Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1897)
- Date
- 1897-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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61. Jahrgang. Nr. 1. ' . J) 0t^* Berlin. l- Januar 1397. /Weitage zur „Nttgerneinen AeiLung öes Iuöenlkurns". Korrespondenten und Nachrichten« Drulschlan-. <ya Berlin, 29 Dezember. Einer der angesehensten Männer unserer Gemeinde, Herr Wolf Hagelberg, der Begründer, Besitzer und Leiter einer großen hiesigen Luxuspapierfabrik, ist am 26. d. M., 72 Jahre alt, gestorben. Aus kleinen Anfängen hat er auf industriellem Gebiete eine hervorragende Stellung gewonnen und ein Welthaus geschaffen. Als Lithograph begann er, als der Chef eines Unternehmens, das seine Fabrikate nach allen Ländern exportirte, endete er. Der Verstorbene war lange Jahre hindurch Mitglied des Aeltestenkollegiums der Berliner Kaufmannschaft. Seine Wahlperiode war mit dem Ende dieses Jahres abgelaufen und er ist bei der eben stattgefundenen Ergänzungswahl wiederum in das Kollegium gewählt worden. Auch allen humanen Bestrebungen gegenüber zeigte der Verstorbene alle Zeit ein warmes Herz nnd. eine offene Hand. Vor allem aber nahm er den lebhaftesten Antheil an allen Bestrebungen des Judenthums. Hagelberg war seit 20 Jahren eines der eifrigsten Mitglieder des Repräsentantenkollegiums und des Vorstandes der Reformgemeinde, und gehörte der Leitung vieler Vereine an. Seine Klugheit und weise Mäßigung, sein warmes Herz für das Judenthum, sein rastloser Pflichteifer befähigten ihn ganz besonders zu einer führenden Stellung. Das Leichenbegängniß fand heute unter außerordentlich starker Betheiligung aller Kreise statt. Herr Dr. Levin hielt die Grabrede, in der er die Verdienste des Heimgegangenen in warmen Worten feierte. Im Trauerhause sprach Herr Dr. Oppenheimer nnd auf dem Gottesacker noch Herr Dr. Klemperer. Unter den Klängen der Mendelssohn'schen Motette: „Es ist bestimmt in Gottes Rath" wurde der Sarg zur Gruft getragen. Ehre dem Andenken des trefflichen Mannes! . <£•> Berlin, 29. 3De$ember. Der Verein Schomer Laboker umischar Abelim feiert am 3. Januar sein Stiftungsfest in der alten Synagoge. Die Generalversammlung fand am 6. d. M. statt und nahm die neuen Statuten an, die den Vorstand um 2 Personen vergrößern. Es wurden die Herren Jacob Weinberg, Max Berg, Martin Fernbach, Max Lichtenstein wieder und die Herren Gustav Sachs, Emil Pincus, Rechtsanwalt Holz neu gewählt. Der Verein besteht über 200 Jahre nnd wurde noch vor der Errichtung der alten Synagoge gegründet Seine Hauptthätigkeit besteht darin. Trauernde während der Schiirah zu unterstützen und zwar in der denkbar zartesten Weise. Es werden 2 verschlossene Büchsen in das Trauerhaus geschickt mit dem Schlüssel zu der einen Büchse, die von dem Empfänger geleert werden soll. Es bleibt ihm überlassen, den entnommenen Betrag in die andere Büchse zu legen und nach Belieben hinzuzufügen. Da diese Büchse nur in bestimmten Zwischenräumen von dem betreffenden Vorsteher geöffnet wird, ist nicht zu ermitteln, wer genommen und wer gegeben hat. Mitglied kann jeder Unbescholtene werden, der mindestens 6 Mark jährlich -oder 180 Mark für die lebenslängliche Mitgliedschaft zahlt. Hoffentlich findet dieser Verein jetzt viele neue Mitglieder. L2 Berlin, 28. Dezember. Am Sonnabend den 2. Januar 1697 findet eine Sitzung der „Wissenschaftlichen Vereinigung jüdischer Schulmänner zu Berlin" statt. Als besonders heroorzuhebender Punkt der Tagesordnung ist der Vortrag des Herrn Kollegen Ber.hardt-Tarnowitz über: „die soziale Stellung der jüdischen Lehrer" zu erwähnen. Der Vortrag beginnt um S% Uhr pünktlich, und befindet sich das Vereinslokal im Hotel Münchener Hof, Spandauerstr. 