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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-01-08 · Heft 2 (8.1.1897) · p. Seite 14

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 2 (8.1.1897)
Date
1897-01-08
Page
Seite 14 (sequence 2)
Language
German
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14 Es ist traurig, daß diese Richtung in neuerer Zeit in den? großen Gemeinden an Ausdehnung gewonnen hat, aber wir sind fest überzeugt, daß der gesunde Sinn der Juden auch die - Phase religiöser Unwahrheit rasch überwinden wird. Was nun die zweite Phrase von dem Sieg der Orthodoxie betrifft, so kann man nach dem vorher Gesagten ermessen, was dieselbe zu bedeuten habe. Wenn die Orthodoxie wirklich gesiegt hat, -so hat sie über Leichenfelder gesiegt, d. h. sie hat den Jndifferentismus auf der einen, und den Abfall auf der anderen Seite bewirkt, so daß ihr dann allerdings das Terrain für ihr verhängnißvolles Wirken frei geblieben ist. Aber Gott behüte uns und sie vor ferneren derartigen Siegen. Zum Glück bestehen freilich diese Siege meist nur in der Phantasie der Führer. Die Wahl einiger neuorthodoxer Repräsentanten in irgend einer Gemeinde, eines orthodoxen Rabbiners in . einer liberalen Gemeinde —das waren die Siege der Orthodoxie. Aber man hat dabei nicht erwogen, daß die Wahl jener Repräsentanten nicht von der Majorität der Gemeindemitglieder, sondern von einer winzigen Minorität erfolgt ist, die diese. Wahl angelegentlich betrieben, während die Majorität sich von der Urne fern gehalten hat. Und noch weniger hat man erwogen, daß jede Wahl eines orthodoxen Rabbiners in einer liberalen Gemeinde fast durchweg schon nach wenigen Jahren zu Streitigkeiten geführt hat, die entweder mit der Kündigung oder mit dem freiwilligen Abgang desselben ihren tragischen Abschluß fanden. Es ist in den letzten Jahrzehnten nichteine einzige Synagoge gebaut worden, in der nicht eine Orgel aufgestellt oder ein reformirter Gottesdienst eingeführt worden wäre. Worin besteht nun der Sieg der Orthodoxie? Hat sie es vielleicht erreicht, daß im letzten Jahrzehnt trotz des Gesetzes über die Sonntagsruhe mehr Juden ihre Geschäfte am Sabbath geschloffen halten als früher? Um diesen Preis würden wir uns sogar einen Sieg der Orthodoxie gefallen lassen. Oder hat sie etwa auch nur bei ihren eigenen Anhängern eine strengere Beobachtung der Speisegesetze zu erreichen vermocht? Wir glauben nicht, daß Einer den Muth haben wird, diese Frage zu bejahen. Und darum ist das ganze Gerede von einem Sieg der Orthodoxie und von einem Zug nach rechts eitel Wind und Spreu. Es sind nichts weiter als. Phrasen, aber freilich gefährliche Phrasen, die in der Wirrniß dieser Tage viele Leichtgläubige verführen, viele Unwissende bethören, die Gebildeten abschrecken und die Rechtlichdenkenden von einer Betheiligung am Gemeindeleben zurückhalten könnten. Diese Gefahr — wir gestehen es offen — erschiene uns als der schlimmste Erfolg der Neuorthodoxie. Was soll daraus werden, wenn der Kreis der Intelligenz, den wir nur 'mit großer Mühe und vieler Arbeit dem Jntereffe für das. Judenthüm gewonnen haben, diesem angesichts der Maulwurfsärbeit der Scheinorthodoxie wieder den Rücken kehrt, wenn die Reichen und Wohlhabenden aus Furcht, Zwecken zu dienen, die sie nicht billigen können, sich vom Gemeindeleben zurückziehen?. Was soll dann aus unseren Humanitären Anstalten, aus unseren Schulen und Stiftungen werden? Die Neuorthodoxie allein wird sie nicht erhalten; sie ist dazu weder leistungsfähig noch opferwillig genug. Wir verwahren uns auf das Allerentschiedenste dagegen, daß diese Worte etwa als eine Drohung von Uebelwollenden aufgefaßt werden; sie sollen nichts weiter als eine Mahnung sein,. eine ernste eindringliche