Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1897)
- Date
- 1897-01-08
- Page
- Seite 15 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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15 semitischer Seite inszenirt wurde, dürfte der nachstehende Auszugs ans der Autobiographie eines der berühmtesten schweizerischen Aerzte, des Dr. L. Sonderegger, von ganz besonderem Interesse sein. Dieser Mann, der ein Vierteljahrhundert hindurch das ganze Medizinalwesen des Kantons St. Gallen leitete, schreibt u. a.: „Ich bin nicht mit großen Ansprüchen ins Leben gegangen; Nahrung und Kleidung und etwa die Stellung eines Lehrers oder Landpfarrers, das war alles, was ich erwartete; deshalb war ich angenehm überrascht, als sich mir bald manche Honoratioren der Gegend, selbst aus dem damals noch fernen St. Gallen anvertrauten. Zum Respekthaben geboren, begrüßte ich die seßhaften Kollegen der umliegenden Orte mit aufrichtiger Hochachtung, und den angesehensten derselben konsultirte ich in jedem wichtigen Falle. Dafür entwickelte dieser hinter meinem Rücken einen Neid und Zorn gegen mich, der förmlich Reklame für mich machte. Die klebrigen waren ohne Ausnahme angenehm und ehrlich. Das Ideal eines Arztes, dessen Bild mir auch im Alter nicht ab ge blaßt ist, der wissenschaftlich hochstehende, praktisch gewandte, großartig wohlthätige und wahrhaft kollegiale Mann, der beste Christ unter uns Aerzteri. das war der alte Jude Dr. Steinach in Hohenems. Er war die oberste Instanz weit herum, und ein Druck seines Fingers hätte genügt, den jungen Sperling von Konkurrenten todt zu machen. Er hat mich väterlich geführt und gehoben und mir die Ehrenschuld auferlegt, später seinem Beispiele zu folgen." * Der verstorbene Professor Emil du Bois-Reymond hat bekanntlich einmal znni Thema seiner Rede beim Antritt des Rektorats der Universität zu Berlin (1882) Goethes „Faust" gewählt. Er hatte zwar keineswegs die Absicht, in seiner Rede, welche auch im Drucke (Leipzig 1883) erschien, die erhabene dichterische Schöpfung anzugreifen; wie man aber berechtigt und verpflichtetest, ein Philosophem der vergangenen Zeiten zu beurtheilen und die Jrrthümer in demselben nachzuweisen, so schien ihm dies auch nöthig bezüglich der im „Faust" entwickelten Anschauung über Intelligenz und Ethik. Zwei Jahre früher hatte der Begründer unseres Blattes, Dr. Ludwig Philipp so n s. A., in der „Allgem. Zeitung des Judenthums" den „Faust" in seinem Gegensätze zur Weltanschauung des Judenthums kritisch behandelt. Da er fand, daß du Bois-Reymond in vielen Punkten mit ihm übereinstimmte und er auch schon früher mit ihm in Korrespondenz gestanden, so schickte er ihm di^ betreffenden Nummern. Dil Bois - Reymond richtete dann an Philippson folgendes Schreiben: Berlin, 5. Dezember 1882. Geehrtester Herr! Ich danke Ihnen verbindlichst für die Mittheilung der kritischen Faust- Aufsätze in der „Zeitung des Judenlhums", in denen ich in der That recht viele Gedanken wiederfinde, welche ich mir auch über den Faust gemacht: Wer kann was Kluges, wer was Dummes sagen. Was nicht die Vorzeit schon gedacht? Man hat mir auch ohne Namen aus Innsbruck ein Schriftchen von einem, wie es scheint, frühgestorbenen Tiroler Dichter Senn zugeschickt, worin Aehnliches entwickelt ist. Inzwischen muß ich mir doch einen Gedanken oder eine Bemerkung als meines Wissens neu. vindiziren, nämlich die psychologische Unmöglichkeit, daß solche Unsittlichkeit, wie sie in den. mir zugesandten Aufsätzen drastisch geschildert ist, Zusammengehen. könne mit der unbedingten Ueberzeugung von dem Dasein einer Geisterwelt, wie Faust sie besitzt. Die Goetheaner (im schlechten Sinne) rasen zwar darob, aber es bleibt nicht minder wahr, daß Faust, der mit dem Teufel oder einem