Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 52 (29.12.1887)
- Date
- 1887-12-29
- Page
- Seite 828 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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838 Jeuil Äus meiner Knabenzeit. ' VII. Was ich in diesen Erinnerungsblättern berichte, ist sämmtlich Thatsache. Was für mich nicht zweifellos fest steht, was in meinem Andenken mir nur schwankend erscheint, das übergehe ich mit Stillschweigen. Diese Glaubwürdigkeit meine ich bei meinen Lesern beanspruchen zu können. Und wer! möchte wohl so gewissenlos sein, mit den geheiligten Schatten! der Eltern und der Geschwister ein Spiel der Phantasie treiben zu wollen?! Sie sind Alle vor mir ins Grab gestiegen; aber sie leben in mir und mit mir fort, und ich sehe ihre theure Gestalten, vernehme ihre Stimme. Nun, ich bin auch nicht der Erste, der bemerken möchte, wie eigenthümlicher und sonderbarer oft die Wirklichkeit ist, als irgend ein Roman- und Novellenschreiber seine Dichtungen zu gestalten vermag. Darum fahre ich fort. Die Krankheit meiner Schwester trat in sehr mannigfaltigen und schweren Formen auf. Selbstverständlich werde ich auf eine genauere Schilderung nicht eingehen. So z. B. lag sie mehrere Monate in Starrkrämpfen, bewußtlos, mit völlig unbeweglichen Gliedern. Genau alle drei Stunden wachte sie auf, nahm schnell eine Tasse Kaffee mit Zwieback und eine Frucht zu sich, um nach wenigen Minuten wieder in den Starrkrampf zu verfallen. Es geschah dies mit der größten Pünktlichkeit und Alles mußte bereit stehen, damit nichts verfehlt werde. Die Mutter hatte sie deshalb, da sie doch nichts vernahm, in der Wohnstube hinter einer spanischen Wand gebettet. Eines Tages saßen wir bei unserem Mittagsbrote, als wir plötzlich einen Ruf vernahmen, und der Kops meiner Schwester, die in der Krankheit sehr gewachsen war, über die spanische Wand uns anschaute. Welch' ein Schreck, der sich bald in hohe Freude verwandelte, da von diesem Augenblicke an der Starrkrampf verschwunden war. Nickt lange, und es trat jeden Abend Punkt sechs Uhr ein halbstündiger Schreikrampf ein, der uns mit Entsetzen erfüllte und bei welchem der Arm der Kranken regelmäßig an die Wand schlug, so daß wir ein Kissen dazwischen halten mußten. Auch dieser wich und es trat eine Zeit der Ruhe ein. Da mußte ich ihr Stunden lang vorlesen, so den Jvanhoe, Kenilworth u. a., die sie sehr ergötzten und ergriffen. Ooer wir tuschten miteinander aus einem schönen Farbenkasten, den mir mein Bruder aus Leipzig milgebracht. Ach, der Geschmack war damals noch sehr naiv, nicht blos bei uns, sondern in diesem ganzen Kreise. Wir hatten z. B. ein größeres Bild von der Skala in Mailand; da bemalten wir die Säulen blau und die Kapitäler und Giebel golden, den Abendhimmel roth; t e t o n. oder wir brachten heimlich, in der Absicht, der Mutter eine Freude zu machen, auf eine Silhouette des sel. Großvaters, wie wir meinten, Menschenfarben an. Unsere Bilder gefielen Allen sehr, ich nahm sie mit in die Schule, und nicht blos meine Kameraden, sondern auch der Prediger Wolf lobten diese ungeheuerlichen Farbenkleckse und forderten mich auf, noch mehr dergleichen zu liefern. Aber die Krankheit meiner j Schwester wich nicht und alle angewandten Medikamente blieben erfolglos. Da faßte unser tüchtiger Hausarzt, Me- \ dizinalrath Schütz, nach einer Consultativn des herzoglichen | Leibarztes Olfers den Entschluß, den sog. animalischen Mag- I netismus als Kur anzuwenden.*) Er unterwies meinen Bruder in der dabei anzuwendenden Manipulation, d. h. in den regelmäßigen Handbewegungen von der Stirn bis zur Herzgrube, zu beiden Seiten des Patienten, ohne diesen zu - berühren. Etwa zwei Monate lang vollzog mein Bruder regelmäßig zu bestimmter Stunde diese Bewegungen, aber sie i blieben völlig wirkungslos. Es zeigte sich keine der erwar- | teten Erscheinungen. Man ließ deshalb die Sache fallen, f Aber ein viertel Jahr später verfiel meine Schwester ganz spontan in einen somnambulen Zustand. Wir haben es hier mit einer Thatsache zu thun, was sich schon daraus erweist, daß in unserer ganzen Familie und in dem uns umgebenden Kreise auch nicht die geringste Kenntniß, ja nicht einmal eine Ahnung von diesen Dingen vorhanden und weder Erscheinung noch Name Einem von uns bekannt war. Es kann hier also auch nicht im Entferntesten an bloße Einbildung oder gar Verstellung gedacht werden. Wozu auch? Der ganze Vorgang hatte weder auf unsere finanzielle noch soziale Lage irgend eine Wirkung. Die Sorge um das tägliche Brod dauerte fort, und wir Knaben arbeiteten trotz Allem immer weiter an der Vorbereitung zu angemessenen Lebensberufen; mein Bruder besuchte damals das Gymnasium unserer Vaterstadt **) *) Der animalische Magnetismus — nicht mit den alten sympathetischen Kuren zu verwechseln — war eine Entdeckung des Wiener Arztes Mesmer, der ihn so benannte, weil er Anfangs in dem Irr thum befangen war, sich dazu mit starken Magneten zu bewaffnen. Dies erwies sich bald als überflüssig. Er verpflanzte sein Kuroersahren bald nach Paris, wo es zu Schaustellungen, zu Simulationen und Cha'latanerie mißbraucht wurde. In der wissenschaftlichen Welt entstand deshalb eine scharfe Parteiung. Der eine Theil leugnete / die ganze Erscheinung, der andere machte den Magnetismus zu einem , Universalmittet, der dritte erkannte seine Wirklichkeit an, wollte ihn j jedoch auf gewisse Krankheiten beschränken. Es entstand hierüber I eine ganze Literatur. f **) Selbstverständlich ist es nicht unsere Aufgabe, die Frage über i den Somnambulismus — der übrigens von der jetzt aufgekommenen 1 Hypnotik völlig zu unterscheiden ist, da hier der Somnambule, nicht ' aber ein anderer die Leitung hat von wissenschaftlichem &tanb* punkte zu erörtern oder eine Erklärung zu geben. Für uns ist es '.eben nur die Thatsache, über welche wir berichten, und die ganz