Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1897)
- Date
- 1897-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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Hier und da liegt in dem Stile etwas, das später in der naiven russischen Volksdichtung über Igors Heerzug wiederkehrt. 'Musik und Gesang verherrlichten jede Begebenheit im Frieden und im Kriege. Fand man nur eine neue Quelle, so sang man ein Lied. Wir haben noch (4. Mos. 21, 17) einen solch uralten Quellgesang, den Israel gesungen haben soll, als Moses die Quelle in Beer grub, und der augenscheinlich dem verlorenen Werk, Jehovas Kriegsbuch, entnommen ist. Der Gesang lautet: Steige, Quelle! Steige, Quelle! Singt ihr entgegen! Singt ihr entgegen! O Quelle, von den Höchsten gegraben. Von den Edelsten des Volkes geworfen. Mit Fürstenspeeren, Mit dem Herrscherstab in der Hand! Völlig getrennt von Gesang und Tanz scheint die Poesie nur bei dem beliebten Aufgeben von Räthselu gediehen zu sein. Bei der Hochzeit des Samson werden solche Räthselspiele gespielt. Die Königin von Saba kommt zu Salomo, um ihn mit dunkeln Reden, d. h. mit Räthseln zu prüfen. Wir haben in der Sammlung der Wortsprüche, die Agur, dem Sohne Jakes, beigelegt werden, einige Verse, die uns einen Begriff geben, wie solche Räthsel lauten. Sie sind oft ausgelassen: Drei Dinge giebts, die nie gesättigt werden. Und vier sagen nie : Es ist genug! Die Unterwelt und ein lüstern Weib, Und ein Erdboden, der das Wasser entbehrt. Und das Feuer! Es sagt nie: Genug! Unter drei Dingen zittert die Erde, Und viere vermag sie nicht zu tragen,! Ein Sklave, wenn er König wird. Ein Narr, wenn er nach Lüsten frißt. Ein häßliches, altes Mädchen, wenn sie einen Mann bekommt. Und eine Sklavin, wenn sie die Herrin verdrängt hat. Doch dies sind verhältnißmäßig späte Formen. Die Reflexion folgt weit später als der Gesang, und der Gesang ist ursprünglich nicht vom Tanze getrennt. Der Tanz hat sichtlich in den: alten Palästina wie anderwärts einen festlichen Charakter getragen. Er ist erotisch, kriegerisch, religiös gewesen. Im Buch Richter (21, 19) heißt es: „Seht, es ist Jahr für Jahr des Herren Fest in Silo. Ihr sollt sehen, wenn Israels Töchter zum Tanze gehen." Die Frauen und die jungen Mädchen tanzten bei festlichen Gelegenheiten öffentlich, und der Tanz ist ein Glied der nationalen Festlichkeiten wie des täglichen Lebens gewesen. Ein ganzer Apparat von Tanz und Gesang sind mit der Gottesverehrung verknüpft gewesen. Von der ältesten Zeit ab huldigte man ihr bei der Opferung rund um. einen Steinaltar auf einem Hügel oder im Schatten eines alten Baumes. Man hat dreißig verschiedene Instrumente nach dem alten Testamente und der Beschreibung in Bildwerken rekoustruirt und znsaminengestellt. Sie sind theils sehr einfach: Kastagnetten, Tamburine, Becken von verschiedener Art, Triangel, verschiedene Flötenarten, Horn- und Sackpfeifen; theils feiner: Guitarren, Lyran und Harfen verschiedener Bauart. Kinnor, worauf David gespielt haben soll, hatte zehn Saiten: Nebel, ein phönizisches Instrument, das die Griechen Nabla nannten, hatte zwölf Töne und wurde mit den Fingern angeschlagen. Hazocera ist wie gerade Trompete, Schofar die krumme, auch mit den Namen Keren (Horn) und Jobel (Jubel, Klang) bezeichnete. Die Feste sind ursprünglich ländliche. Kornernte, Weinernte, Schafschur sind Anlaß zu munteren Zusammenkünften gewesen. Ostern ist vor. der religiösen Umprägung das Fest der Gerstenernte. Pfingsten das der Weizenernte. Aber auch eine Art jährlicher Trauerfeste wird erwähnt. Es heißt (Richter 11, 40): „Und es wurde Sitte in Israel, daß die Töchter Israels Jahr für Jahr hingingen, um die Tochter Jephthas, des Gileaditen, vier Tage des Jahres zu beklagen." Sie wurde als nationale Heldin oder Heilige angesehen und gefeiert. Es gab nationale Klagegesänge, die man die Jugend vortragen und singen lehrte. . So den großen Klagegesang über Saul und Jonathan, der in dem verlorenen Buche Jachar enthalten war und. worüber gesagt wird (2. Sam. 1, 17), daß „David dieses Klagelied saug und befahl, daß man es die Kinder Judas lehren sollte" Diese schöne Dichtung ist natürlich nicht von David, der auf der Seite der Philister kämpfte und sich in ihrem Land während, der Schlacht, in der Saul und Jonathan getödtet wurden, aufhielt, sondern sie giebt mit großer Innigkeit die Trauer über eine Niederlage wieder und die nationale Vorstellung über die ideale Freundschaft, die der Sage nach den Königssohn mit dem aufrührerischen Condottiere verband. Sie beginnt: Israels Blüthe liegt auf den Höhen erschlagen. Wie? Sind die Helden gefallen? Geh' nicht hin und erzähl' es in Gath, Verkünde es nicht auf Askalons Gassen! Zu sehr freute es der Philister Töchter, Ließe der Unbeschnittenen Töchter vor Freude springen. Nachdem der Trauer Ausdruck gegeben, wird in dem Folgenden die Tapferkeit der Gefallenen gepriesen: Ihr Berge zu Gilboa! Kein Thau falle auf euch. Kein Regen netze euch, ihr Todesfelder! *) Denn dort wurde der Tapfer» Schild geworfen, Sauls Schild, der nie mehr geschlagen-wird. Bon dem Blut der Verwundeten, von dem Fefi der Töpfern, Bekam Jonathans Bogen nie genug; War Sauls Schwert gezogen. Nie rastete es, eh es gesättigt war. Der Schluß lautet: Saul und Jonathan, ihr geliebten Wesen, ihr herrlichen Menschen, Im Leben vereint, seid ihr im Tode nicht geschieden, , Leichter denn Adler, Stärker denn Löwen. Ihr Töchter Israels! Weint über Saul, Der euch mit Purpur und edlen Steinen bedeckte, Eure Kleider mit goldnem Schmucke zierte (von der Beute). Wie? Sind die Helden in der Schlacht gefallen? Jonathan liegt auf der Höhe erschlagen! Mein Herz schnürt sich in meiner Brust zusammen. Wenn ich dein denke, mein. Brüder Jonathan. Du warst die Süße meines Lebens, Deine Freundschaft war mir werther denn Frauenliebe. Wie? Sind die Helden gefallen, , Sind sie umgekommen, die unsere Streitwaffe waren? Das ist eine wahre Drapa, an manchen Stellen wild, an anderen weich, reicher im Ausdrucke, abwechselnder im Inhalt als die alten nordischen Drapen, in ihrem Pathos und ihrer weichen Wehmuth eher an den Bardengesang in Ossian erinnernd. Außer solchen ernsten Gesängen gab es auch leichtere Lieder, die die Jagend auswendig konnte: Jagd-, Trink- und Spottlieder. Das 0 Man glaubte, daß blutgetränkte Erde nicht bethaut werden könnte,!. ehe der Mord gerächt wäre.