Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 52 (29.12.1887)
- Date
- 1887-12-29
- Page
- Seite 821 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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881 Börse die Landwirthschast zu retten, wenn sie vielleicht ein Königreich Jerusalem gründen wollen, wohin sie alle Juden expatriiren, so würde dennoch das Verschwinden des Judenthums aus unserer heutigen Gesellschaft ihr Antlitz um nichts ändern. Nein, wir stehen zur Zeit machtlos den modernen Gesellschaftsgesetzen gegenüber, die immer die Kleinen zu Gunsten der Großen benachtheiligen, weil eben den Großen alle Bortheile der Produktion, des Handels, des Verkehrs zu Gebote stehen, und dieser Prozeß vollzieht sich mit und ohne Juden. Wer das auf die Juden zurückführt, bekundet damit nur ein sehr oberflächliches Verständniß der ganzen Lage. Herr Böckel sagt mit der gleichen Unkenntniß der Wirthschaftslage» die Juden sind die Väter der Sozialdemokratie, indem sie den Bauer aussaugen. Es mag ja sein und mir selbst sind solche Fälle bekannt, daß in einzelnen Gegenden Deutschlands vorzugsweise Juden es sind, welche auf bäuerlichen Grundstücken Hypotheken stehen und einen großen Theil der Kleinbauern in der Tasche haben; aber da habe ich stets die Wahrnehmung gemacht, daß die Juden den Kleinbauern gegenüber sich mit einer Waghalsigkeit in Geldgeschäfte einlassen, wie kaum ein Anderer es riskirt. Der ganze Unterschied ist der, daß ohne den Juden der Bauer vielleicht ein Jahr früher kaput geht als mit dem Juden. Wenn eben Jemand aus diesen Kreisen sich an den Juden wendet, so ist er so wie so in einer so verzweifelten wirthschaftlichen Lage, daß er auf alle Fälle kaput geht." (Siehe Weiteres in nächster Nummer.) Das Gewässer. Eine alte Weissagung verkündete Abraham, „daß seine Nachkommen zahlreich sein würden, wie der Sand am Meere". Jedes Gleickniß hinkt, ist ein bewährter Ausspruch. Die Söhne Israels gleichen an Zahl nicht den Sandkörnern selbst eines geringen Küstenstriches, und unfruchtbar ist der Sand der Dünen, auf welchem nur langsam und da, wo der Sturm die Sandhügel nicht verweht, ein dürftiges Pflanzenleben zu wurzeln vermag. Noch weniger aber würde ein Vergleich mit den Fluthen des Meeres zutreffe». Denn diese bedecken den größeren Theil der Erdoberfläche, schwellen regelmäßig auf und nieder in Fluth und Ebbe und erheben sich im Sturme zu gewaltigen Höhen, von denen sie wieder in mächtige Tiefen hinabrollen. Wohl aber, wenn wir die zerstreuten Abkömmlinge der Erzväter überschauen, können wir sie vergleichen mit den Wasseradern, welche bald als starke Ströme, bald als schwache murmelnde Bäche die Fluren des Festlandes durchschneiden, oder als Binnenseen und wiederum als kleine abflußlose Teiche auf jenen stehen. Wir finden da mancherlei Vergleichspunkte. Wie der Fluß aus dem Gebirge hervorbricht und dann mit geringem Fall weithin durch die Ebene fließt, um sich in das Meer zu ergießen, so strömten.^ die Söhne Juda's aus den Bergen Palästina's hervor, uflf sich nach allen Seiten hin durch die Länder zu ergießen. Hier aber bemerken wir manches Eigenthümliche. Wie sie nicht in großen Massen in die Länder übergingen, sondern nur wie beschränkte Wasserfäden, haben sie sich in alle Weltgegenden zerstreut. Wo irgend ein neuer Welttheil oder in diesem ein neuer Landstrich entdeck^oder neue Inselgruppen im Ozean aufgefunden wurden, setzten auch sie ihren Wanderstab dahin. Zählen sie in Amerika jetzt fast so viele Seelen wie im deutschen Reich, so sammelten sich auch in Australien und den dazu gehörigen Jnselländern Tausende zu Gemeinden, die ihre prächtigen Tempel, ihre Schulen, Wohlthätigkeitsvereine und Friedhöfe besitzen. An der Südspitze Afrika's sind sie angesiedelt und haben ihre Fühlfäden bis in die Steppen des Kaffernlandes ausgestreckt. In Indien bilden sie, als Weiße und Schwarze, bedeutende Gemeinden. Wohin sie früher niemals gekommen, in Japan, siedeln sie sich nach und nach an. Im rauhen Sibirien wächst ihre Zahl, und zwar viel weniger als Deportirte, denn als Ansiedler, so daß die Regierung sich darüber schon mißfällig zeigt. Ueberschauen wir diese Züge, so wird, was wir schon einmal hervorgehoben, als deren Gesetz kund, daß die Juden sich stets nach dem Vordringen der Civilisation in Bewegung setzen und zu deren Gefolge und Trägern gehören, der Civilisation, welche zugleich dem wahren Grundsatz Hr Cultur, dem der Humanität und Gleichberechtigung hulftigt.' Dies bewährt sich auch aus der Geschichte. WM wir oben auch von stagnirenden Wassern ohne Zu- und Abfluß sprachen, so finden wir damit vergleichbare AnsammluWn von Juden in Persien bis unter den Kurdenstämmen, in MähÄko, Algerien, Tunis, Tripolis bis unter den nomadisirenden Beduinenstämmen, nicht minder unter den arabischen Haufen. Aber in allen diesen Ländern herrschte in einer früheren Periode eine bedeutende Culturentwickelung und glänzende Namen unseres Schriftthums erinnern sogar an Fez. Sobald die Civilisation in derartige Länder ihren Einzug hält, erwachen auch die Juden aus ihrem Winterschlaf und neigen sich schnell den Strahlen der Cultur zu. Das eigentliche Centralasien und Centralafrika wurde von den Juden, außer von einzelnen jüdischen Wanderern, nicht betreten, und nur die ihrem Ursprünge nach so zweifelhaften Falascha's zeigen in Glauben und Sitten auf einen Uebertritt zum Judenthume hin. Eine andere Eigenthümlichkeit bekundet sich darin, daß, wo sie in großer Zahl sich in einem Lande zusammenfinden, durch innere und äußere Motive sich das Abfließen in stets wachsender Auswanderung wieder geltend macht. Drückende Verhältnisse drängen sie, von solchen Wohnstätten sich wieder zu entfernen und andere Gegenden aufzusuchen, wo sie unter der