11/13. Gäste sind herzlich willkommen. S£S Berlin, 28. Dezember. Zu den zahlreichen Stätten wahrer Menschenliebe und treuen Wirkens im Dienste unserer Glaubensgenossen tritt soeben eine neue, die um ihres trefflichen Zweckes willen die volle Sympathie und thatkräftigste Unterstützung der jüdischen Bewohner Berlins verdient und sicher erlangen wird: das jüdische Kinderheim, ein Kindergarten und Kinderhort. Gern bringen wir deshalb nachstehenden Aufruf zur Kenntniß unserer Leser: „In den jetzigen Zeiten des erschwerten Erwerbes sind die kleinen, noch nicht schulpflichtigen Kinder unserer ärmeren Glaubensgenossen in der Abwesenheit der arbeitenden Eltern fast ganz auf sich oder auf die Veanfstchtigung gutmüthiger Nachbarn angewiesen, die meist in der gleichen Lage sind und wenig Zeit haben. Hunderte solcher Familien sind gewungen, ihre Lieblinge für die größte Zeit des Tages allein und unbeaufsichtigt allen schweren Gefahren des Straßenlebens preiszugeben, und dies in einem Alter, wo die Empfänglichkeit des kindlichen Gemüthes für alle Eindrücke am größten ist, und wo sie der liebevollen Pflege und Leitung am dringendsten bedürfen. Die schulpflichtigen Kinder aber in diesem Kreise unserer Glaubensgenossen sind in einer anderen Bedrängniß, besonders wenn die Eltern zu Hause ihrer Berufsarbeit obliegen. In der engen, oft auch dunkeln Wohnung ist fast kein Plätzchen frei, wo das Kind seine Schularbeiten machen könnte, und Niemand hat Zeit, um es dabei zu überwachen. Im Gegentheil, es wird gestört durch den Lärm der jüngeren Geschwister, und es wird zerstreut durch die nicht immer geräuschlose Thätigkeit seiner Umgebung. Darum beabsichtigen wir unter dem Namen „Jüdisches Kinderheim" im Mittelpunkte unserer Stadt einen Kindergarten und einen Kinderhort ins Leben zu rufen, dem unsere ärmeren Glaubensgenossen ihre Kinder mit ruhigem Gewissen anvertrauen können. Denn nur Gewissensbedenken sind es, die sie abhalten, von den in den verschiedenen Theilen unserer Stadt bestehenden Kindergärten und Kinderhorten für ihre Kleinen Gebrauch zu machen. Wer den Armen wohlthun will, der muß vor allem auf ihr religiöses Empfinden liebevoll eingehen. Wir zweifeln nicht, daß wir durch die so oft bewährte Mildthätigkeit unserer Glaubensgenossen die Mittel erlangen werden, unseren Plan zu verwirklichen. Dann werden wir den Kindern unserer Armen neben der Beaufsichtigung und Pflege den Aufenthalt in hygienisch angemesseneren Räumen gewähren können, als ihnen das Elternhaus zu bieten vermag, und dadurch manches, was ihnen das Geschick versagt hat, durch unsere Liebesthätigkcit ersetzen. Anmeldungen zu einmaligen Beiträgen für die Einrichtung und zu jährlichen Beiträgen für die Erhaltung der Anstalt nehmen die Unterzeichneten dankbar entgegen. Die eingegangenen Beträge werden in unserem Jahresberichte ausgewiesen werden. Das Komitee für das „Jüdische Kinderheim" (Kindergarten und Kinderhort): besteht aus folgenden Mitgliedern: Frau Professor Barth, Frau Max Benjamin, Frau Julius Boehm, Frau Gertrud Feilchenfeld, Frau Ella Freudenstein, Frau Dr. Friedländer, Frau Emilie Haarburger, Frau Dr. Hildesheimer, Frau Doris Holzman, Frau Hermann Israel, Frau Mathilde Kalisch, Frau Marie Kraft, Frau Laura Loewenberg, Frau Emilie Maybaum, Frau Moritz Rohr, Frau Elise Ruß, Frau Selma Sachs, Frau Lydia Schlesinger, Frau Martin Seligsohn, Frau Emma Sieskind, Frau Sanitätsrath Stern, Frau Mathilde Weigert, Frau Rudolph Wertheim, Fräulein Clara Ascher, Fräulein Erna Weigert — Dr. S. Adler, Rektor der Mädchenschule der jüdischen Gemeinde, Ludwig Arndt, Rechtsanwalt, Dr. B. Barrach, pr. Arzt, Dr. M. Holzman, Rektor der Knabenschule der jüdischen Gemeinde, Ludwig Ruß. . X Bromberg, im Dezember. Im Jahre 1892 hat Jemand in Bomst in rechtsverbindlicher Form gerichtlich seinen Austritt aus der israelitischen Religionsgesellschaft erklärt, und zwar, wie er augab, aus religiösen Bedenken. Nach den gesetzlichen Vorschriften hätte er daher vom Beginn des Etatsjahres 1894/98 von Synagogenbeiträgen frei gelassen werden muffelt. Der Vorstand der Synagogengemeinde zog ihn aber trotzdem zu Beiträgen heran, mit der Begründung, S. wäre nicht aus religiösen Bedenken ausgeschieden, sondern weil ihm die Beiträge zu hoch wären. Als Beweis seiner Ansicht führte er an, S. hätte sich, von den israelitischen rituellen Vorschriften nicht losgemacht, kaufe Fleisch von rituell geschlachtetem Vieh in Unruhstadt und besuche