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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-12-29 · Heft 52 (29.12.1887) · p. Seite 829

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 52 (29.12.1887)
Date
1887-12-29
Page
Seite 829 (sequence 13)
Language
German
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I 829 Der somnambule Zustand entwickelte sich allmälig; zur bestimmten Abendzeit verfiel die Kranke wie in Schlaf, lag ruhig da mit geschlossenen Augen, fing aber an zu sprechen. Sie sah und hörte nichts, doch sie sprach, zuerst leise unverständlich, dann lauter, in edler gehobener Sprache, doch nicht unbestreitbar ist. Wir freuten uns, vor Kurzem, in den Erinnerungen des Grafen von Schack „Ein halbes Jahrhundert" (Stuttgart 1888) Bd. 11. S. 58, folgende Worte zu lesen: „Zwar war ich, wie ich es heute noch bin, weit entfernt, die Thatsache des Hellsehens zu leugnen; hat doch Schopenhauer gesagt, nur Unwissenheit und absichtliches Jgnoriren von feststehenden Fakten könne dieses thun. Mir halten sogar zwei zuverlässige Freunde von höchst merkwürdigen Vorgängen berichtet, deren Zeugen sie im Justinus Kerner'schen Hause gewesen; indessen widerstrebte mir auf das lebhafteste die Art und Weise, in welcher hier religiöses Kapital, und zwar zu Gunsten der lutherischen Konfession, aus der Vision der Somnambule geschlagen wurde. Um die Verkehrtheit hiervon klar zu machen, sind genug Berichte über Seher und Seherinnen, welche anderen Glaubensbekenntnissen angehörten, vorhanden; aus diesen Aufzeichnungen geht bis zur Evidenz hervor, daß alle solche Gesichte durchaus subjeklw gefärbt sind und nichts für irgend eine Glaubenslehre beweisen. Denn die katholischen Somnambulen, deren auch in unserer Zeit mehrere großes Aufsehen erregt haben, reden ebenso aus den Anschauungen ihrer Kirche heraus, wie die protestantischen in denen der augsburgischen Konfession besangen sind." — Dies ist völlig richtig. Schack spielt hier auf die „Seherin von Prevost" von Kerner an, dem aber später „Selma, die jüdische Seherin" von M. Wiener ein Paroli bog. Hier tritt die jüdische Seherin ebenso für das Judenthum auf, wie die Kerner'sche für das Lutherthum. Bei meiner Schwester war von allem dem nicht die Rede; metaphysische Fragen berührte sie gar nicht; sie war jüdisch orthodox gesinnt und hielt auch in ihrem somnambulen Zustande uns Knaben streng an, die Vorschriften des Gesetzes, namentlich betreffs der Gebetverrichiung zu beobachten. Besonders wichtig war mir die Ansicht meines Bruders aus einer späteren Lebenszeit, nachdem er das medizinische Studium vollendet und etwa schon zwölf Jahre praktizirt hatte, über diesen Gegenstand zu erfahren. So poetisch gestimmt mein Bruder in seinen Geisteseigenschasten war, so stand er doch fest aus dem Boden der Wirklichkeit und ließ in der Wissenschaft und in seiner Kunst nichts zu, was nicht durch Beobachtung, Experiment und Erfahrung bestätigt war. Seine Ansicht sprach er 1838 im zweiten Jahrgang dieser Zeitung in der zweiten Kritik (die erste war von einem anderen Autor) des oben angesührten Buches „Selma" aus (Nr. 125. 129. 137. 154), welche Kritik er mit seinen Namen Unterzeichnete, also bestimmt für sie eintrat. Hier sagt er: „Da rettete sich denn der Magnetismus in die stille wissenschaftliche Welt des Deutschen wieder hinüber. So wie er hier den Unglauben durch die Sichtlichkeit seiner Erscheinungen nach und nach besiegte: so nahm man ihm gegentheilig die unbegrenzte Bedeutung als Universalmittel, man führte ihn zurück in die Schranken, welche ihm, als Jnnormalität. gebührt, man bestimmte die Grenzen, in denen er sein dynamisches Spiel entwickeln dürfe, man suchte sein Wesen und seine Caufalmomente wieder zu entdecken, man sah in ihm durchaus nicht eine Erhöhung der Intelligenz, nicht mehr ein Spiel des Anthroleibes, in welchen der Erdenleib eingeschachtelt ist, wie Jean Paul so schön träumte, sondern