Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1897)
- Date
- 1897-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Jude Mayersohn (Aschaffenburg?) die Anstellung als Advokat erlangte, unter Ludwig I. während der 23 Jahre seiner Regierung nur der einzige Dr. Samuel Grünsfeld in Fürth, während 1848 Dr. Samuel Berlin in Gerolzhofen und Dr. Carl Feust in Fürth zu Advokaten ernannt wurden, der Letztere, welcher die Staatsprüfung schon im Jahre 1826 mit I bestanden hatte und als Mitübersetzer fce§ Corpus juris und Schriftsteller weit bekannt war, nachdem er sich vorher mit 49 Jahren noch vergeblich um die Stelle eines Stadtgerichtsprotokollisten beworben hatte. Würdige Söhne ihrer Ahnen, habende trotz aller Verlockungen, die auch von wohlmeinenden Jugendfreunden in hoher Stellung ausgingen, es verschmäht, den Glauben der Väter einer Anstellung wegen zu verrathen.—An dem am 23. Dezember dahier stattgefundenen Leichenbegängnisse betheiligten sich die höchsten Beamten der Stadt und der NachbarstadtNürnberg, wie Herr Oberlandesgerichtspräsident vonSchmauß, Senatspräsident Enderlein, Regierungsrath Goreis, Oberlandesgerichtsrath und Vorstand des Amtsgerichtes Nürnberg von Merz, und viele Andere. Die Betheiligung war eine rege. Herr Dr. Neubürger rühmte in trefflicher Ansprache an dem Verstorbenen alle Tugenden, die einen edlen Mann zieren: seine Seelengröße, seine Duldsamkeit, seine Humanität, sein rastloses Schaffen re. Herr Justizrath Gunzenhäuser widmete dem Verewigten namens der hies. Kultusgemeinde einen ehrenden Nachruf; Herr Dr. Deutsch sprach im Namen des israelit. Waisenhauses Herr Kantor Rofenhaupt aus Nürnberg, ein Großneffe Dr. Berlins, für die Verwandten. Möge der theure Verstorbene in Frieden ruhen! Oesterreich - Ungarn. □ Wie«, 28. Dezember. Heute tritt der niederösterreichische Landtag zusammen; seit seinem Bestände in liberaler Majorität, bildet der Landtag in seiner jetzigen Session ein Gemisch von Antisemiten, Deutschnationalen und Klerikalen. — Am 27. und 28. d. Mts. fand im Gemeindehause der israelitischen Kultusgemeinde in Brünn eine Versammlung der israelitischen Religionslehrer an den österreichischen Mittelschulen statt. Die Tagesordnung dieser Versammlung war folgende: Berichterstattung über den zu gründenden Verband der israelitischen Religionslehrer an den österreichischen Mittelschulen, eventuell Wahl des Ausschusses; Bericht über die in Betreff der Rechtsstellung der israelitischen Religionslehrer zu ergreifenden Schritte; Vortrag des Dr. Adolph Weiß (Wien): „Ueber die Stellung des israelitischen Religionsunterrichts an den österreichischen Mittelschulen"; Vortrag des Dr. Alexander Kisch (Prag): „Der israelitische Mittelschul- Religionslehrer im Verhältnisse zur Kultusgemeinde und zum Gemeinde- Rabbiner"; Vortrag des Dr. Max Grünfeld (Brünn): „Ueber den Jugendgottesdienst"; Anträge der Versammlungstheilnehmer. Bericht folgt in nächster Nummer.— Am 24. Dezember spielten sich in und vor dem Rath Hause bewegte Szenen ab. Wie alljährlich am Weihnachtstage hatten sich auch Heuer Hunderte von Armen eingefunden, um im Armendepartement eine kleine Geldunterstützung zu erbitten. Verhärmte Frauen mit blassen Kindern auf den Armen, hinfällige Greise, Männer in dürftigen Kleidern, kurz Leute, denen man auf den ersten Blick das Elend und die Noth von den Gesichtern ablesen konnte, wollten die sonst immer an diesem Tage zur Vertheilung gelangenden Spenden im Betrage von zwei Gulden per Person in Empfang nehmen, Spenden, auf die sie um so sicherer rechnen zu können vermeinten, als Heuer das „Manna der Armen", der Schnee, für die Nothleidenden absolut keinen Verdienst abwarf. Sie sollten sich aber in ihren Erwartungen getäuscht sehen. Man wies die Bittenden im Rathhause ab, und als die Menge sich nicht entfernen wollte, wurde über Auftrag des Bürgermeisters Sicherheitswache, requirirt und diese mußte die Schaar der Hungrigen aus dem Rathhause hinausdrängen. Eine Frau rief, wie die Wache sie herausdrängte: „Wenn ich jetzt nach Haus komme, muß ich meine Kinder umbringen, damit sie nicht verhungern, und der christliche Bürgermeister hat es am Gewissen". Ein Mann auf Stelzen, ein verkrüppelter Soldat, schrie fortwährend: „Wo ist Lueger, der Allen hilft? Die da drinnen werden heute Champagner saufen und wir verhungern." — In Teschen wurde der christlich-soziale Agitator Pater Stojalowsky verhaftet. — In Graz hatte sich Gemeinderath Feichtinger wegen Uebertretung gegen die Sicherheit der Ehre zu verantworten. Feichtinger hatte im Februar dieses Jahres in einer Gemeinderathssitzung bei der Begründung