Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1897)
- Date
- 1897-01-08
- Page
- Seite 21 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Ein Quell in einem Garten, - - ' Eine lebende Quelle, Ein Libanon-Bach. Hebe dich Nordwind, Komm Wind vom Süden, ,, Blas in meinen Garten, ... Daß sein Duft sich verbreite. Sie geht auf seine Bildersprache ein und rrift ans: Mein Geliebter komme in seinen Garten Und speise von seinen erlesenen Früchten! Er antwortet unter steigender Ekstase: Ich komme nach meinem Garten, Meine Schwester, meine Braut, Ich pflücke meine Myrrhen, Und meinen duftenden Balsam, Speise meinen Honig, . Sauge meine Süßigkeit, Trinke meinen Wein und meine Milch. Speist? meine Freunde, Trinkt und berauscht euch in Liebe! Dieseletzten Worte, die an die . Umgebung gerichtet werden, kann man, wenn der.Vortrag oder die Aufführung der Dichtung ein Wied der Hochzeitsfestlichkeiten waren, an den Chor der Brautführer gerichtet denken. FEUILLETON =n—if- Das Ewig- Me »schliche. Eine Erzählung von Elise Orszeszko. (Fortsetzung). -inen Augenblick spater erscholl aus diesem Geräusch' eine laute, klingende, eigenthümlich lebhafte und frische Stimme, die durchs ganze 'Zimmer rief': KU-ku . . . kn-ku und später in regelmäßigen Absätzen wiederholte ku-ku . . . ku-ku . . . ku-ku, bis sie nach dem achten Mal schwieg, und das Zimmer wieder von dem lauten und trotz seiner Regelmäßigkeit eiligen Murmeln der Uhren erfüllt wurde. - Der alte graue Jude erhob seinen Kopf, seine Lippen umspielte ein wohliges Lächeln, und er ließ rings umher seinen zufriedenen Blick'schweifen, wobei er auf das Gesicht des an der Schwelle Stehenden fiel, dessen Gesicht gleichfalls von einem Lächeln erhellt war. Der Alte stand von seinem Schemel auf, berührte - mit den Fingern sein Sammetkäppchen und begann: „Gnädiger Herr befehlen?" aber als er, den kostbaren Pelz, die vornehme Erscheinung des Herrn mit der goldenen Brille sah, verbesserte er sich: „Euer Hochwohlgeboren befehlen?"• Aber der hochwohlgeborene Herr schritt, statt zu antworten, gerade auf die Wand mit den vielen tickenden Uhren zu und blieb vor der stehen, die die Rufe des Kuckucks nachgeahmt hatte. , „Woher hast Du diese Uhr? Altertümlich! .. . Und das Zifferblatt sehr merkwürdig. Wo hast Du sie her? . Wem gehört sie?" Der Jude war wie elektrisirt, und mit zwei schnellen Schritten stand er - neben dem alten vornehmen Herrn, vor dem hohen Ebenholzkasten; durch eine kleine: Scheibe guckte ein Uhrantlitz mit einem Kuckuck heraus. „Wem sie gehört? wem soll sie gehören? — :Mr gehört sie. Wie der Sohn seinem Väter, wie der Freund seinem Freunde, so gehört sie mir! - Euer Hochwohlgeboren-glaubten wohl, daß sie bei mir in Reparatur ist? däß sofort Jemand kommt und sie abholt? ejl ej! Ich würde Jeden, der mir die Uhr nehmen wollte, mit dem Stock traktiren! Wenn sie mir Einer nehmen möchte, würde ich einen solchen Skandal machen, das; die Leute züsammenlaufen und ihn herauswerfen müßten, diesen, der mir die Uhr nehmen wollte ... denn sie gehört mir. . . Er sprach mit großer Lebhaftigkeit und Begeisterung, und dabei zeigte er ein schalkhaftes Lächeln, doch plötzlich-schwieg er und bohrten aufmerksam seinen Blick in den Gast; der aber, ohne ihn anzusehen, mit erhobenem Kopf und etwas geöffnetem Munde die Uhr anstarrte. — „(Sieb mir den Schemel und die Lampe," sagte er, „denn ich kann das Landschaftsbildchen auf dem Zifferblatt nicht felgen. Ich sehe etwas, aber weiß nicht was. . , Bei den letzten Worten stieg er auf die Bank, die ihm der Jude . heranschob, und er that es so elastisch, als hätte er bis jetzt noch nie seine Füße träge schleppen müffen. „Gieb die Lampe," rief er. „Sofort, sofort, gnädiger Herr." Und der alte Jude stellte sich mit der Lampe in der Hand neben dem Gast auf eine andere Bank.' „Genf!" rief der alte Herr, „ja, ja! eine Schweizer Fabrik, weißt Du nicht, wie sie heißt?" ■ „Warum soll ich das nicht wissen.Kann ich etwas nicht wissen, was die Uhr betrifft?" Und triump'hirend nannte , er eine Fabrik, die schon lange nicht.mehr existirte. ''' '' „Das war eine solche Fabrik, wie sie heutzutage nicht mehr vorkommt!" „Ja es ist wahr, leider, solche Fabriken giebt es nicht mehr! Wie zieht man die Uhr auf?" Der alte Jude reichte schnell einen Schlüssel, als hätte er ihn aus dem Aermel geschüttelt, thatsüchlich aber entnahm er ihn einem geheimen Fach des Uhrgehäuses. „Sehen Sie, gnädiger Herr-i so zieht mau .sie auf! und .ein Glück, daß ich sie' heute noch nicht aufgezogen habe, so kann ich es dem gnädigen Herrn zeigen. Ei, fein! so ein alter Schlüssel geht wie geschmiert!" ' I „Ja! aha! und ich dachte, daß nian sie von der anderen Seite aufzieht, dem! solche Uhren ..." „Der gnädige Herr thun sich irren, denn solche Uhren werden nie von der anderen-Seite aufgezogen . . . das sind ganz andere Uhren, die von der anderen Seite aufgezogen werden. . . Und jetzt werde ich dem gnädigen 'Herrn die kleinen Gesimse an der Uhr neigen . . . sehen Sie, gnädiger Herr,,was für eine-feine Arbeit. .. .wie wunderschön gedrechselt und was für eine großartige Vergoldung.. . . - „Empire!" flüsterte der alte. Herr. „Ampir, ha, ha, ha! Auf mein Gewissen, der gnädige Herr versteht was von Uhren, wie, mit Verlaub zu sagend em Uhrmacher! Das reine Amprr! beinahe schon hundert Jahre alt. . . „Wart', wart'! und was für eine Feder ist drin?" „Nu, das ist so eine Feder, daß-wenn ich-darauf drücke, fliegt gleich. ein Vogel aus der Uhr heraus, klappert mit den Flügeln und schreit —" . .' „Aha, richtig, ich sah schon mal solch einen Mechanismus. . „Nun, wenn der gnädige Herr schon einmal gesehen haben, werde ich es auch dem gnädigen Herrn - zeigen."