilhelm - Gedächtnißlirche einen tieferen Eindruck bei ihm hinterlassen haben. So ist es denn heute dahin gekommen, daß die Juden des „Kleinen Journals" und der demokratischen „Volkszeitung" die Verteidigung des kaiserlichen Oberhofmeisters führen muffen, denn schon halten sich viele seiner adligen Stammesgenossen von ihm fern." Daß in dem ganzen Artikel auch nicht ein Wort wahr ist — diese Versicherung erscheint in der That mehr als überflüssig. Aber die Art und Weise, wie diese Hirngespirmste vor Gericht unbarmherzig zerstört wurden, war für die öffentliche Meinung sehr belehrend und für uns eine wahrhafte Genugthuung. Insbesondere gilt dies von der Zeugenaussage des Freiherrn v. Mirbach, die vernichtender wie das Urtheil selbst nicht nur für die Angeklagten, sondern für die ganze antisemitische Agitation sich gestaltete. Ja, eine wahre Genugthuung war für uns das, was Freiherr v. Mirbach über die Unwahrheit und Hetzsucht der christlich-sozialen Presse einer bestimmten Richtung und der antisemitischen Blätter sagte, die seit einer Reihe von Jahren auch gegen Thron, Regierung, "Kirchenbehörden und hochstehende Beamte mit dreisten Schmähungen Vorgehen, und die.-derselbe treffend mit den Worten charakterisirte:/ „Sein Vaterland ist wüste Demagogie, Monarchie, Thron und ^Herrscherhaus bewirft er mit Koth, sein Christenthum ist ein Deckmantel, hinter dem sich die schändlichste Vexleumdungssucht und fanatische Hetzsucht gegen Mitmenschen birgt."