Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1897)
- Date
- 1897-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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MM spannten ckhre besten Pferde vor und retteten^Äe Königin mit ihren Kindern. Als sie am Orte ihrer Beförderung waren, dankte ihnen die Hochseligd. sagend: Got t wird mir helfen, unddann soll es Euch gedacht werden. Unter den königlichen Kindern war auch die Prinzessin, jetzt regierende Kaiserin aus Rußland. So waren es damals Israeliten, welche einst Mutter und Kinder, der größten Gefahr ausgesetzt, vom Feinde geplündert zu werden, gerettet haben und deutlich bewiesen, daß sie in König und Königin ihre theuerften und edelsten Schätze verehrten, für welche alles zu opfern Pflicht sei. Die Geschichte schweigt hierüber und spricht kein Wort davon, , aber ein sehr ehrlicher Staatsbürger aus Märkisch Friedland, der bereits sein Zeitliches verlassen hat, versicherte mir die Wahrheit desselben, und es werden noch in Märkisch Friedland Manche am Leben sein, die es wissen. Möchte dieses einen Stein in die Wagschale legen, uns zu begünstigen und uns nicht, als Stiefkinder des Landes zu betrachten. Es sei damit nicht gesagt, als hätten die übrigen Unterthanen nicht auch ihr Möglichstes gethan; allein auch die Israeliten standen trotz ihrer, damaligen bürgerlichen Zurücksetzung nirgends zurück, wo es die Rettung des theuerften Vaterlandes und des edlen Königshauses galt.", gez : „A. E. Abel." So also wörtlich der Berichterstatter A. E. Abel zu Stolp in Pommern?) Wir haben dieser schlichten, einfachen und in Ausdruck und Stil zuweilen unbeholfenen Darstellung Abels kein Wort hinzuzufügen. Was wir etwa noch zu sagen hätten, hat der Berichterstatter für seine Zeit zart und deutlich genug angedeutet und paßt leider auch noch für die Gegenwart. Nur das Eine möchte ich noch hervorheben, der biedere Joseph Moses Stargard und sein Genosse Marquald zu Märkisch Friedland sind typisch für die Tugend der Vaterlandsliebe der Juden. Obschon sie es damals recht schmerzlich empfanden, daß sie in ihrem eigenen Vaterlande kaum die* Rechte von. Fremden besaßen, fühlten sie sich dennoch als treue Söhne des Vaterlandes in der Stunde der Noth und Gefahr. Opferwillig retteten sie ihre geliebte Königin, obschon sie wußten, daß ihre That, wenn sie erst ruchbar würde, von .dem nur drei Meilen entfernt stehenden Feinde um so schwerer gerächt werden würde, als sie ja Juden waren. Sie thaten freudig und willig ihre Pflicht und fanden in ihrer Pflichterfüllung ihren schönsten Lohn. Niemals haben sie sich später ihrer treuen Pflichterfüllung weiter gerühmt, niemals sich vorgedrängt und in Erinnerung gebracht, um für ihre rettende That in der Stunde der Gefahr auch noch einen anderen Lohn, irdische Ehren in Anspruch zu nehmen. Schlicht, bescheiden und anspruchslos, wie sie bis dahin gelebt, tauchten sie nach ihrer That wieder' im Meere, der Vergessenheit unter und stiegen -ungerühmt und ungenannt ins Grab. Gesegnet sei ihr Andenken für solch' uneigennütziges Thun! - Es war die Frucht derselben reinsten Vaterlandsliebe, die wenige Jahre später, in den Freiheitskriegen, Schaaren jüdischer Jünglinge zu den Fahnen als „Freiwillige" trieb, weil sie das Recht nicht hatten, im. Heereihr Blut für das Vaterland zu opfern. Schließlich will ich noch erwähnen, daß ein Enkel des Joseph Moses Stargard zu Märkisch Friedland noch lebt und sich der That seines braven Großvaters, die in der Familie durch Ueberlieferung fortlebt,- wohl