Mahnung allerdings, die Dinge nicht auf die Spitze zu treiben und, anstatt mit dem gutenRecht einer Minorität sich zu begnügen, in thörichter Ueberhebung einen Sieg über die große Majorität, der gar bald als ein Pyrrhussieg sich Herausstellen würde, beanspruchen zu wollen. Die Woche ~ Berlin, 5. Januar. Mn der letzten Woche des Jahres ist Georg v. Bunfen, einer XJ/ der wackersten deutschen Männer und zugleich einer der größten Gegner des Antisemitismus, gestorben. Bunsen war ein unerschrockener, überzeugnngstreuer Kämpfer; sein konziliantes Weisen, seine durch und durch vornehme Natur verschafften ihm ein nicht ungewöhnliches Ansehen in weilen Kreisen, und die innigen Beziehungen zu dem Kronprinzen, späteren Kaiser Friedrich. Ihm und seiner erlauchten Gemahlin waL Bunsen ein langjähriger Freund und Berather. Mit ihnen fühlte er sich auch eins in der Beurtheilung und Berurtheilung der antisemitischen Bewegung. Eine dokumentarische Bestätigung dieser gemeinsamen Gesinnung ist niedergelegt in folgendem Schreiben Bunsens an den Geheimen Kommerzienrath Magnus vom 20. Juni 1880: Verehrtester Herr Geheimrath! Gestern Abend nahm die Frau Kronprinzessin eine Gelegenheit wahr, von der „Judenhetze" und der „schönen Geduld" zu reden, welche die Juden an den Tag gelegt. Im Lause dieses Gespräches habe ich dann der hohen Frau von Ihrer Absicht, das Lessing- Deukmal zu errichten, erzählt. Auf meine Aeußerung, daß gerade jetzt der Augenblick mir gekommen zu sein scheine, wo gar Mancher sich freuen würde, seine Gesinnung, zu bekunden und damit einer ebenso frechen als unerwarteten Agitation entgegenzutreten, ging sie lebhaft bejahend ein. „Ich hoffe, daß man weiß, wie scharf und entschieden der Kronprinz und Ich sie mißbilligen." rc. . . . Ganz der Ihrige G. v. Bunsen. Als der Verein zur Abwehr des Antisemitismus ins Leben gerufen werden sollte, befand sich Bunsen an der Spitze Derjenigen, welche die einleitenden Schritte zur Gründung unternahmen, und feine wärmsten Sympathien haben seitdem der guten und gerechten Sache gegolten. Sein Andenken bleibe in Ehren! * Das „Berliner Tageblatt" feierte in diesen Tagen sein fünfundzwanzigjähriges Jubiläum. Es steht uns nicht an, bei den nahen Beziehungen unserer Zeitschrift zu dem Verlag jenes Blattes, demselben an dieser Stelle ein Loblied zu singen. Aber die historische Gerechtigkeit erfordert doch dies Eine ausdrücklich zu konstatireu, daß das „Berliner Tageblatt" in den 25 Jahren seines Bestehens immer mit Muth und Energie, mit Geist und Kraft gegen die antisemitische Bewegung mtb für die staatsbürgerlichen Rechte der Juden eingetreten ist, wie das einem fortschrittlichen Blatte zukommt. Natürlich wurde es in Folge dessen vielfach angefeindet, aber alle Angriffe und Verleumdungen haben dem Blatte nicht geschadet. Sein Leserkreis hat sich innerhalb dieses Zeitraumes im Jnlande wie im Auslände immer vergrößert, und es ist heute das verbreitetste und beliebteste Organ des gebildeten Bürgerthums im ganzen deutschen Reiche gerade wegen seiner entschiedenen und freisinnigen Haltung. Dafür verdient es aber auch ohne Zweifel den Dank aller deutschen Juden in vollstem Maaße. In der That erhielten der Verlag und die Redaktion am Jubeltage aus allen Theilen des Reiches von jüdischen Gemeinden und Vereinen, von Korporationen und angesehenen Männern Glückwünsche und Dankschreiben für ihr muthiges Eintreten für die Sache der Geistesfreiheit und Humanität. Möge es dem „Berliner Tageblatt" beschieden sein, den Sieg des Rechts, und der Freiheit, den es miterstritten, einst noch feiern zu können. Gegenüber der Hetze, welche in jüngster Zeit anläßlich der Frage ärztlicher Standesgerichte gegen die jüdischen Ae e

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