Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1897)
- Date
- 1897-01-08
- Page
- Seite 24 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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einander, und ehe die Angerufene noch das Zinuner erreichte/ kam auch Fanny todtenblaß hineingestürzt, mit Ausrufen, des Schreckens.. ftagend : „Was ist geschehen, um Gotteswillen, was bedeutet derd ' Lärm?" ' Mordche blieb ruhig. „Gar nichts, denv Vater ist schlechter," sagte er zu 'Fanny gewandt, „er hat einen Ohnmachtsanfall gehabt; - ich möchte um den Doktor schicken," und zu Gutrud sagte er leise: „Geh' schnell, und auf dem Rückwege halte Dich bei Reb Bär auf, er soll hierher, kommen und die Chewra znsammenrufen lasten." ' Geheiinthuerei im Affekte des Zornes und des Schmerzes war aber Gutrüds Sache nicht. „Ich habe es gleich gewußt," schrie sie, . „wie man ihn von Schul nach Hause geführt hat: Ich- Hab' es gleich gewußt. Jetzt ist Alles vorbei. Wenn mich Gott nur auch wollte von der Erde nehmen. Ich bin doch in meinem ganzen Leben zu nichts Gutem dagewesen! Ich möchte lieber gehen statt seiner. So ein Schatz von Frömmigkeit und Gelehrsamkeit soll weggerissen werden! O, Du gerechter Gott, wie soll ich das überleben!" Fanny wußte erst jetzt, um was es sich handelte. „Steht es wirklich'so schlimm mit dem Vater?" fragte sie mit vor Schluchzen ' erstickter Stimme, während Gutrud, die Schürze vor dem Gesicht, | ' auf die Straße hinausstürzte. „Wir sind Alle in Gottes Hand," war die Antwort, „wir müssen es nehmen, wie sein Name es über uns verhängt. Uebrigens wollen wir hören, was der Doktor sagt," fügte er tröstend-hiuzu.; „Vater, Vater!" schrie Fanny auf, während-sie des Sterbenden j Hand krampfhaft faßte. DevAugerufeue antwortete nicht. Schluchzend warf sie sich in einen Lehnstuhl, während.ihre Tochter, gleichfalls laut weinend, sich über M beugte. ' . . „Schicken Sie doch das.Kind weg," sqgte Mordche, „und gehen j Sie selber in ein Nebenzinnner. Sie können ja doch hier nicht j helfen." ,; „Nein!" schluchzte die Angeredete, „ich will hier aushalten.! Das ist doch das Einzige, was ich für den guten Vater thun kann." Mordche ließ sie gewähren. Inzwischen trat Reb Bär ein. Ohne ein Wort des Grußes zu! sprechen und ohne seinen Hut zu lüfteii, näherte er sich dem. j Krankenbette.. Ein Blick belehrte ihn über die Situation. Er setzte; sich stillschweigend an das Fenster, zog ein kleines Büchlein aus der; Tasche und begann leise zu beten. Red Bär war auch dem Ge- : meindeleben gegenüber passiv, obwohl in seiner Zurückhaltung nicht; jener verletzende. Stolz lag, welche. die Haltung Reb Nephoels charakterisirte. Er war ein armer Mann,, der seine Sorgen um das tägliche Brod hatte, Sorgen, 'die um so drückender sind, wenn die i Intelligenz des Nothleidenden sie empfindlicher macht. Von allen; Ehrenämtern, welche die Gemeinde zu vergeben hatte, war ihm nur ' das Amt eines Vorstehers der „heiligen Brüderschaft" congenial. : Hier fand er seine Aufgabe, über die Erhaltung der ererbten Bräuche zu wachen und die nach rabbimschen Begriffen höchste Wohlthätigkeit, die Theilnahme am Leide Anderer zu üben. Auch ein ■ gewisser Stolz lag darin, ein Stolz, wie wir ihn bei depossedirteu; Potentaten und den Erben großer Nanten finden. Sein. Großvater hatte dasselbe Amt bekleidet, er hatte ihn als Knabe schon auf den Gängen zu den Krankenbetten begleitet, und so fühlte er sich in einer erblichen Würde wie ein englischer Lord als Premiermiüister. Er war immer der