Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1897)
- Date
- 1897-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
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frau bekommen wolle. Mordche war mit offenem Munde dagesessm und rief nur ein über das andere Mal dazwischen: „Eine Sechije, eine große Sechijeh!" während er sich mit seinem großen bunten Taschentuche die Augen wischte. Gutrnd, die gegen alle Etikette in der Stube geblieben war, packte allen Kuchen, der auf dem Teller geblieben war, in einen Bogen Zeitungspapier und zwang es dem widerstrebenden Knaben auf mit den Worten: „Nimm Dir das mit, mein Gold, Du hast Dir es ehrlich verdient. Ich wollte, ich könnte Dir etwas Befferes geben." Der Knabe sah rathlos auf seinen Vater, der ihm mit einem Kopfnicken andeutete, es zu nehmen. Hildegard sagte gähnend: „Das muß noch schwerer sein als Litteraturgeschichte." Reb Rephoel, der mit Lob gewöhnlich kargte, sagte „Hör' einmal zu, Neb Bär, mehr wie sein Großvater Reb Salme Wolf weiß er schon heute," und als wollte er den Eindruck dieser Worte verwischen, fügte er hinzu: „Mache einmal den Bücherschrank auf. Im zweiteil Fache von oben sind die Chumoschim mit Aden Esra und Ramban, sei mochel*) und gieb mir sie her." „Welchen Bandfragte Reb Bär. „Alle fünfe," war die Antwort. Reb Bär legte sie, inbeni er die Medizinflaschen bei Seite schob, auf das Nachttischchen, welches lieben dem Bette, stand. Reb Rephoel winkte Siegfried all sein Bett herall. „Hier mein Kind", sagte er, „diese Chumoschin gebe ich Dir, damit Du fleißig daraus lernst, und wenn'Du einmal die ersten -chundertzehn Paragraphen aus dem Joreh Deah^) keniist, sollst Du mein Amsterdamer „Schaß" 2) bekommen. Hörst Du. aber nicht früher." Der Kilabe' war ganz sprachlos vor Entzücken. Ein Buch zu besitzen, war sein höchstes Glück, und diese fünf Lederbände in Großquart waren für ihn eine Bibliothek. In seinem Uebereifer, sich der Bücher zu bemächtigen, hätte er beinahe ein zweites Unglück angestellt und das Päckchen mit Kuchen fallen gelassen, wenn ihm Gutrud llicht zu Hilfe gekommen wäre. Erst auf die Mahnung seines Vaters, sich zu bedanken, stieß er ein kaum vernehmbares „Ich danke vielmals" hervor. Dabei suchte er des Greises Hand zu küssen, der sailft abwehrend seine Hand auf des Knaben Haupt legte und die Worte des Psalmisten sprach: „Sei glücklich auf der Bahn der Wahrheit." Die Anwesenden erhoben sich, und der Kranke sagte: „Seid mochel, kommt wieder. Bring' Deinen Siegfried nur wieder mit, .Reb Bär, hörst Du!" An der Thür blieben sie stehen; Reb Bär sagte den vorgeschriebenen Spruch: „Am Sabbath soll man nicht klagen, aber Heilung ist nahe. Feiert in Frieden." -—- (Fortsetzung folgt). i) Ritualkodex. 2) Talmud. —^ Am Freitag Abend. Sabbathruhe, süß und traut. Wie lieb' ich dich so sehr! Es flieht der Tag, geschwätzig laut, Und Alles schw igt umher. Da nahst du, holde Zauberin, Und zauberst mir ein Bild Aus meinen Kinderjahren hin, Anmuthig, fromm und mild: Bon Gustav Jacobsohn. Da tritt mit frohem- Sabbathgruß Der Vater ins Gemach; Ihm folgen sorglich auf dem Fuß Die Sabbathengel nach. Sie gaben von der Betschul' aus Ihm heimlich das Geleit Und treten segnend in sein Haus, Weil Alles wohl bereit. Vom Himmel rosig überhaucht Beschneiter Dächer Hang, In Abendsonnengluth getaucht Die Fensterscheiben blank; Des Städtchens rege Gaffen heut So friedlich still und leer; Nur eines Schlittens hell Geläut Dringt aus der Ferne her. Der Tag versinkt, und Dämnlerschein Erfüllt das Stübchen ganz; Nun hat mein liebes Mütterlein Entfacht der Kerzen Glanz. Im Tuch und Häubchen, blendend weiß Wie frisch gefall'ner Schnee, Hebt sie die Hände segnend leis' Zum Lichte in die Höh". Sie hat verklärten Angesichts Erfüllt des Herrn Gebot Und fügt zum Glanz des Sabbathlichts Das schön gestochene Brod Und stellt daneben auch den Trank, Den süßen, duft'gen Wein — So ladet Alles zum Empfang Des Sabbaths freundlich ein. Er aber legt die Hände auch Auf's Haupt der Kinder sacht Und segnet sie nach altem Brauch, Wie's Jakob einst vollbracht. Und neigt das Haupt zur Engelschaar, Singt Gruß und Äbschiedslied Ihr, die so eben unsichtbar Bon seiner Schwelle schied. Und singt vom Biederweib den Sang, Das nimmer säumt und ruht Und ihrem Gatten lebenslang Nur immer Liebes ckhut. Und preist den Schöpfer alles Seins, Der uns zur Herzenslab' Erschafft die süße Frucht des Weins Und uns den Sabbath gab. Wir Kinder, um das Mütterlein Und um den Tisch'gereiht. Wir stimmen fromm mit „Amen" ein, Wie er den Sabbath weiht. Und jedes nippt vom Sabbathtrank, Den ihm der Vater bot. Und sagt dem Ew'gen Lob und Dank Und ißt vom Sabbathbrod. Wie jetzt des Mondes Silberstrahl In unser Stübchen blickt. Da sieht er, wie beim schlichten Mahl Die Sabbathruh' erquickt. Der Werkeltage Sorg' und Müh'n Vergessen wird zur Pflicht, Und stille, reine Freuden blüh'n Auf jedem Angesicht. Und ehe noch das Mahl begann Und zwischen jedem Gang, Da stimmt der Vater Lieder an In heil'ger Sprache Klang. Es kündet ihrer Weisen Schall Des Sabbaths Brauch und Sitt', Die Mutter und wir Kinder all'. Wir singen freudig mit. „Herr, unser Gott, wir danken dir, Der Alles du ernährst In deiner Huld," so beten wir, „Und Jedem Brod gewährst; Wir danken dir für den Genuß, Der deiner Hand entquoll," So beten wir nach Mahles Schluß Gemeinsam, andachtsvoll. Der Sabbathruhe köstlich Gut Ward Israel zu Theil; Sie gab in schwerer Zeit ihm Muth, Sie war sein Trost und Heil. War draußen Schmach des Juden Loos, Hat Leid ihn fast erdrückt. So hat ihn in der Seinen Schooß Die Sabbathruh' beglückt! Des Wächters Lied trägt halbverweht Uns seinen Nachtgruß zu; Wir sprechen unser Nachtgebet Und schicken^ uns zur Ruh: Nicht schadet Nachts dir Mondeshell', Bei Tag nicht Sonnenlicht, Es wacht dein Hüter, Israel, Er schläft und schlummert nicht.