zu erinnern weiß. Es ist Herr Joseph Gottschalk, Inhaber der Eichorienfabrik M. Gottschalk Söhne zu Eharlottenburg. der den Namen seines Großvaters Joseph trägt, und demich auch den Bericht des A. E. Abel im „Orient? zu verdanken habe. Nur mit Widerstreben willigte-Herr Joseph Gottschalk in die Ausgrabung . J) Es wäre interessantwenn Historiker von Fach diese Mitktheilungen näher auf ihre historischen Quellen prüfen und. darüber belichten wollten. Die Red.. dieses Berichtes aus dem „Orient", obschon der Enkel, sich wahrlich? der That seines Großvaters nicht zu schämen hat. Nur der Gedanke allein vermochte ihn dazu, daß es leider noch immer nöthig ist, der Welt den Nachweis zu führen, daß auch Juden ihr Vaterland lieben, uneigennützig, opferwillig und hingebungsvoll! - ■ . Nas Kshelied. Von Georg Brandes. i. ,;;? ie Poesie ist bei allen Völkern älter als die Prosa, und die Poesie ist ursprünglich Gesang. Man hat gesungen, nicht allein ehe man geschrieben, sondern auch ehe man gesprochen Hat. Doch die Poesie war in der ältesten Zeit nicht Gesang allein. Tanz und Gesang sind ursprünglich verbunden, rhythmisch vereint i die Silbe entspricht dem Schritte. Die Vorfahren des Menschen haben aller Wahrscheinlichkeit nach lange, ehe sie eine .deutlich gegliederte Sprache hatten, musikalische Töne ansgestoßen. In seinem Buche über den Ausdruck der Gemüthsbewegungen leitet Darwin den Ursprung der Sprache von der Thatsache ab. daß beide Geschlechter vieler Thiere sich zur Brunstzeit gegenseitig anrnfen, so daß das /Männchen in vielen Fällen das Weibchen durch seine Stimme zu gewinnen oder zu locken versucht. Er macht darauf aufmerksam, daß der Gebrauch der Stimmorgane demnach mit dem größten Vergnügen verbunden ist, das das Thier zu fühlen fähig ist.- Hier ist der Quell der ältesten Poesie.. Das erste Auftreten der Sprache galt wahrscheinlich der Bezeichnung des anziehenden und Freude erweckenden Gegenstandes. Me bist du' schön, du Geliebte! oder ähnlich lautet die älteste Lyrik. Wenn die erotische Vorstellung künstlerischen Ausdruck durch Gesang und Tanz gewinnt, bietet sie statt des wirklichen einen Phanta siegen uß. . Syriens uralte Hochzeitstänze waren naive, die Hymnen und Phallos-Gesange der Griechen feine oder rohe Ausläuferdieser KunsE gattnug. Noch heutigen Tages gehören die zügellosen erotischen Gesänge und Pantomimen der Asiaten, Aegypter und Nordafrikaner als eine späte Ausartung hierher. Die schönste weltliche Dichtung, die uns aus Palästinas Alterthum überliefert, ist eine solche sichtlich uralte erotische Schöpfung. > - An zwei Stellen bei Jeremia (7,. 34; 25, 10), steht: Und will, sagt Jehova, in den Städten Judas und auf den Gassen zu Jerusalem wegnehmen das Geschrei der Freude und Wonne und die Stimme des Bräutigams und der Braut, d. h. alle öffentlichen und privaten Festlichkeiten sollen verstummen, auch die Epithalamien, wo die Stimme der Braut und des Bräutigams abwechselnd ertönten. -;; .Es ist wahrscheinlich, daß das Hohelied (Schir Haschirim) zu. der Zahl dieser Hymnen gehört hat, daß das es beste Vorbild dieser Art gewesen ist, darum stets anfgeführt, rezitirt lind gesungen wurde und dadurch trotz seines weltlichen Eharakters aufbewahrt? worden und bis zu uns gedrungen ist. Wir können uns heutigen Tages nur eine unvollkommene Vorstellung von der weltlichen Poesie der Hebräer.machen. .Sehr wenig ist uns davon überliefert; denn in der Schriftensammlung, die zur heiligen Schrift des Volkes geworden ist, wurde sie nur gelegentlich,