Teufel Du und Du ist, nicht umhin kann, an Gott zu glauben. Doch es ist ganz vergeblich, der Menge Verstand und selbständiges Denken zu predigen; das haben ja auch Sie oft genug erfahren. Die mir übersandten Nummern schicke ich Ihnen, nachdem mehrere dafür sich intexessirende Personen sie gelesen, demnächst unter Kreuzband zurück. Mit der vorzüglichsten Hochachtung Ihr ergebenster E. du Bois-Reymoud. <4r Von der ungarisch-israelitischen Litte rat Urgesellschaft erhalten wir mit der Bitte um Publikation die folgende Preisfrage: / Die israelitisch - ungarische litterarische Gesellschaft stellt folgende Preisfrage: Darstellung und Würdigung der bestehenden Organisation der Juden in den einzelnen Staaten Europas auf geschichtlicher Grundlage. Die Preisschrift kann in ungarischer, deutscher, französischer, englischer oder italienischer Sprache abgefaßt werden, es wird jedoch ausdrücklich bemerkt, daß bei eventueller Veröffentlichung die Gesellschaft nur die ungarische Sprache gebraucht, dem Verfasser jedoch es unbenommen bleibt, sein Werk in einer ihm beliebigen Sprache zu veröffentlichen. Einzureichen bis den 30. April 1898 bei dem Präses der Gesellschaft (Rabbiner Dr. Samuel Kohn). Preis eintausend Kronen. * Die Huldigung der jüdischen Gemeinden Rußlands anläßlich der K rö n u'n g des Zaren hat bereits stattgefnnden. Die Deputation wurde durch den Minister des Innern vorgestellt in Anwesenheit des Ministers des kaiserlichen Hofes, des Qberceremonienmeisters und' des Gefolges des Kaisers. Unter den Delegirten jüdischer Religionsgemeinden befanden sich Baron Horace Günzburg aus Petersburg, Rechtsanwalt O. Harkavy aus Moskau, Lazar Brodsky aus Kiew, Ingenieur Weinstein aus Odessa, Rabbiner Pucher aus Riga und Michael Bergson aus Warschau. Die Deputation überreichte dem Zaren eine große Gruppe aus oxydirtem Silber im Gewichte von vier Pud, welche das Weltall darstellt, deffen Frieden durch Rußland geschützt wird. Kreistrezw. Bezirks fchulkasjenverbände. Von Em. Goldschmidt in Brakel. fn der Nr. 49 der A. Z. d. I. vorn 4. Dezember v. I. ertheilt ein Annonymus aus dein Reg.-Bez. Kassel unter der Rubrik „Die Woche" „den betreffenden Gemeinden" den Rath, „ihre Schulen noch vor dem Inkrafttreten des Lehrerbesoldungsgesetzes als öffentliche erklären zu lassen". Offenbar hat der Herr Einsender jener Notiz keine Ahnung von den fast unüberwindlichen Schwierigkeiten, welche den Gemeinden in den Weg gelegt werden, die die Umwandlung ihrer Schulen wollen vollziehen lasten. Es müssen heutzutage besonders günstige Umstände Zusammentreffen, es muß vor allem eine wahrhaft loyale Gesinnung in der Kominunalverwaltung des betreffenden Ortes vorherschend sein, ehe sie einem diesbezüglichen Anträge einer jüdischen Gemeinde beitritt; ohne die Befürwortung seitens der Kommune ist aber die Umwandlung einer Privatschule in eine öffentliche Anstalt schier unmöglich. Wer den Gang der Dinge seit einigen Jahren — sagen wir seit dem Inkrafttreten des sog. Volksschulentlastungsgesetzes — auch nur flüchtig verfolgt hat dem wird es klar sein, daß die Oeffentlichkeitserklärung einer jüdischen Schule immer größeren Schwierigkeiten begegnet. Vor jenem Gesetze war sie allenfalls noch zu erreichen — die Regierungen brauchten ja zu den Unterhaltungskosten der Schulen nichts zuzuschießen —, allein jetzt? — Wir fühlen mehr den je die Schäden des famosen Judengesches vom Juli 1847. — Nach demselben ist nur „eine jede Synagogen-Gemeinde verbunden, solche Einrichtungen zu treffen, daß es keinem jüdischen Kinde während des schulpflichtigen Alters an dem erforderlichen Religionsunterrichte fehlt". Wie eine Gemeinde diese Einrichtungen trifft, das ist und bleibt ihre Sache, sie hat dabei nur zu beachten: „Als besondere Religionslehrer