Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 52 (29.12.1887)
- Date
- 1887-12-29
- Page
- Seite 822 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227663-3227716--44962-3267272- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
«22 Sonne der Freiheit ein menschenwürdigeres Dasein zn finden: hoffen. Daß z. B. die Inden aus Polen wandern, findet schon seit Jahrhunderten statt und überzogen sie Deutschland, namentlich das Elsaß, in größerer Menge, als man jetzt vermuthen möchte. Hier aber werden unsere Gegner einwenden, daß es den Juden an fruchtbarer Wirksamkeit gefehlt habe, um sie mit jenen Wasseradern zu vergleichen. Wir behaupten das Gegentheil und der unbefangene Geschichtsforscher tritt «§uf unsere Seite. Wohin die Juden seit ihrer Zerstreuung drangen, brachten sie geistige Regsamkeit, Fleiß, Sparsamkeit und ein sittliches Familienleben mit sich und bemühten sich überall, die in der damaligen gesellschaftlichen Ordnung vorhandenen Lücken auszufüllen. Da gab es auch überall Zeitperiodeu und Umstände, unter welchen sie ein unentbehrliches Glied des gesellschaftlichen Lebens wurden, Perioden, in welchen sie für den Handel und ebenso für die Wissenschaft die einzigen Mittelglieder zwischen dem Orient und dem Occident waren. Es kam immer darauf an, wie weit ihnen der Fanatismus und die Ausschließungssucht einen : Rau», gewährte. Selbst da, wo man sie auf den Geldhandel und Trödel gewaltsam beschränkte, konnte man ihrer nach den eigenthümlichen Verhältnissen des Verkehrs nicht entbehren^ Man konnte des befruchtenden Capitals nicht entbehren und vermochte nur durch sie es zu erlangen. Die Geschichte zeigt uns, wie oft sie verjagt und dennoch wieder zurückgerufen oder ihre Rückkehr doch gestattet, ja begünstigt wurde. Ihre Tendenz zur Civilisation zeigten sie überall, wo ihnen der Weg dazu eröffnet wurde. Man bestrebte sich niemals, ihnen diese zu geben; sie aber verlangten nichts weiter, als daß man sie zu erlangen ihnen gestatte, sie nicht geradezu daran verhindere. Wer hieran noch zweifelt, der werfe einen Blick auf diejenigen Länder, welche Jahrhunderte lang die Juden aus ihren Grenzen verbannt hielten, wie Spanien, Tyrol, Norwegen, wo überall der Mangel an Industrie und Verkehr und productiver Thätigkeit vorhanden ist. Aus diesem negativen Beweise tritt der positive erst recht an das Tageslicht. Deutschland. Berlin, 14. Dec. Vor der 97. Abtheilung des hiesigen Schöffengerichts fand gestern Verhandlung statt in einer Privatklage wegen Beleidigung, welche vr. med. König in Witten gegen den Redacteur der „Jüdischen Presse", Dr. Hirsch Hildesheimer, angestrengt hat. Dr. König, einer der Mitarbeiter der vom geschäftsführenden Ausschuß der antisemitischen Vereine herausgegebenen „Antisemitischen Corresp.", veröffentlichte in der Nr. 15 der letzteren einen Artikel unter dem Titel „Die nächsten Schritte", in welchem er unter wiederholten Klagen über die sogenannten gebildeten Klassen, welche „blasirt" und „stumpfsinnigem Materialismus verfallen" erscheinen, seine Gedanken über die künftige Gestaltung der antisemitischen Bewegung auseinandersetzte. Dieser Artikel der „Nntis. Corresp." wurde in einer Leipziger Correspondenz in der Nr. 15 der „Jüdischen Presse" vom 11. August 1887 mit scharfen Worten besprochen und abgefertigt. vr. König fühlte sich durch einige der dabei gebrauchten Ausdrücke beleidigt und strengte die Privatklage an. Den Vorsitz bei der gestrigen Verhandlung führte Assessor Teschendorf, die Parteien wurden durch die R.-A. Lindenberg und Sachs vertreten. Rechtsanwalt Sachs beantragt eine umfassende Beweiserhebung, um darzuthun, daß die ganze Thätigkeit, das Leben und öffentliche Auftreten des vr. König in Witten die in der betr. Correspondenz gewähl- I ten Bezeichnungen in der That verdiene. Er stellte unter Beweis, daß der Privatkläger der Vater des Antisemitismus in Witten sei, daß dort die Confessionen in Frieden neben einander gelebt hätten, bis vr. König die Judenhetze auch dorthin verpflanzte und auf Kirmessen und bei anderen Gelegenheiten in anstößigen öffentlichen Aufzügen die Juden verspottete. Selbst in der Stadtverordneten-Versammlung habe sich derselbe vor beleidigenden Aeußerungen nicht gescheut und das durch ihn hervorgerufene Treiben sei so arg geworden, daß sich keine Juden mehr auf der Straße unbehelligt haben sehen lassen dürfen, und daß schließlich die Notableu von Witten eine Erklärung dagegen erlassen mußten. Der Kläger habe überdieß zahlreiche Mitglieder der jüdischen Gemeinde persönlich beleidigt und sei deßhalb bereits mehrfach bestraft worden. Weitere unifangreiche Beweisanträge betrafen das Privatleben und die ärztliche Thätigkeit des Klägers. Der Vertheidiger behauptete, daß der Kläger als Arzt seinen Patienten nach ertheiltem Rath ein Exemplar des „Antisemitischen Volkskalenders" mitgebe, der ebenfalls die schwersten Beleidigungen für die Jude» enthalte. Der Kläger habe ferner eine umfangreiche Thätigkeit als Denunziant entwickelt, sei aber mit 14 Denunziationen gegen Juden erfolglos geblieben. Unter Beweis wurde ferner gestellt, daß der Kläger intim verkehre mit einem Isaak Schlesinger, einem wegen Betruges und anderer Verbrechen bestraften Juden, der ihm das Material gegen die Juden liefere, ferner mit einem