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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-01-08 · Heft 2 (8.1.1897) · p. Seite 23

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 2 (8.1.1897)
Date
1897-01-08
Page
Seite 23 (sequence 11)
Language
German
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23 Andere Zeiten. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben der jüngsten Vergangenheit, von Gotthard Deutsch Zwanzigstes Kapitel. Der ewige Sabbath. ie durch die Aufregung hervorgerufene Munterkeit des Kranken war von kurzer Dauer. Er fühlte sich, als die Gäste ihn verlassen hatten, sehr abgespannt, nur auf sehr'eindringliches Zureden ließ er sich bewegen, einige Löffel Suppe zu nehmen, dann wünschte er allein gelassen zu werden, um zu schlafen. Sein Schlaf aber war ruhelos. Nach einem Schlummer von wenigen Minuten erwachte er ächzend und stöhnend, wollte ungeduldig das Bett Verlusten und es kostete Fanny viele Mühe, ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Der Nachmittag ist immer 'die ungünstigste Zeit für Kranke, und darum dachte, obwohl der Patient schwächer und unruhiger war als je zuvor, Niemand an etwas Schlimmes, besonders da der Kranke bei vollein Bewußtsein war, außer wenn er in seinem Halbschlaf einzelne unzusammenhängende Worte hervorstieß. Pünktlich nach dem Minchagebete erschien Mordche. Der Kranke hatte ihn erwartet und einigemal ungeduldig nach ihm gefragt, indem er sich bald nach der Tageszeit erkundigte, bald wieder fragte, ob die Leute noch nicht aus Schul gegangen seien. „Wie spät ist es?" sagte er auch jetzt wieder, als Mordche eingetreten war. „Ihr müßt heute lange aus Minjah gewartet haben." In Mordche stiegen schlimme Ahnungen auf. Er ^wußte von seiner langen Erfahrung an Krankenbetten, daß das ungeduldige Fragen nach der Zeit ein böses Zeichen sei. Er näherte sich dem Kranken. Sein Blick war trübe, seine Stirne feucht und seine Hand fieberisch. Er setzte sich stillschweigend an das Fußende des Bettes. „Es ist so finster," begann der Kranke wieder, „und mein Kopf ist schwach. Ich habe versucht, das „Borchi Nafschi">) zu sagen, aber es geht nicht; ich komme immer in etwas anderes hinein; ich muß es über den Sommer vergessen haben, und hier bei meinem Bette ist es zu finster oder meine Augen sind zu schwach. Ich kann nicht lesen. Nimm Dir das Siddur^) und sage mir vor." Mordche versuchte zu widersprechen. „Es wäre besser," meinte er, „Ihr möchtet Euch nicht anstrengen, Ihr habt Euch heute schon zu viel den Kopf angestrengt." „Kindische Person," sagte Reb Rephoel, „mir ist heute besser als irgend einen Tag in der Woche." Auch das ist kein gutes Zeichen, wenn der Kranke, entgegen allen tatsächlichen Anzeichen, wohl zu sein behauptet. Mordche wußte das, aber er gehorchte, denn erstens soll man einem Kranken den Willen thun, und dann kann das Wort Gottes ja nicht schaden. Er setzte sich an das Fenster und las den 104. Psalm, die großartige Schöpfungs- Hymne, in jenem eigenthümlichen litaneimäßigen Tonfall, welchen die Synagoge der Kirche vermacht hat, und der am Sabbath Nachmittag die Müdigkeit des an die Ruhe und das Wohlleben nicht gewohnten, immer entbehrenden und beschäftigten Juden ausdrückt, gemischt mit einem Tone des Bedauerns, daß der Tag der Ruhe zu Ende geht, daß die Sabbathseele scheidet und der arme Hausirer wieder hinaus muß in Wind und Wetter, um Hunger und Durst, Schimpfreden und Steinwürfe zu ertragen, froh, wenn er soviel verdient, als er zur Fristung seines kärglichen Lebens nöthig hat. Mordche las, und Reb Rephoel bewegte flüsternd seine Lippen; seine