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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-01-01 · Heft 1 (1.1.1897) · p. Seite 9

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 1 (1.1.1897)
Date
1897-01-01
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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■" ' . ' -— , 9 — stolz einherschreitenden Menschen geht er langsam gebückt, wie" ein Schatten mit seinen wie Schneeflocken weißen Haaren vorüber. Nun werden, die erleuchteten Stellen immer seltener und immer mehr' hüllt sich die Straße in Dunkelheit ein. Sie wird immer einsamer, das Geräusch der Wagen hört man nicht mehr, und nur sehr vereinzelt erklingen die Schlittenglocken. Sogar die Laternen scheinen ein schwächeres Licht zu werfen; au niedrigeren Häusern werden die Trottoirs enger und leerer, und hinter den Fenstern blinkt zwar ein Licht, doch nur vereinzelt, und es stehen dort keine hohen Lampen, keine glänzenden Vasen, man vernimmt keine Musikklänge. Dieser Stadttheil ist viel ärmer als derjenige, in dem sich die prächtige Wohnung seiner Kinder befindet. Noch wohnt hier nicht das Elend, aber die ihm nah verwandte Armuth, und was man hier Wohlstand nennt, ist noch imnier sehr bescheiden. An Stelle der Magazine mit herrlichen Schaufenstern sind ärmliche Kramläden getreten, bunte Schilder blinken im schwachen Licht an den alten Hausthüren und den kleinen Fenstern, und einige von ihnen kreischen, von« Wind bewegt, über den Köpfen der Vorübergehenden. Manchmal schaukelt sich auch ein Brett mit dunklem Untergrund, auf dem ein Zifferblatt aufgemalt ist, groß, weiß, einem alten, verweinten Gesicht ähnlich. Die abgeblaßten Ziffern und Zeiger sehen aus wie von Zeit Msgegrabene Runzeln, und der Staub des Sommers und die Regengüsse des Winters haben auf ihnen viele schwarze Spuren hinterlassen, getrockneten Thränen ähnlich. Der Blick des alten Herrn im Biberpelz fiel zufällig auf das gemalte Gesicht der Uhr, das sich unter dem Druck des Windes langsam bewegt und leise an die Mauer geschlagen hatte. Es lag darin eine Einladung, mit leisem, klagendem Ton ausgesprochen. Eine Uhr auf einem Schild! Ein Uhrmacher! Das kam gerade recht. - Seine Uhr muß gerade reparirt werden. Seit einiger Zeit verspätet sie sich stets täglich um einige Minuten. Er macht sie schon selber immer zurecht, zieht sie auf. rückt sie, stellt sie zurück — alles vergeblich. Und doch versteht er etwas vom Uhrmachen, und alle Uhren zu Haus stehen unter seiner ausschließlichen Aufsicht. A'"w für den alten Freund nuiß mau den Rath eines Arztes ein-;en. Er schritt einige Stufen hinauf, machte die Ladenthür auf, aoch verließ er, als er sie wieder hinter sich geschlossen, nicht sofort die Schwelle; einige Minuten hindurch blieb er stehen, beobachtend und horchend. Das Zimmer war klein, von der Decke bis zum Boden von einem cigenthümlicheu murmelnden, monotonen und zugleich unruhigen Geräusch erfüllt. Es war kein Lärm, sondern ein Geräusch, weder wachsend noch nachlaffeud, sondern gleichförmig, ohne eine Sekunde der Unterbrechung das Zimmer von oben bis unten erfüllend. Man hörte hier nichts weiter: wederden Straßenlärm, noch das Gekreisch der Schilder, noch einen Laut von der übrigen lebenden Welt. Nichts, nur von der Decke bis zum Boden und von Wand zu Wand eine Unterhaltung oder eine Konferenz der Uhren, die eine nach der anderen mit vielen trockenen und lärmenden Stimmen sprachen: „tak-tak . . . tak-to-tak . . . tak-totak ..." Und mitten in dem Geräusch eines wie etvig klingenden Mürmelns saß beim Fenster an einem Tisch, der von einer Lampe beleuchtet