Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 52 (29.12.1887)
- Date
- 1887-12-29
- Page
- Seite 824 (sequence 8)
- Language
- German
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824 freisprechendes Urtheil fällen werde. Der Vertreter des Klägers, R.-A. Lindenberg, vertrat die Meinung, daß es für die vorliegende Frage ganz gleichgültig sei, ob der Antisemitismus berechtigt ist oder nicht, zweifellos habe der Beklagte durch die inkriminirten Ausdrücke die Grenzen einer erlaubten Polemik weit überschritten. Was alles Nachtheiliges über den Dr. König behauptet worden sei, müsse er entschieden zurückweisen, derselbe sei allerdings Anitisemit, eine Gesinnung, die er aus vollster Ueberzeugung vertrete, und welche von mancher erlauchten Person und in den höchsten Kreisen getheilt werde, dieß könne aber auch in den Augen der Gegner als der einzige wunde Punkt angesehen werden. Daß Dr. König in sittlicher Beziehung völlig intakt sei, dafür berufe er sich auf das Zeugniß mehrerer Reichstagsabgeordneten und sonstiger angesehener Persönlichkeiten, welche sich bereit erklärt hatten, als Schutzzeugen für den Kläger aufzutreten. In Bertreff der neuerdings geltend gemachten Widerklage wegen des Artikels in der Nr. 7 der „Antisemit. Corresp." müsse das Berjährungsrecht in Anspruch genommen werden. Die Höhe der Strafe, die dem Beklagten aufzuerlegen sei, müsse er dem Ermessen des Gerichtshofes überlassen. Der Beklagte, der das letzte Wort erhielt, erklärte, daß er nicht bloß Jude, sondern strenggläubiger Jude sei und deßhalb durch die maßlosen Angriffe der „Antisemit. Korresp." auf's Tiefste empört sein müsse. Er bittet dieß bei Beurtheilung der Sachlage berücksichtigen zu wollen. Da die Vertheidigungsrede des R.-A. Sachs allein anderthalb Stunden in Anspruch genommen hatte und die Berathung des Gerichtsbofes auch eine Stunde währte, so wurde der Proceß erst am Spätnachmittage beendet. Der Gerichtshof beschloß in Betreff der Widerklage weitere Benehmungen anstellen zu lassen darüber, ob der Kläger Verfasser der beanstandeten Artikel sei, und vertagte aus diesem Grunde wiederum die Verhandlung. Berlin, 18. Dec. Die Spaltung der Antisemiten in Stöckerianer und Böckelianer, die uns übrigens ziemlich gleichgültig ist. trat in einer Versammlung so recht zu Tage, über welche die „Kreuzzeitung" berichtet. Der „Deutsche Reformverein", eine seit einiger Zeit bestehende Abzweigung vom deutschen Antisemitenbund, hatte auf Donnerstag Abend eine Bersammlung in einen etwa 100 Sitzplätze bietenden Saal der Arminhallen geladen. Der Saal war dicht gefüllt. Unter den Anwesenden befanden sich auch Mitglieder anderer Parteien, Christlich-Sociale, Socialdemokraten u. a. Der Reichstagsabgeordnete Dr. Böckel wollte über die Verlängerung der Legislaturperiode vom antisemitischen Standpunkt reden. Zunächst theilte er der Versammlung mit Beziehung auf seine an demselben Tage erfolgte Betheiligung an der Debatte über den § 2 des Kornzollgesetzes im Reichtstage mit, daß der heutige Tag ein wichtiger Wendepunkt für den Antisemitismus geworden sei. Es sei eine merkwürdig warme Stimmung für den Antisemitismus im Reichstage gewesen. Die Abgeordneten haben sich alle zugerufen: „Böckel redet" und seien auch von draußen zu allen Thüren hereingeströmt, um ihn zu hören. Eugen Richter sei ganz blaß und leidend gewesen vor Aerger; habe fortwährend krampfhaft „Unsinn" geschrieen und sei zur Ordnung gerufen worden, ein neuer Anlaß zur Wuth für die Judenblätter. Daß er, Böckel, überhaupt zum Wort zugelassen worden sei, was gewöhnlich nicht der Fall, verdanke er seinen Zähnen, die er dadurch gezeigt, daß er gedroht habe, zur Geschäftsordnung das Wort zu ergreifen. Die Herren der Reichspartei haben ihn auch unterstützt und ihm nach Schluß der Rede die Hand gedrückt: Dr. Böckel hat „eine bedeutende Wirkung seiner Rede auf den Reichstag" bemerkt. — Gegen den von den drei Parteien der Majorität vorbereiteten Antrag auf Verlängerung der Legislaturperioden wendet sich Dr. Böckel in scharfen Worten mit einer ganzen Reihe von politischen und Zweckmäßigkeitsgründen, polemisirt dabei gegen die Socialdemokraten, die Freisinnigen, die Nationalliberalen, die Conser vativen u. s. w., nennt aber nicht den Namen Stöcker, der nur einige Male aus der Bersammlung dazwischen gerufen wurde. Dr. Böckel sprach die Zuversicht aus, daß er selbst und der Antisemitismus noch eine große Zukunft habe, z. B.: „Es wird eine Coalition aller Parteien gegen mich stattfinden, der ganze Haß wird sich gegen den Antisemitismus vereinen. Die Parole wird sein: „Nieder mit Böckel!" Ich hoffe aber, wir werden ihnen eine Niederlage bereiten, die keinen Zweifel übrig läßt (Beifall.) Die letzte Wahl in Hessen war nur ein Vorpostengefecht. Die Schlacht wird 1890 geschlagen werden. Verliere ich meinen Wahlkreis, dann ist der Antisemitismus unter dem Hohngelächter der Juden für immer begraben. Darum muß Jeder reichliche Beiträge zum Wahlfonds geben und sein Scherflein auf den Altar des Vaterlandes niederlegen. Dann werden wir die Parole ausgeben: Jetzt oder nie! Vorwärts mit Gott für Kaiser und Reich! (Stürmischer Beifall.) Aus Osnabrück traf ein telegraphisches Hoch auf den „muthigen deutschen Vorkämpfer des Antisemitismus, Böckel", ein. Die Antmort auf die neuliche Polemik Stöckers gegen Böckel wurde nun vom Vorsitzenden Blavier gegeben, der folgende Interpellation verlas: „Gedenkt der deutsche Reformverein bezüglich der offenen Angriffe des Herrn Stöcker und der versteckten des Herrn von Liebermann Stellung zu nehmen? — Blavier: Ich halte Herrn Stöcker für einen Gegner Böckels (Rufe: Nein! Ja! Ruhe!). Sowohl Stöcker als Liebermann haben die „verschiedenen Arten des Antisemitismus" behandelt; ich kenne nur eine: die die Juden unter Fremdengesetze stellen will. Die Conservativen haben die Kraft des Antisemitismus bloß für ihre Zwecke auSgenützt. Sie haben einen Mann