Augen waren halb geschlossen, und sein Athem ging schwer, in stoßweisen Absätzen. Als Mordche las: „Der Mensch geht an sein Werk und an seine Arbeit bis zum Abend", rang sich ein schwerer Seufzer von des Kranken Brust. Mordche las die schönen Stufengesänge, den hehrsten Ausdruck der auf Gott vertrauenden Seele. Die Lippen des Kranken bewegten sich weiter wie zuvor. „Meine Seele harrt auf den Herrn mehr als Wachende ans den Morgen." So las Mordche aus dem Gebetbuch die Worte, welche die Seelenstimmung des zu Gott gewandten Gemüthes so meisterhaft ausvrücken. Was kann auch lebendiger und kräftiger die Sehnsucht nach Gott uns vor die Seele führen, als das Bild von dem Kranken, der sich ruhelos auf seinem Schmerzenslager windet, des Unglücklichen, den der süße Tröster Schlaf flieht, des Gefangenen, er sich von tiefer Kerkernacht umgeben sieht? Sie alle harren sehnsüchtig dem Lichte des Morgens entgegen. Eine eigenthümliche Melodie unterbrach die Vorlesung. Der Kranke summte ganz deutlich die Worte des Büßliedes: „Der alles prüft und hat gesehen Und hat mein Thun geschaut. Wenn Unrecht je durch mich geschehen Und Trug ich hätt' gebaut, Vergiß mein thörichtes Vergehen, Die Schuld, vor der mir graut. Hör' gnädig diesen Morgen des Beters matten Laut." Mordche kannte wohl nicht den Text, aber die Melodie war ihm hinlänglich vertraut. Erschrocken legte er das Gebetbuch zur Seite und eilte an das Krankenbett. „Um Gotteswillen, was ist Euch, Reb Rephoel!" rief er, „Ihr sagt doch Selichos!" „Du mußt geträumt haben," erwiederte der Kranke, seine Augen weit öffnend, „lies nur weiter." Mordche ging kopfschüttelnd an das Fenster zurück und begann den unterbrochenen Psalm noch einmal. Der Athem des Kranken hörte sich wie ein stoßweises Aechzen an; man wußte nicht, ob er athmete oder die vorgelesenen Worte flüsternd mitbetete. „Wahrlich, ich habe geebnet und beschwichtigt meine Seele, wie ein Kindlein verlangt nach seiner Mutter. Harre Israel auf den Herrn von nun an bis in Ewigkeit." So las Mordche, die letzten Worte dehnend und mit gehobener Stimme den Triumph des Glaubens über alles Leid des Lebens, über Schmerz und Sorge, über Krankheit und Tod andeutend. Er hielt inne, um einer: Augenblick zu lauschen. Das Athmen des Kranken klang tiefer und beschwerlicher als vorhin. Er wartete, ob keine Aufforderung käme, weiter zu lesen. Der Kranke sprach nicht. „Soll ich weiter sagen, Reb Rephoel?" fragte er. Keine Antwort! Er erhob sich, um nach dem Kranken zu sehen. Seine Ahnung hatte sich bestätigt. Der Kranke lag mit halbgeöffneten, ausdruckslosen Augen, aus seiner Brust stieg ein schweres Röcheln auf, seine Hände ballten und öffneten sich; die Arme erhoben sich in die Luft, um sofort wieder kraftlos herabzusinken. Für den in solchen Dingen erfahrenen Mordche war nun kein Zweifel mehr.. Er nahm das auf dem Nachttischchen stehende Fläschchen mit Hosfmannschen Tropfen, rieb dem Kranken Stirne und Schläfen ein, er flößte ihm einen Theelöffe! der belebenden Flüssigkeit durch die halbgeöffneten Lippen ein; der Patient schüttelte widerwillig den Kopf, und das Röcheln wurde durch einen schwachen Hustenreiz unterbrochen, aber er schlug die Augen nicht auf und antwortete nicht auf die Frage, ob er etwas wolle. Jetzt war es Zeit. „Gutrud!" rief Mordche, an das Küchenfensterchen klopfend, „komm schnell." „Was ist, um Gottes willen, ist etwas geschehen? Schma Jisroel, Gott behüte und bewahre uns. Oh, mir nicht; was ist's, was ist's?" So ging es in raschen, gellenden Ausbrüchen durch- 9 Psalm 104. 2) Gebetbuch.

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