Erste auf dem Platze, wenn die Chewra zu; einem Sterbenden gerufen wurde, er traf alle Anordnungen mit jener Ruhe und Gelassenheit, welche den Angehörigen so wohlthun, und wußte es so einznrichten, daß sie. sich um nichts zu bekümmern hatten. Dabei hatte er die Untugenden der alten Chewra soweit l abgeändert, daß die verfeinerten Gefühle der modernen Welt ltidjf beleidigt wurden, ohne, jedoch die religiösen Gebräuche abzuändern. Ein rasches Klopfen an der Thür unterbrach die Stille' des Sterbezimmers/ Die Thür wurde rasch geöffnet, und hastigen Schrittes trat der Arzt, ein, legte Hut und Stock auf den Tisch und trat an das. Bett. „Bitte, lassen Sie Licht bringen," sagte er, zu Fanny gewendet. Das. ging nicht so rasch, denn noch war es Sabbath, und gerade in diesem Angenblicke hätte es Niemand gewagt, das Gebot zu brechen. Es dauerte eine Weile, bis ein Weib gefunden war, welches unter Gutrnds Anweisung die Oellampe anziliiden. konnte. Der Arzt hatte indes; den Puls, des Kranken gefühlt und seinem Herzschlage gelauschte Jetzt ließ er ihm die Stirne und Schläfen reiben, flößte ihm einige Tropfen Medizin ein und beobachtete ihn eine Weile. ' Angstvoll fragte Fanny, die ihm bisher schweigend zugesehen hatte: „Wie steht es mit dem Vater, Herr Doktor?" Der Angeredete zuckte die Achseln. „Ich bedaure^ eingestehen zu müssen, daß mein Misten am Ende ist. Die Gesetze der Natur sind mächtiger als unsere Kunst. Sie müssen sich auf das Schlimmstein den nächsten Stunden gefaßt machen." Dann ergriff er seinen Hut und Stock und wandte sich zur Thür. ,' Fanny brach in ein lautes Schluchzen aus. „Der gute, gute Vater!" rief sie einmal über das andere. „Wer das vor drei Wochen noch gesagt hätte! Wie hätte ich mir das heute noch vorstellen können! Wenn wir ihn von geistiger Anstrengung hätten, zurückhalten können! ,.Er hat sich ja gar nicht rathen lassen!" Reb Bär kannte solche Szenen. Mit ruhiger Entschiedenheit sagte er, auf sie zutretend: „Meine liebe Frau, Sie müssen das Zimmer jetzt verlassen. E^ ist gegen unser Gesetz, daß Frauen in einem Sterbezimmer anwesend sein sollen. Man muß sich fügen in das, was Gott uns schickt. Für uns alle kommt die Zeit. Das ist unsere Bestimmung." „Wenn nur Max da wäre!" schluchzte die Angeredete.. Da trat Chawe ins Zimmer, und mit der Macht, welche dem sittlichen Charakter innewohnt, nahm sie die Widerstandslose am Arm und sagte: „Kommen Sie mit mir!" Willenlos folgte die Angeredete, von ihrer Tochter begleitet. „Ich höre die Leute unten," sagte jetzt Mordche. „Geht hinunter," erwiederte Reb Bär. „sagt ihnen, daß sie' warten sollen, und bereitet alles vor. Wenn sie wollen, können'sie indessen Maariw beten. Wir werden hier bleiben." (Fortsetzung folgt.)' Sprechsaal. Geehrter Herr Doktor! & Nr. 1 der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" lese ich in dem cV Artikel von Goldschmidt: „Sind die Juden vaterlandslos?" in der Erzählung von Joseph Moses Stargardt in Mäskirch, Friedland, daß noch ein Enkel von diesem, nämlich Joseph Gottschalk lebe. Sie würden mich verbinden, wenn sie diese Angabe in der nächsten Woche dahin berichtigen würden, daß noch mehrere Enkel von diesem Stargardt leben, und zwar : Professor Emil von Friedberg, Kgl. Hofrath in Leipzig, Justizrath Stargardt hier, Frau Fanny Kalmus geb. Gottschalk Hier, und Frau Minna Lehmann geb. Stargardt Hier, die Mutter seines Urenkels, Ihres ganz ergebenen Buchhändlers v Berlin, 4 Januar. ~ Paul Lehmann. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.