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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-01-08 · Heft 2 (8.1.1897) · p. Seite 22

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 2 (8.1.1897)
Date
1897-01-08
Page
Seite 22 (sequence 10)
Language
German
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22 Sie standen Beide nebeneinander in verschiedener Gestalt, denn der Wirth war schmächtiger und kleiner als der Gast. Das Licht der Lampe, die der Jude in der hoch erhobenen Hand hielt, fiel aus zwei Gesichter die einander zwar unähnlich aber doch von der gleichen Zahl von Runzeln durchfurcht waren. — Beide trugen sie Brillen, beider Augen waren mit gleichem Entzücken auf die Uhr gerichtet. Plötzlich sprang aus dem Inneren der Uhr durch eine Feder emporgeschnellt ein Vogel aus Metall und schlug über ihren grauen Häuptern und runzligen Gesichtern mit seinen Flügeln und laut, hell begann er zu rufen: Ku-kuk... ku-kuk. Der Jude stieg zuerst vom Schemel auf die Erde und half seinem Gast das gleiche zu thun, in der Hand hielt er noch die Lampe, die er wegzustellen vergaß und blickte den Gast unverwandt an. — „Mit Verlaub des gnädigen Herrn," flüsterte er schüchtern, „vielleicht thue ich mich irren, aber es scheint mir, daß meine alten Augen den gnädigen Herrn erkannt haben. . ." „Warte, warte," sagte der alte Herr lebhaft, „auch ich erinnere mich dunkel. Kannte ich Dich nicht 'mal?" „Der Hochwohlgeborene Herr Graf Xaver von Strumienice." „Ja, ja und Du? denn ich kann mich nicht entsinnen." „Ich bin Berek, Sohn von Schimschel, des Pächters von Strumienice." „Berek! ist es möglich? Aber ich erinnere mich ja ganz deutlich, meine Schwester nahm Dich zum Modell für irgend ein Bildchen." Der Jude nickte bejahend mit dem Kopf; die Lampe stellte er auf den Tisch, denn seine Hände begannen zu zittern. Er zog aus der Ecke eii^n alten Stuhl mit einem eingefallenen Matratzenkissen und einer schon halb zerbrochenen Lehne hervor, indem er den Gast einlud, Platz zu nehmen. Er schnalzte mit den Lippen, lachte, blinzelte mit den gerötheten Augenlidern untern den ergrauten Brauen, wie Jemand, der durch das Licht geblendet wird. Er setzte sich endlich, starrte den Gast au, stieß unverständliche Laute aus, aus denen man dennoch die Freude und Ueberraschung erkennen konnte. Auch der alte Herr sah ihn erstaunt an. „Ist es möglich? Du — Berek? Du.der Berek mit den krausen goldblonden Haaren, mit dem frischen Mädchengesicht und den Augen wie zwei Türkisen? Meine Schwester nahm Dich als Modell zu irgend einer Figur in einem Bilde, dann kamst Du öfter ins Schloß .... Also Du bist es?" »Ich — ich selbst, gnädiger Herr! Und der gnädige Herr sind der Junker, der die Treppen des Schlosses zu Strumienice nie anders bestieg, als immer vier Stufen auf einmal überspringend. Als mich das gnädige Fräulein Komtesse malte und der gnädige Herr Graf Xaveren das Zimmer, wo wir waren, eintraten, war's, als küuie die Sonne hinein. Ei, als ob ich nicht mehr wüßte, wie der gnädige Herr Graf eilten und init den jungen Fräuleins herum tanzten!.Wenn noch so viele junge Herren sich aufs Pferd setzten, kam der gnädige Herr doch Allen voraus, wenn noch so viele Fräuleins da^waren, alle wollten mit dem gnädigen Herrn.tanzen. Ich habe das alles gesehen, wenn es auch nur hinter dem Zaun oder unter den Fenstern des Palastes war." „Ach ja, richtig,"., unterbrach ihn der Graf, „ich erinnere mich anchDnuec am besten, wie Du am Baum, auf dem Hof oder im Garten standest und Alles mit eigenthümlich naiven, erstaunten und freudigen,Augen.anstarrtest. . . . Oesters sprachen wir mit meiner Schwester von Dir. daß Du aussähest, als freuest