Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1897)
- Date
- 1897-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
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r um beides aufzuheben, stieß er. mit seinem Ellbogen ein auf dem j! Tische stehendes Weinglas um, daß es auf dem Boden in Stücke " zerbrach, während der rothe Wein sich über die kostbare sabbathliche - X Tischdecke ergoß. Siegfried wünschte sich in diesem A'aenblicke nach j], einem fernen, menschenleeren Eiland; Fanny rief .< einer Hast, ]) als gälte es einen brennenden Palast zu retten, nach der Magd; / Reb Bär sagte ärgerlich: „Ein Schlemihl bist Du, daß Du könntest schon heute Row sein." Nur Hildegard hatte'Mitleid mit dem armen Sünder und, eilig ein Salzgefäß ergreifend, dessen Inhalt sie jj auf die von Wein durchtränkte Stelle der Tischdecke ausschüttete, ,1 sagte sie, zu Siegfried gewandt: „Sie müffen sich darüber nicht ji kränken; das geht schon heraus." Nun war die Reihe, ärgerlich zu werden, an Neb Rephoel. jj „Schabbes!" rief er, „was machst Du da?"!l „Darf man das nicht, Großvater?" fragte das Mädchen mit!f ungeheuchelter Verwunderung. '!j „Eine Welt, die heutzutage aufwächst," sagte der Alte seufzend j und kopfschüttelnd, immer in einigen Intervallen mehrere „ta, ta" i!' und „hm, hm" ausstoßend. „Wie heißt, mein Kind!" fuhr er in n freundlich belehrendem Tone fort. „Weißt Du nicht, daß man am i Schabbes nicht nähen darf? Nun, so gut wie man nicht nähen j darf, darf man auch nichts auftrennen, und wie man nicht färben '■ ' darf, so darf man auch keiner: Fleck austilgen. Siehst Du das ein, j mein Kind?" u . Hildegard bejahte, obwohl in ihrem Herzen doch einige Zweifel an der Identität der Arbeit eines Färbers mit dem Vergießen eines H Weinglases aufstiegen. Mehr als alles erschreckte sie die im Hause zz des Großvaters immer wiederholte Erfahrung, daß der Mensch ein!]■ lebenslanges Studium dazu brauche, um zu wissen, was Sünde sei; jj' aber diese oder eine ähnliche skeptische Aeußerung laut zu thun, hätte!j< sie doch nicht gewagt. Ihre Mutter, in welcher der Verdruß über '! die beschädigte Tischdecke noch immer lebendig war, sagte jedoch ganz j|; resolut: „Vater, Du kannst sagen, was Du willst, so sag' ich doch, jj das find Narrheiten, — ja, Narrheiten!" wiederholte sie, als der Alte , sie. mit sprachlosem Erstaunen ob dieser Kühnheit anschaute. „Soll man einen Gegenstand, der vielleicht zehn Gulden werth! ist, zu Grunde gehen lassen, wenn man mit einem wenig Salz den:?! : abhelfen kann? Ich glaube eher, daß so etwas eine Sünde wäre. Wenigstens lasse ich mir das nicht einreden, daß Gott im Himmel;j böse wird, wenn ich eine Handvoll Salz statt auf einen Teller auf die!{• Tischdecke streue." ■j; Der arme Siegfried hatte während dieser Rede eine Empfindung,!' als wäre er eines achtfachen Raubmordes angeklagt. Er hatte das ij Weinglas zerbrochen, die kostbare Tischdecke befleckt, er war von ■ [j ■ seinem Vater in Gegenwart so vornehmer Leute ein Schlemihl ge- R nannt worden, er war die Ursache zu einer Sünde geworden, auf welcher die Strafe der Steinigung steht, und hatte endlich einen ij Konflikt zwischen Vater und Tochter herbeigeführt. Mit großer i; Sorgfalt bemühte er sich, die Brosamen des Kuchens vom Boden R aufzulesen, die er in der Hand hielt, ohne zu wissen, was er damit R anfangen sollte, da er Niemanden anzusehen, geschweige anzusprecheu R wagte. ij Gutrud, die. inzwischen die Tischdecke aufgehoben hatte, um den! Wein darunter mit einem Lappen aufzuwischen, war die Erste, die $ sich seiner annahm. >; „Laß nur gut sein, Siegfriedleben, mein Gold," sagte-sie. „Ich i! werde das schon zusammenkehren. Gieb nur her, was Du in der ' Hand hast. Hier in meine Schürze! Mach' Dir daraus