wurde, über einer Masse von Rädchen, Federn, Häkchen ein Mann im langen abgetragenen Nock, mit weißem Bart und weißen Haaren, die unter einem Sammtküppchen hervorqnollen. Eine große Brille vor den Anger«, arbeitete er mit einem seinen Werkzeug an den blitzenden Dingerchen. Seine Stirn war gefaltet, seine Lippen anfeinandergeprcßt, und seine unter den weißen Brauen und gerötheten Lidern blitzenden Auaen drückten eine große Aufmerksamkeit-'aus. Vielleicht «var sein Ohr dennaßen an das keifende Gespräch der Uhren geivöhnt uub so darin eingelebt, daß es arideres Geräusch'nur schwer unterscheiden formte; den Eintritt des unbekannten Mannes hörte er nicht. (Fortsetzung folgt.) Andere Zeiten. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben der jüngsten Vergangenheit, von Gotthard Deutsch Neunzehntes Kapitel. Der Schlemihl im Verhör. (A^^annys Eintritt unterbrach das Gespräch in sehr wohlthuender Weise. Sie war dem Vater zu Liebe mit ihrer Tochter bei der Produktion des jungen Gelehrten anwesend gewesen und hatte dann das Zimmer verlassen, um jetzt mit einem Teller Kuchen iiiid einigen Gläsern Wein zurückzukehren, wobei sie von ihrer Tochter unterstützt, wurde. Als sie mit den Worten „Bedieneii Sie sich gefälligst, meine Herreii!" den Besilcheru die Erfrischungen anbpt, rief Reb Rephoel mit etwas künstlich gemachtem Aerger dazwischen: „Ja, ja, das ist eine Welt! Weißt Du nicht, daß man in einem jüdischen Hanse, Mid besonders zu einem Ben Thora*), sagt: „Machen Sie Brache?"2) Man sollte meinen, Du seiest in einem Kloster ausgewachsen." „Nimm mir es nicht übel, Vater," sagte Fanny, ..man kommt so ganz aus der Uebiing bei mis in der Stadt." Und mit einem etwas foveirten Accent, den« man das Bestreben anhörte, das hebräische Wort imgeschickt ausznsprechen, sagte sie: „Bitte, machen Sie Broche, meine Herren!" Reb Bür nahm das Glas in die Hand und sprach, zu Reb Rephoel gewendet: „Zum Lebei« nud zu vollständiger Genesung!" worauf Reb Rephoel andächtig „Amen" sagte, was er nach Mordches gleichem Tr'mkspriich ebeiiso wiederholte. Inzwischen war Hildegard an Siegfried herangetreten, der wieder mit dem Hute in der Hand verlegen hinter seines Vaters Stuhle stand, und sagte mit der Sicherheit des gesellschaftlichen Auftretens, welches dem Stadtkinde cilie eiitschiedene Ueberlegeiiheit über das Landkind verleiht: „Sie müssen doch und) Ihrer großartigen Leistung hungrig sein, bitte greifen Sie zu, oder soll ich auch sagen: „Machen Sie Broche?" Das letzle Wort klang in ihrem Munde wirklich ganz fremdartig, da sie das „ch" nicht mit den: tiefen jüdischen Kehllaut, sondern als Gannienlaiit aiissprach. Siegfried hatte, als das Mädchen ihn ansprach, die Augen gesenkt und erröthete bis über die Ohren. Das hübsche Mädchen mit ihrem sicheren Auftreten, das Prüseutirbrett mit dem geteilten Kiichen, neben dem das silberne Messer lag, die kleiiien Tellercheii milden feinen Servietten; das alles setzte den armen Jungen so in Verlegenheit, daß er kein Wort Hervorbringen konnte. Sein Vater kam ihn« zu Hilfe, indem er sagte: „Setze Dir nur. den Hut ans. mein Kind, und niache Broche." Siegfried nahm; ohne sich des Messers ztl bedienen, ein Stück Kuchen mit zitternden Händen, und statt es nach dem Munde zu führen, fuhr er damit nach den« Kopfe ilnd steckte die Hntkrämpe in den Mund. In dem Schrecken über seine Ungeschicklichkeit und verlegen gemacht durch das mühsam verhaltene Lächeln des Mädchens, ließ er Hiit uiid Klichei« zu Boden fallen, nnb als er sich rasch bückte, *) Gelehrten. 2) Sprechen Sie den Segen.

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