eines Dringlichkeitsantrages folgende Aeußerung über die städtischen Kommissare gethan: „Manche dieser jungen Jünglinge nehmen sich als Kommiffare bei Genossenschafts-Versammlungen viel heraus^" In dieser Aeußerung erblickten die Kommissare dm Vorwurf eines gesetzwidrigen Vorgehens und eines Mißbrauches ^ihrer Amtsgewalt, und strengten gegen Feichtinger die Klage an. Derselbe wurde der Uebertretung gegen die Sicherheit der Ehre schuldig erkannt und zu fünfzig Gulden Geldstrafe, eventuell zehn Tagen Arrests verurtheilt. — Der Student der Technik Max Strauch hatte sich wegen antisemitischer Schimpfereien und Thätlichkeiten vor Gericht zu verantworten. Einer der Attakirten versetzte dem Techniker eine Ohrfeige und der Richter verurtheilte Strauch zu zwanzig Gulden Geldstrafe, eventuell vier Tagen Arrests, da er zweifellos die ihn aufregende Ohrfeige durch gröbliche Beschimpfungen provozirt habe, eine Nothwehr daher nicht im Geringsten vorlag. — Der Maler Lepold H orowitz, welcher den Kaiser vor einigen Monaten in der Uniform des englischen Garde-Dragoner-Regiments gemalt hat, erhielt abermals den Auftrag, ein Porträt des Kaisers anzufertigen. Der Monarch wird diesmal vom Künstler in der Marschalls-Uniform dargestellt werden. — Hier ist der hochverdiente langjährige Privatsekretär der Wiener medizinischen Fakultät, kaiserlicher Rath Dr. Tobias Guttmann, gestorben. n. Serajewo, 25. Dezember. Es ist uns hier mit Gottes Hilfe gelungen, einen .Verein für Geschichte und Litteratur des Judenthums innerhalb der israelitischen Jugend, welche hier zahlreich vertreten ist, zu gründen.. Für die Erhaltung des Judenthums ist dieser Verein, dessen Initiative wir der Energie des Herrn Rabbiner Dr. S. Funk verdanken, von unsagbarer Bedeutung. Seit der Occupation Bosniens sind. hierher viele Juden eingewandert. Dies geschah vor achtzehn Jahren. Seit dieser Zeit hatte die Gemeinde keinen Rabbiner, welcher dieselbe mit jüdisch gesetztreuer Energie geleitet hätte. Die Berwaistheit der Gemeinde hatte nun sehr schwere Folgen für die in Bosnien lebenden Juden. Die im Laufe dev Zeit Heranwachsende Jugend war gezwungen, in Ermanglung einer jüdischen Schule die hierortigen katholisch-konfessionellen Schulen zu besuchen. Diesen Umstand hatte die katholische Geistlichkeit so günstig für ihren Misstonszweck ausznnützen verstanden, daß leider die Uebertritte während 18 Jahren in erschreckend großer Zahl stattgesunden haben. — Vor einigen Monaten raffte sich endlich die Gemeinde auf und beschloß die Aufnahme eines energischen und gesetzestreuen Rabbiners. In dieser Wüste aller jüdischen und religiösen Empfindungen ist die Bahnung eines Weges sehr schwer. Es ist alles von Neuem zu schaffen. Zunächst ist von brennender Nothwendigkeit eine Synagoge, da die Gemeinde bisher eine klägliche besitzt. Die Synagoge wird in einigen Wochen in Bau genommen. Zu diesem Zwecke gelang es durch Beihilfe des Herrn Rabbiner Dr. Güdemann bei Herrn Baron - Rothschild 1000 fl. zu erwirken. Nach Vollendung des Baues der Synagoge ist es die heiligste Pflicht, an die Errichtung einer jüdischen Mädchenschule zu gehen, da die Landesregierung, welche im Geiste des liberal denkenden Landeschefs, des gemeinsamen Finanzministers von Kallay wirkt, den Religionsunterricht für alle Konfessionen an den öffentlichen Schulen aus eigenen Mitteln besorgt. — Zur Gründung dieser Mädchenschule hat auch die Alliance israelite universelle in Wien eine Subvention zugesagt. Seit 18 Jahren wurde keinerlei Religionsunterricht ertheilt. Gott sei Dank ist die Schuljugend, feit Herr Dr. Funk hier wirkt, für den Religionsunterricht begeistert, denn er leitet denselben in wöchentlich achtzehn Stunden. Ein besonderes Bollwerk für die Heilighaltung des Judenthums ist der Verein für die Wissenschaft und Litteratur des Judenthums innerhalb der Jugend. Seit 8 Wochen versammelt sich die Jugend zu Borträgen aus der Geschichte des Judenthums. Die dadurch hervorgerufene Begeisterung hatte den herrlichen Erfolg, daß am 7. Dezember die Jugend zur Gründung eines solchen Vereines sich versammelte. Die Versammlung wurde durch den Präsidenten Herrn Max Klinger feierlichst eröffnet, hierauf bemerkte der Schriftführer Herr Wachsmann, daß diese Versammlung die Grundsteinlegung eines heiligen Gebäudes, des jüdischen Geistes und des jüdisch - religiösen Empfindens zum Gegenstände habe, welche unser Rabbiner Dr. Funk in die jugendlichen Herzen überzeugend eingepflanzt. Hieraus hielt dieser die Festrede über die Geschichte der Makkabäer. Die Feier hatte auf die Versammlung einen erhebenden Eindruck hervorgerufen.