Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 52 (29.12.1887)
- Date
- 1887-12-29
- Page
- Seite 825 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227663-3227716--44965-3267275- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
825 als Aushängeschild benützt, um die Antisemiten zu ködern, das war Hofprediger Stöcker (Widerspruch). Redner wirst dem letztgenanten Halbheit vor, beschwert sich, daß Stöcker den Dr. Böckel so verächtlich behandelt, nennt den Conservaüsmus „Cohnservatismus" und führt die „Verbeugungen des Herrn von Liebermann vor Stöcker" auf dessen plötzlich bekannt gewordene Beliebtheit in sehr hohen Kreisen zurück Endlich hofft Herr Blavier, daß alle Conservativen die noch etwas Ideales erstreben, dem deutschen Reformverein zuströmen werden, und ebenso alle Socialdemokraten, die sich noch Glaube, Hoffnung und Liebe im Herren bewahrt haben. (Beifall.) — Die Versammlung nimmt darauf gegen eine starke, durch Gegenprobe ermittelte Majorität folgende Resolution an: Die heute in den Arminhallen versammelten Antisemiten erklären sich mit dem bisherigen Auftreten des Herrn Reichstagsabgeordneten Dr. Böckel einverstanden, sprechen ihm ihre Anerkennung aus und protestiren gegen die Angriffe der Herren Stöcker und Liebermann gegen den besten aller Antisemiten." Eine Anzahl Herren enthielten sich der Abstimmung. Mit einem Hoch auf Se. Maj. den Kaiser war die Versammlung eröffnet worden; mit einem Hoch aus Dr. Böckel wurde geschlossen. — So weit die „Krzztg." Man sieht, unsere Zeit bleibt sich darin getreu: je blühender ein Blödsinn ist, desto eher trifft er auf Anhänger! Bromberg, 15. Dec. Der russisch-polnische Ueberläufer Salornon Salachowitsch ist am 13. December endlich, nachdem derselbe seit dem März 18d5 im dortigen Polizeigefäugnisse zugebracht, aus demselben entlassen bezw. nach Hamburg dirigirt worden, von wo er weiter nach England befördert werden soll. Bis Hamburg begleitet ihn ein Bromberger Polizeibeamter. Daß der Mann, nachdem er beinahe 23/4 Jahre in Haft gehalten, aus seiner Lage befreit worden ist, ist den Bemühungen des Bankiers Louis Aronsohn in B. zu verdanken. Da Rußland den Unglücklichen nicht annehmen wollte, entschloß sich die Bromberger Regierung, ihn über See ziehen zu lassen. Wahrscheinlich wird diese — gelinde gesagt, sonderbare — Angelegenheit noch Veranlassung zu einer Interpellation im Landtage geben. Wenn das in Rußland passirt wäre!!! Freiburg i. Br., 16. December. (Privatmitth.) In Nr. 49 d. Bl. heißt es in einem Berichte: „Es ist auffallend, daß bei den sonstigen guten Einrichtungen unserer Glaubensgenossen im Großherzogthum Baden es noch gänzlich an der nöthigen Fürsorge für Waisenkinder fehlt." Das ist nichj. richtig. In Freiburg besteht seit vielen Jahren ein „Waisenverein", dem beinahe alle Gemeindemitglieder angehören und der sich die Aufgabe gestellt hat, zunächst für die Waisen in der Gemeinde selbst und alsdann für solche aus dem Großherzogthum, soweit seine Mittel reichen, zu sorgen. Der Verein besitzt ein Vermögen von über Mark 20,000. — Gestatten Sie mir bei dieser Gelegenheit anzuführen, daß in unserer Gemeinde folgende wohlthätige Vereine bestehen und sich bester Förderung erfreuen: 1) Obiger Waisenverein. 2) Verein für Unterstützung ortsfremder Armen. Von diesem Verein werden ca. Mk. 1400 pro Jahr ansg-geben. 3) Verein zur Förderung des Handwerks und technischer Berufsarten für die Israeliten des badischen Oberlandes. Diesem gehören die meisten Gemeinden des Oberlandes und des Seekreises, namentlich Gallingen, Wangen, Thringen in großer Mitgliederzahl an. Der Verein hat ein Jahreseinkommen vonMk. 12—1500 und unterstützt eine größere Anzahl Lehrlinge, die den Sabbath und die Speisegesetze zu beobachten haben. Präsident ist Herr Universitätsprofessor Dr. Rosin. 4) Kranken- und Sterbeverein. Dieser Verein gewährt jedem Mitgliede, reich oder arm, eine Unterstützung an Geld, die reichlich bemessen ist und eintritt, sobald das Familienhaupt in seinem Erwerbe verhindert ist: durch Krankheit rc. Außerdem besorgt er Kranken- und Todtenwachen, Begleitung bei Beerdigungen u s. w. 5) Frauen-Verein. Gewährt birecte Unterstützung an Geld, Kleidungsstücke, persönliche Hülfe u. s. w. bei armen Wöchnerinnen, kranken Männern und Frauen, aber nicht permamente Geldunterstützung an Arme. Aus Württemberg, 18. December. (Privatmitth.) Im laufenden Monat wurden im Lande die Gemeinderaths- (Magistrats-)wahlen vorgenommen, Während in der Hauptstadt der einzige jüdische Candidat bei der überwiegend conservativen Bevölkerung in der Minderheit blieb, haben in mehreren Landorten die Israeliten einige Siege zu verzeichnen. In Freudenthal wurden die beiden austretenden Gemeinderäthe, Hermann und Löwe, mit großer Majorität wieder gewählt. Ersterer ist schon 42 Jahre im Gemeinderath und war schon öfters Verweser des Ortsvorstandes, wurde auch wegen seiner Verdienste als langjähriger Gemeindepfleger mit der silbernen Civilverdienstmedaille ausgezeichnet. Auch in Laupheim wurden die beiden jüdischen Candidaten wieder gewählt. Rumänien. Ärajova, 8. Dec. Wie wir schon früher berichteten, wurde hier eine „nationale" Ausstellung der rumänischen Industrie abgehalten, von welcher alle jüdischen Producenten; ausgeschlossen wurden, weil sie eben im Sinne der Rumänen „Fremde" wären. Diese Ausstellung hat aber nun völlig Fiasco gemacht. Ueber die Qualität der ausgestellten Produkte soll hier nicht geurtheilt werden, damit wir nicht etwa der Parteilichkeit beschuldigt werden. Aber das bedeutende Deficit spricht genügend. Der Besuch der Ausstellung war 52