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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-01-01 · Heft 1 (1.1.1897) · p. Seite 8

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 1 (1.1.1897)
Date
1897-01-01
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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8 Lied der Jäger an der Zisterne wird als besonders schreiend bezeichnet, und von dem leichten Gassenhauer haben wir ein Beispiel, wenn es (Jesaja 23. 15) heißt: „Es soll Tyrus ergehen, wie es int Dirnenlied steht: Nimm deine Guitarre! Lauf in der Stadt umher! Du vergessene Dirne!. Spiele schön auf den Saiten. Sing viele Weisen, Um dich in Erinnerung zu bringen! Bei, allen Gastmählern wurde gespielt und gesungen. Man ersieht dies aus dem Zornesausbruche der Propheten. Amos (6. 5) ' eifert gegen Diejenigen, die sich auf Bettstellen aus Elfenbein strecken, die Lämmer aus den Herden und Kälber aus den Ställen fressen, zu der Leier Töne singen, als ob sie toll wären, glauben, daß sie Harfe lvie David spielen könnten, Wein aus gleißenden Weinkannen trinken und sich mit ausgesuchtem Oele salben. Jesaja (5, 12) greift gerade so heftig Diejenigen an, die spät am Abend anssitzen, vom Weine erhitzt, und zu den Gastmählern Harfen und Psalter, Trommeln und Pfeifen hören. Man sang sowohl zur Einweihung als auch während der religiösen Feste. Es heißt bei Jesaja (30, 23): „Da werdet ihr singen wie zur Nacht, wenn mau sich zum Feste heiligt, und es wird. Freude in den Herzen sein, als wenn die Pilger zu den Tönen der Flöten nach dem Berge Jehovas gehen, nach der Klippe Israels (Sion)." Diese Worte schildern nächtliche Festceremouien, wahrscheinlich vor dem Osterfest. Einer der Psalmen (68, 26) zeigt die Ordnung bei einer solchen Ceremonie: Voran gingen die Sänger, , Dahinter,'die das Saitenspiel spielten. In dek Mitte Jungfrauen, die auf Handpauken schlugen. Jede Verheißung von zukünftiger Freude ist auch mit der Vorstellung von tanzenden und singenden Mädchen verknüpft. .So heißt es bei Jeremia (31.4): „Tochter Israels! Bald sollst du wieder das Tamburin schwingen und in den Tanz der Spielenden treten." -1 '\±-:——--—-H I—I I-' kiMMMiM * 1 FEUILLETON | i um 1—4 --> —I!— Das Ewig-Menschliche. Eine Erzählung von Elise Orszeszko. aum hatte der Schnee, ver die Straßen und Dächer bedeckte,, durch die frühe Dämmerung eines Winterabends einen grauen Schimmer bekommen, als die Fenster des großen, .schönen Hauses in vollem Glanze erstrahlten. Auf ihrem goldigen Grund zeichneten sich die reichen Draperien der Portieren, die schlanken Lampensäulen, Pflanzengruppen und die unklaren Schatten der menschlichen Gestalten. Als sich auf der Straße das Wageugerassel ein wenig gelegt hatte, vernahm man durch die doppelten Fensterscheiben schwache Töne eines Klaviers. Es war leicht zu errathen, daß sich dort Menschen amüsiren; daß sie sich, nachdem sie von Wem reichen^ Mahl aufgestanden.sind, die schnell dahiufliegenden Augenblicke mit Musik und Unterhaltung angenehm zu vertreiben suchen. Vor dem Thor standen einige schön geschirrte Equipagen, deren reich dekorirte Kutscher ihre Köpfe hängen ließen und schliefen oder sich mit den frierenden Armen um Schultern lind Hüften schlugen. Aus dem Thore kam schnell ein Diener im Frack heraus und gabv den Kutschern den Befehl, nach Hause zu fahren. Der Schnee knisterte unter den Rädern, und die Wagen eilten, durch die schon nach Bewegung lechzenden