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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-01-08 · Heft 2 (8.1.1897) · p. Seite 19

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 2 (8.1.1897)
Date
1897-01-08
Page
Seite 19 (sequence 7)
Language
German
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Es heißt: * Mit der Stute vor Pharaos Wagen Vergleiche ich dich, meine Freundin, Lieblich kleiden Perlenketten deine Wangen, Und dein Hals ist schön mit seinem Halsband. Wir lassen dir goldnen Halsschmuck machen Mit Silberpunkten. . . Sie antwortet, während der König bei seinem Gastmahl sitzt: Entathmet meine Narde ihren Duft, Mein Geliebter ist ein Myrrhenkissen, Das zwischen meinen Brüsten ruht. Mein Geliebter ist ein Jasminstrauß Aus den Gärten von Engeddi. Er: Du bist schön, meine Freundin, ja, du bist schön. Deine Augen gleichen Taubenaugen Sie: Du bist schön, mein Freund, ja, du bist schön. Unser Lager ist der frische Rasen. Er: Die Balken unseres Hauses sind Zedern, Und Cypressen dienen uns als Dach. Sie Ich bin die Narzisse von Saron, Ich bin die Lilie der Wiese. Er: Was die Lilie unter den Dornbüschen, Ist meine Freundin unter den jungen Weibern. Sie: Was der Apfelbaum unter den Bäumen des Waldes, Ist mein Geliebter unter den jungen Männern. Ich lieb' es, in seinem Schatten zu sitzen. Seine Frucht mundet süß meinem Gaumen, Er führt mich in sein Weingewölbe, Und Liebe ist die Fahne, die er flattern läßt. Stärke mich mit Traubenkuchen, Labe mich mit Aepfeln, Denn ich sterbe vor Liebe. Seine linke Hand liegt unter meinem Haupt, Seine rechte umarmt mich. May fühlt hier deutlich die Pantomime h'mzutreteu. Er nähert sich. Sie fällt in einem erotischen Spasmus ohnmächtig in seinen Arm — ein Spasmus, der nach meiner Auffassung ursprünglich der eigentliche Mittelpunkt des Tanzes und der begleitenden Strophen gewesen ist. Er fügt darauf die als Schlußreim immer wiederkehrenden Worte hinzu, die man an den Chor gerichtet denken muß: Ich beschwöre euch, ihr Töchter Jerusalems, Bei der Felder Gazellen und Hindinnen, Weckt nicht meine Geliebte auf. Weckt sie nicht auf, ehe es ihr gefällt. Die zwei Liebenden bilden eine deutliche Gruppe; sie, in glücklicher Ohnmacht ausruhend, er. ihre Ruhe bewachend. In diesem ersten Abschnitt des Hohenliedes, wie in den späteren, ist vieles unklar. Wir vermögen nicht genau die Einheit der Dichtung zu verspüren, sehen nicht, was die Verhältnisse des Geliebten, ob andre lind mehrere, als die ersten Strophen, an einen König gerichtet sind, ob der Hirte, zu dem und über den gesprochen wird, ein wirklicher Hirte ist. Das häufige Erwähnen seiner Wohlgerüche läßt nicht darauf schließen. Jener, der der Geliebten verspricht, ein „Goldhalsband mit Silberpunkten" machen zu lassen, kann kaum ein Hirte gewesen sein. Aber dies alles ist ganz nebensächlich; wir können uns darein finden, daß der Zustand des Textes uns die Beantwortung der Frage unmöglich macht, und diese Unentschiedenheit verhindert uns keineswegs, die dichterische Schönheit der vielen Stellen zu genießen, die wir mit Leichtigkeit verstehen. Ob der Mann, der spricht, ein Fürst oder ein Unterthan ist, ist völlig gleichgiltig, wenn das, was er sagt und was ihm gesagt wird, ewige Ausdrücke einer ewigen Erotik sind. Alles ist so lyrisch ge¬ 19 —r— . halten, daß der Sprechende, welches auch seine Lebensstellung sei, doch nur das Sprachrohr des Dichters ist. und daß das Weib, dem er die Antworten in den Mund legt, doch ein Weib zum Modellgehabt haben muß, das ihm selbst sehr nahe stand. Nun folgt in der Dichtung die Freude der Jungfrauen über den Geliebten, der ihnen das Nahen des Frühlings verkündet. Der Monat März war in dem alten Palästina und ist noch jetzt in Syrien der Liebesmonat, Hochzeitsmonat, Prachtmonat. Die Herrschaft des Winters ist vorüber, die Sonne brennt noch nicht; und die Natur entfaltet ihren Reichthum an Blumenschönheit. Duft und Gesang. Meines Geliebten Stimme! Sieh, er kommt. Er springt über die Berge, Eilt über die Höhen, Gleich einem Steinbock, Gleich jungen Hirschen zu der Hindin/ Sieh, er bleibt stehen Hinter unfern Mauern, . Er sieht durch das Fenster, Späht durch das Gitter. Mein Geliebter spricht und sagt: Steh aus, meine Freundin, Meine Schöne, komm heraus! Der Winter ist vorüber. Der Regen ist dahin. Hat gänzlich aufgehört. Blumen sieht man auf dem Felde, Die Zeit des Liedes ist gekommen, Der Turteltaube Stimme Läßt sich im Lande hören, Der Feigenbäume Frucht Beginnt sich zu röthen, Die Weinranke entathmet Ihrer Blumen Dust. Steh auf, meine Freundin, Komm heraus, meine Schöne! Auf seine zärtlichen Bitten, ihr Gesicht sehen und ihre Stimme hören zu lassen, antwortet sie scherzend, indem sie die Weise von dem gefährlichen kleinen Fuchse singt: Fange die Füchse, die kleinen Füchse, Die unsere Weinberge plündern. Während sie in Blüthe stehen! Da jedoch die Füchse die Weinberge zu dem Zeitpunkte, wo diese in Blüthe stehen, nicht aufsuchen, ersieht man leicht, daß hier nicht von einem wirklichen Fuchs die Rede ist. Plötzlich ernst werdend, schließt sie mit dem Ausrufe: Mein Geliebter ist mein. Und ich bin sein. Der seine Heerde zwischen den Lilien weiden läßt. Und sie /fordert ihn auf, - zu ihr zurückzukehren, wenn nach der Abentzbrise der Tag kühl und die Schatten lang werden. Auch der folgende schöne Abschnitt erweist sich beim ersten Blick zu Darstellung und mimischem Vortrag wohlgeeignet. Es liegt viel Innigkeit und naive Darstellungskunst darin. Auch er endet mit erotischem Spasmus und Ohnmacht und mit der Aufforderung an die Umgebung, die schlummernde Geliebte ungestört zu lassen: Eine Nacht auf meinem Lager Sucht' ich, den mein Herze liebt. Ich suchte ihn, Ich fand ihn nicht. Ich will aufstehen. Durch die Stadt eilen, Auf den Straßen, auf den . Plätzen Will ich ihn suchen, den mein Herz liebt.

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