Du Dich mit der ganzen Welt, und könntest diese Freude nie genug bekommen. . . ." Der Jude lachte leise. „Und der gnädige Herr haben sich damals nicht mit der ganzen Welt gefreut?" Der Graf versank in Gedanken und seufzte auf. „Natürlich," .sagte er, „die Jugend! ... Wir waren Beide jung, lieber Berek." Der Jude fragte leise, kein Auge von seinem gnädigen Herrn lassend: „Und jetzt?" „Jetzt! Na was? sind wir Beide alt! . . ." Der Jude stützte seine Hände auf die Knie, bohrte den Blick in die Erde, versank in sich selbst, wurde kleiner. „Hm, hm, warum sollten wir nicht zusammen älter geworden sein, wenn wir zusammen jung gewesen sind? Ein jeder Mensch, sei er Jude oder Christ, ob er groß ist oder klein, hat seine Jugend und sein Alter. . . . Und für Jeden ist Jugend Freude und das Alter solch' eine Trauer, solch' ein Schmerz, daß man ihn bis an sein Grab davon nicht befreien kann. ... Jeder macht es durch. . . ." Er schwieg. Auch der Graf schwieg, und nur die Uhren an den Wänden plauderten leise, unruhig: tak-tak, tak-to-tak, tak-to-tak. Eine von ihnen begann mit tiefem Baß zu schlagen: eins, zwei, drei! Aber kaum hatte sie drei Mal geschlagen, ertönte eine andere und klingelte mit ganz dünner Stimme: eins, zwei! Beim sechsten Schlage tönten schon drei Stimmen, beim siebenten sechs, sieben, acht,^neun, schlugen sie im Chor, nachher in drei und zwei Stimmen nochmals die neunte Stunde ankündigeud. Der Graf blickte lächelnd um sich. „Ein Konzert!" flüsterte er und fügte dann in Gedanken hinzu: „Mein Berek, wie viel Stunden hat die Zeit schon für mich und für Dich geschlagen." „Nun," antwortete der Jude, „warum sollte sie nicht schlagen? Wir waren weit von einander entfernt und sahen uns nirgends und vergaßen einander, und die Zeit schlug auf den Uhren weiter ihre Stunde, und wie sie eine geschlagen hat, so war es für den gnädigen Herrn und für mich, denn sie schlägt für Alle die Stunden. Er schwieg einen Augenblick, dann begann er. seinen Gast anseheud, schüchtern: „Weiß der gnädige Herr . Graf auch, daß ich mich seiner Eltern entsinne, als hätte ich sie gestern gesehen? — Des Herrn Grafen Vater war klein von Gestalt, aber so edel von Gesicht, und die Frau Gräfin hatte solche Hände, daß ich immer dachte, es wären weiße Blumen .... diese, die im Garten wuchsen und von denen der Gärtner sagte, sie heißen Lille .... vielleicht erinnere ich mich nicht mehr genau, Lille; Lille .... Lille .... solche weiße, schöne Blumen, die so sehr duften. Die gnädige Frau Gräfin hatte Hände, die so aussahen wie diese Lillen. Der gnädige Herr soll nicht böse sein, wenn ich ihn frage, ob der gnädige Herr Papa und die gnädige Frau Mama noch leben?" Dieses Mal wurde das Lächeln des Grafen bitter, als er antwortete: „Wo denkst Du hin, Berek? Ist es möglich, daß ich noch Eltern haben sollte, die noch am Leben sind? Diese weißen Lilien, von denenDu sprichst, liegen schon lange in der Erde. Seine Stimme erbebte, aber seine Ergriffenheit bezwingend, fragte er wohlw'ollend: „Und Deine Eltern? Deines Vaters entsinne ich mich fast nicht mehr, aber Deine Mutter steht mir noch sehr im Gedächtniß. Eine schmächtige, mittelgroße Frau, abgearbeitet, mit verwelktem Gesicht, aber mit noch schönen, schwarzen Augen, feurig wie die Flamme." Der- Jude schwieg eine kurze Zeit, dann, mit seinem mageren und . dunklen Finger zur Erde zeigend, sagte er leise: „Die Flammen, an die der gnädige Herr noch denkt, sind schon lange in der Erde!" Die Uhren murmelten tak—tak—tak—tak—tak—tak—tak—tak; zwei Menschen schwiegen, und ihre Seelen waren versunken in dem Geräusch der Zeit. (Fortsetzung folgt.)

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