Pferde fortgerissm, davon. Zwischen dem grauen Schnee und dem noch blauen Himmel begannen die beiden Laterneureihen ihr Licht zu werfeil. Dann wurde es still in der Straße, manchmal nur sauste ein kleiiier Schlitten mit schwachem Geklingel vorbei, auf die weißen Steine des Trottoirs siel das unbewegliche Licht der Fensterauslagen, in demeinzeln oder gruppenweise die Profile der Vorübergehenden sich abspiegelten. Aiis dein Thore des hell erleuchteteir Hauses trat ein Mann heraus, dessen weißer Bart eine Schneeflocke, die man ihm auf die Brust gelegt hat, zu sein schien. Sein Pelzüberzieher mit dem kostbaren Kragen umschloß fest seine ziemlich hohe ein wenig gebückte Gestalt, der Rand seiner tief ins Gesicht gedrückten Pelzmütze berührte die goldene Einfassung seiner Brille. Sein Anzug, seine Bewegungen, selbst die Art, mit der er seine Handschuhe anzog, kennzeichneteii ihn als einen Mann, welcher der höheren Gesellschaftsklasse angehört. Der graue Bart, die gebückte Haltung und die Brille, alles Anzeichen des Alters, bildeten einen lebhaften Kontrast zu feinen eiligen Schritten, mit denen er die Straße durchmaß. In diesem beschlennigten Gang und in einigen Bewegungen, die er gemacht, malte sich seine Ungeduld ab und eine Sehnsucht, das Haus, das er eben verlassen, weit hinter sich zu wissen.' Denn so oft die. Salons seiner Tochter sich mit leichten, nichts- , sagenden Gesprächen erfüllten und man in den Zimmern seines Schwiegersohnes grüne Spieltische aufstellte, fühlte er immer eine Unlust, Trauer, uud verließ ihr Haus, das auch sein Haus war, so eilig er es thnn konnte. Sollte er, älter geworden, das Herz für die Welt verloren, oder sollte sich die Welt von ihn: abgewaudt haben? In beiden Mnthmaßungen lag viel Wahrheit. Für ihn, den Großvater erwachsener Enkel, gehörten selbst Mütter und Väter von Familien zur Jugend. Das ist ganz richtig, man kann doch die Jugend lieben und von ihr geliebt werden. Nur daß er das Leben dieser jungen Geschlechter nicht mehr recht versteht. Ec hatte einst augebetete Ideale, die ihm als Maßstab seines Urtheils über Menschen und ‘ Dinge galten. An diesen Maßstab angelegt, erscheinen ihm seine Tochter, sein Schwiegersohn und seine Enkel sehr klein. Er will nicht ungerecht sein, seine väterliche Liebe wird in ihm laut. — Weder seine Tochter noch sein Schwiegersohn, weder seine Enkel noch Enkelinnen sind schwarze Tintenflecke. — Sie haben ihre Vorzüge, ihre Reize, auch geistige Eigenschaften, nur daß er selten mit ihnen in irgend einer Sache sich einigen kann. Ändere Ansichten und Neigungen, andere Erinnerungen. Sie würden vor Langeweile einschlafen, wenn er ihnen davon zu reden anfinge, was Tag und Nacht seine Gedanken erfüllt. Er lebt bei seiner Tochter und seinem Schwiegersohn in Glanz und Ueberflnß, und doch stößt er die Tage von seinem Dasein herunter wie schweren, unnützen Ballast und schleppt sich seinem Ende zu, so langsam, wie er gerade jetzt über die Straße schreitet. Denn, nachdem er das Hans zuerst hastigen Schrittes verlassen, bewegt er sich jetzt sehr langsam vorwärts. Wenn er an der Stelle vorbei schreitet, auf welche aus dem Schaufenster des Magazins helles Licht fällt, so erglänzt sein kostbarer Biberkragen, die goldene Brille und der kunstvoll geschnitzte Knopf seines Spazierstockes. Aber wenn er in den dunkleren Stellen der Straße wandelt, ist alles dunkel um ihn, und an gerade und

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