Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 52 (29.12.1887)
- Date
- 1887-12-29
- Page
- Seite 830 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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880 lodien über die Gräberfelder hinsang. — Wahrscheinlich durch den Arzt war dort die Kunde von dem Zustande meiner Schwester in weitere Kreise gedrungen, und der Rektor Richter, der schon meinem seligen Vater befreundet gewesen und vielen Hntheil an der damaligen Polemik über den Magnetismus nahm, suchte uns auf und kam, auch von meiner Schwester wohl gelitten, jetzt fast täglich zu uns. Er erzählte davon auch der Herzogin, und diese ließ durch ihn zwei Hofdamen zu uns führen, um ihr von der Sache Bericht zu erstatten. Die Folge davon war, daß die Herzogin ihrem Küchen- und Kellermeister den Befehl gab, Alles von Erfrischungen und Weinen, die wir für die Kranke fordern würden, vom Besten uns zu liefern. So wanderte ich oft zur herzoglichen Küche und es wurden mir das feinste Eingemachte und die seltensten Früchte verabreicht, Wein durfte die Patientin nicht trinken. So währte dieser Zustand mehrere Monate; endlich verkündete die Kranke die Abnahme ihres somnambulen Zustandes, bezeichnet Tag und Stunde, glaubte an ihre Genesung und ertheilte ihre letzten Vorschriften und nannte die Bedingungen für das Aufhören dieser merkwürdigen Leidensgeschichte. Es traf Alles genau ein, und in der That besserte sie sich nach und nach, und wir hatten die unsägliche Freude, sie von ihrem Krankenlager erstehen zu sehen. Sie verrichtete mancherlei häusliche Geschäfte und machte mit uns kleine Spaziergänge. Aber es war doch vom Geschick anders bestimmt. An einem Freitag Morgen begleitete ich sie zum Markt, um einige Einkäufe für den Sabbath zu machen. Wir kamen durch eine enge Gasse, und ich erzählte meiner Schwester einen harmlosen Traum, den ich in der Nacht vorher gehabt. Da kam ein roher Bursche auf uns zu, welcher in den Wald gehen wollte, um — an diesem Tage war dies erlaubt — abgefallene Reiser zu sammeln und dabei mit einem eisernen Haken, in allerdings ungesetzlicher Weise, ganze Aeste von den Bäumen herunter zu reißen. Er beschimpfte mich und meine Schwester, und da ich mich vor diese stellte, schlug er mit dem Haken auf meinen Kopf, so daß das Blut über die Augen strömte. Wie verscheuchte Tauben flohen wir nach Hause, ein Chirurg mußte geholt werden, der die Wunde sondirte und verband; er erklärte, einige Linien weiter und ich wäre unrettbar verloren gewesen. Nun, die Wunde heilte bald wieder; der böse Knabe wurde vor Gericht gezogen und nach damaliger guter Sitte mit einer empfindlichen Tracht Schläge nach Hause geschickt. Aber was nützte dies? Der Schreck warf meine Schwester wieder aufs Krankenlager und es trat nun eine allmälige Abzehrung ein. Jetzt war auch die Zeit gekommen, wo mein Bruder zum Studium der Medizin die Universität Halle zu beziehen hatte. Die Vorbereitungen dazu brachten Sorgen und Mühen genug iitit sich. Da kam der schmerzensreiche Tag des Abschiedes. Schwer riß er sich von Mutter und Schwester los und blieb noch einmal vor dem Fenster stehen, mit dem erhobenen Stocke winkend. Meine Schwester weinte still vor sich hin und sagte: Ich sehe ihn nicht wieder. Bald darauf sendete er den als Arzt damals berühmten Prof. Niemeyer herüber; dieser verordnete einige erleichternde Mittel, retten konnte er das schwindende Leben nicht. Meine Mutter war nun für die Unterstützung in ihren Mühen nur auf mich angewiesen, und ich half ihr getreulich die schwere Bürde tragen. Biele Monate hindurch wachte ich jede Nacht bis zwei Uhr am Krankenbette; dann stand die Mutter auf und setzte sich an meine Stelle. Gegen Ende ihres Lebens verfiel meine Schwester wieder in einen kurzen somnambulen Schlaf, aber sie verkehrte dabei allein mit der Mutter, und ich habe niemals erfahren, was sie dieser mitgetheilt. Die Mutter sagte nur, daß die Schwester Stillschweigen darüber verlangt habe, bemerkte jedoch nach Jahren noch, es sei Alles in Erfüllung gegangen. Eines Morgens weckte die Mutter mich und meinen jüngeren Bruder, denn die Schwester lag im Sterben. Die„Chebra" wurde geholt, und diese Frauen drängten uns nach altjüdischer Sitte aus dem Sterbezimmer, in der festgehaltenen Meinung, daß durch die Schmerzen und Wehklagen der Verwandten das Sterben erschwert werde. Wir flüchteten uns in den kleinen Garten hinter dem Hause und saßen zu-" sammen in einer Laube, Speise und Trank verschmähend. Erst als die Beerdigung Nachmittags stattfinden sollte, kamen Verwandte und Freunde zu uns — wahrscheinlich nach dem talmudischen Satze: tröste den Leidtragenden nicht, so lange sein Todter vor ihm liegt. Eine längere Zeit konnten wir uns nicht an die veränderte Lage gewöhnen; oft wachte ich in der Nacht auf mit dem Gefühle, ich müsse ja an das Krankenbett und die Schwester wäre sonst hilflos. Als die dreißig Trauertage vorüber warenund wir fühlten, daß eine Erholung uns durchaus nöthig sei, benutzten wir eine Gelegenheit, um nach Halle zu fahren und meinen Bruder zu besuchen. Wir trafen ihn emsig mit seinen Studien beschäftigt und freuten uns der veränderten Umgebung. Hier wurde auch beschlossen, daß ich nächste Ostern ebenfalls nach Halle übersiedele, um das dortige Gymnasium der Franckelchen Stiftungen, welches die „lateinische Schule" genannt wurde, zu besuchen. Meine Mutter sollte um eine Person erleichtert werden, und außerdem hatte mein Bruder keine günstige Meinung vom Dessauer Gymnasium, wo unter dem damaligen Direktor die Pedanterie zu sehr heimisch geworden. Mein Bruder war auch zu sehr gewöhnt, mich auf meinem Bildungsgänge zu fördern und zu leiten, um hierauf während der für mich wichtigsten Periode zu verzichten. (Fortsetzung folgt.)