nichts. So etwas kann einem Jeden passiren. Es ist mir schon mehr als einmal passirt." Nun fühlte auch Reb Rephoel, daß er dem kleinen Pechvogel ein Wort des Trostes schulde, das zugleich eine Widerlegung der Ketzerei seiner Tochter sein sollte. „Laß' sie nur Alle reden," sagte er. „Sei Du nur wie Du bist. Es ist besser so, als wie die heutige Welt ihre Jungen aufwachsen läßt mit Turnen und Tanzen und Schießen und „allem Greuel der Völker, das der Herr haßt," so daß man von ihnen sagen kann, wie der Talmud sagt : „Das Schlechte habet ihr von ihnen gelernt, das Gute habet ihr nicht gelernt." Wir haben das Alles nicht mitgemacht und trotzdem haben wir uns ernährt und sind bei den anständigen Christen mehr geachtet gewesen als die heutige-Welt, die ihnen Alles nachäfft. Was willst Du aus ihm machen?" fuhr er an Reb Bär gewendet fort. „Er soll vor Allem lernen," erwiederte der Angeredete mit tiefem Ernste. „Er ist der Einzige, der mir von Fünfen übrig geblieben ist, und als er sechs Jahre alt war, habe ich auch schon die Hoffnung aufgegeben, ihn zu erhalten. Er war mir an Lungenentzündung erkrankt, und es ist mir wie heute, als der Doktor hereinkam, es war an Sabbath Chanuka, und sagte: Es ist Alles möglich, aber ich soll mich gefaßt machen. Da habe ich mir vorgenommen, wenn mir ihn Gott wieder schenkt, so soll er, wie es bei Samuel heißt, alle Tage seines Lebens Gott geweiht sein. Ich lasse ihn-jetzt vom Oberlehrer in Latein unterrichten und will ihn in die fünfte Klasse des Gymnasiums eintreten lassen, wenn er soviel Gemoro gelernt hat, daß er dann nicht Alles vergißt. Dann soll er in ein Rabbinerseminar eintreten. Mit der Jeschiba ist es heute nichts mehr. Wir brauchen Leute, die Thora mit weltlichen Kenntnisse:: verbinden. Ich thue das Meinige. Alles Andere steht bei Gott und bei ihm. Ich verlasse mich auf das, was unsere Weisen gesagt haben: „Wer mit reinen Absichten kommt, dem hilft der Himmel." „Du hast Recht," sagte Reb Rephoel. „Gott soll Dir helfen es auszuführen, wie Du Dir es vorgenommen hast. Was hast Du mit ihm aus der Gemoro gelernt?" „Ich habe mit ihm ausgewählte Abschnitte gelernt," war die Antwort, „ich will, daß er eine allgemeine Uebersicht von Allem erhalte." Das Interesse an dem Gespräche hatte den Kranken ordeiü gestärkt. Der Ausdruck der Müdigkeit war von seinen: Gesicht qvwichen, und von der Gedächtnißschwäche, über die er geklagt hatte, war keine Spur zu sehen. Er richtete an den Knabe:: verschiedene Fragen aus den Kapiteln im Talmud, welche Reb Bär ihm genannt hatte; über die Pflicht des. Eides, wenn der Beklagte einen Theil der Forderung zugesteht, über die Genießbarkeit des Fleisches von einem Thiere, welches am Sabbath geschlachtet wurde, über die Frage, ob man an einem Feiertage einen Holzsplitter abbrechen dürfe, um ihn als Zahnstocher zu verwenden, über ungesäuerte Brode, die man statt mit Wasser mit Fruchtsäften angeknetet hatte, über Rabbi Nathans Ansicht von der Pfändbarkeit einer Hypothek durch den Gläubiger des Hypothekargläubigers, über die Frage, ob man von einem Kinde am Sabbath ein Licht auslöschen lassen dürfe, und über manches Andere. Der Knabe bestand das Examen glänzend; er erkannte sofort, wenn der Examinator ihm eine Falle stellte. Seine frühere Befangenheit war ganz von ihm gewichen. Als Reb Rephoel ihn fragte, was mit den Eiern geschehen solle, welche die rothe Sühnopferkuh an einem Feiertage gelegt habe, antwortete er lächelnd: Die rothe Kuh hat niemals an einem Feiertage Eier gelegt. Die Prüfung hätte wohl noch fortgedauert, wenn nicht Reb Bär, durch einen bittende:: Blick Fannys aufmerksam gemacht, sie mit der Bemerkung unterbrochen hätte , er müsse nach Hause -gehen, wenn er nicht kalten Scholet und heiße Vorwürfe von seiner Haus-