im Gegentheil eine völlige Detonirung, Herabstimmung des Sensorium commune, undi ene ungewöhnliche Heraufstimmung des Gangl ensystems —- das Cerebralsystem welche bei diesen krankhaften Affektionen zurück, die Sphäre der Abdom nalnerven erheben sich zu einer parasitisch ausgeb-ldeten Höhe, auf der sie an der Stelle jenes den Organismus beherrsche." *) Weiterhin (S. 522) bemerkt er, daß auch er „am Krankenbette einer geliebten Schwester sich befand, bei der sich nach langjährigen Krampsleiden ein somnambuler Zustand ganz spontan entwickelte," und schließt, und so führte das Buch manche schmerzliche Erinnerung für uns herbei, bestätigte aber viele unserer früheren Erfahrungen." Das Nähere möge man in der gedachten trefflich abgefaßten Kritik Nachlesen. *) Genauer nachsehend, gewahre ich aus einer Anm. S. 522, daß der erste Thell dieser zweiten Kritik, also auch die zuerst angef. Worte, von mir sind, erst die solg. von meinem Bruder. überschwenglich, nicht über ihren Bildungsgrad hinaus. Es waren phantastische Visionen, in welchen sie den lichten Geist ihres Vaters als ihren Schutzgeist mit einem dunklen Dämon, der ihr Leiden verstärken wollte, kämpfen sah, und sie richtete flehende Worte an den Vater, jenem zu widerstehen und durch seine Fürbitten sie zu retten. Dann kam das Hellsehen, worüber uns eben der Arzt Aufschluß gab. Sie sah klar in das Innere ihres Organismus, bezeichnete den Sitz ihrer Krankheit, verordnete sich Heilmittel, theils Hausmittel, wie z. B. Kampfersäckchen auf die Herzgrube, aber auch ein Medikament, das sie nicht zu nennen wußte, dessen Stelle in der Apotheke, so wie sein Aussehen und seine Farbe sie so deutlich beschrieb, daß der Arzt es leicht zu finden und das Weitere zu verordnen vermochte. Sie stand nur mit meinem Bruder, wie man es nennt, in Rapport, d. h. er mußte ihre Hand erfassen, dann sah und hörte sie ihn, sprach zu ihm und antwortete auf seine Fragen. Im gleichen Rapport stand der mit ihr, welcher die Hand meines Bruders faßte. Aber sie machte dabei den Unterschied, daß sie den alsbald fortgehen hieß, der ihr als ein unsittlicher Charakter erschien. Jetzt kümmerte sie sich auch um alle d iejenigen, welche ihrem Her zen nahe standen und um sonstige Umgebungen. In die Einzelheiten gehe ich nicht ein; doch ist es gewiß, daß ihr Blick räumlich und zeitlich in die Ferne, wenn auch nicht in eine große ging, und sie Manches voraussagte, was sich hernach erfüllte. Zu genau bestimmter Minute wachte sie auf, und hatte kein Bewußtsein von dem, was während ihres Schlafes vorgegangen. Was mich betrifft, so mußte ich jeden Abend Alles was geschah und von ihr gesprochen ward, so gut ich konnte, niederschreiben, und das Manuskript blieb in den Händen meines Bruders. Einmal mußte ich 14 Tage zu Hause bleiben, weil, wie sie sagte, ich in Gefahr stehe, zu ertrinken — der Fluß war nicht weit von unserem Hause. Ich gehorchte, und so konnte die Sache nicht befunden werden. Aber eine härtere Probe war die folgende. Sie hatte strengstens verboten, irgend etwas von ihrem Zustande anderen Personen mitzutheilen. Auf einem Spaziergange mit einem Freunde ließ ich mich verleiten, ihm Vieles davon zu erzählen. Als ich nach Hause kam, fand ich meine Schwester in schweren Krämpfen, und am Abend in ihrem Schlafe erklärte sie als die Ursache dieser Krämpfe, daß ich Alles meinem Freunde ausgeschwätzt hätte. Man kann sich vorstellen, welche Reue ich empfand und wie tief der Eindruck der mir so aufs Schlagendste beigebrachten Ueberzeugung von dem Hellsehen meiner Schwester auf mich war. Meine Knabenseele gerieth in einen extatischen Zustand, und ich erinnere mich genau, wie ich mehrere Male nach den beiden Friedhöfen ging, dem jüdischen und dem neuen christlichen, und von den verschlossenen Gitterpforten hebräische Psalmen, deren ich natürlich viele auswendig wußte, nach eigenen Me-

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