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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-12-29 · Heft 52 (29.12.1887) · p. Seite 820

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 52 (29.12.1887)
Date
1887-12-29
Page
Seite 820 (sequence 4)
Language
German
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820 Er führt dann längere Steven aus dem Buche dieses Gustav Cohn gegen die Getreidebör^ und die an derselben betheiligten Juden an, wobei er nur vergißt oder vergessen will, daß, wie bekannt, an dieser Getreidebörse und an der Spekulation an derselben sich viele Grundbesitzer betheiligen. Er fährt fort: Selbst die Blätter, die uns Antisemiten nicht günstig sind, wie die officiöse „Nordd. Allg. Zeitung," die uns ja als Judenhetzer gerade verfolgt, halten es für nothwendig, gegen dieses Termin-Spekulationsgeschäft Front zu machen. (Abg. Richter: Zur Sache! § 2! Rufe rechts! Ruhig! Glocke des Präsidenten.) Präsident v. Wedell-Piesdorf: Ich bitte, den Redner nicht zu unterbrechen. Abg. Böckel (fortfahrend): Der internationale Getreidehandel ist der beste Verbündete der Sozialdemokratie, indem er den Bauer zum Proletarier herabwürdigt. Der Jude macht Sozialdemokraten, der Jude schlachtet die Bauern aus, wie es uns armen Hessen ergangen ist. (Erneute Zwischenrufe links. Abg. Richter: Zur Sache, § 2, § 2!) Präsident v. Wedell-Piesdorf: Ich bitte den Redner bei dem Gegenstand der Verhandlung zu bleiben und nicht allgemein auf die Angelegenheit der Juden einzugehen. (Abg. Richter: endlich!) Abg. Böckel (fortfahrend): Ein sozialdemokratisches Organ. die Berliner „Volkstribüne", brachte vor Kurzem einen Artikel über die landwirthschaftlichen Interessen. Er ist sehr lehrreich, weil er zeigt, wo die wahren Feinde der SozialdemoHcatrH-zu suchen sind. Die Socialdemokratie prallt überall da ad,Hvo ein gesunder Bauernstand vorhanden. (Rufe links: Unsinn!) Die „Volkstribüne" sagt (Abg. Richter: gehört nicht zur Sache!) Pktzfich^lt: Ich habe gebeten, den Redner nicht zu unterbreche«. Abg. Richter: Das gehört doch gar nicht zur Sache. Präsident: Ich habe gebeten, den Redner nicht zu unterbrechen. Abg. Richter: Das gehört doch gar nicht zur Sache. Präsident: Abg. Richter, ich rufe Sie zur Ordnung! (Stürmischer Beifall rechts!) Abg. Böckel: Die Socialdemokratie betrachtet den internationalen Getreidehandel als ihre beste Stütze. (Erneute Rufe links: Zur Sache!) Präsident v. Wedell-Piesdorf: Ich habe den Redner bereits einmal gebeten, bei dem Gegenstand der Verhandlung zu bleiben; ich thue das zum zweiten Male und mache ihn auf die geschäftsordnungsmäßigen Folgen aufmerksam, wenn er wieder abweicht. Abg. Böckel (fortfahrend): Ich erblicke deshalb in dem § 2 (Heiterkeit) ein festes Bollwerk gegen das Ueberhandnehmen der Spekulation, einen Schutz für den Bauernstand, und ich halte es für die ernste Aufgabe des deutsche» Antisemitismus, der eine wahrhafte Volksbewegung ist, für das Interesse des deutschen Bauernstandes einzutreten. Deshalb bitte ich Sie, nehmen Sie den § 2, speciell in der Fassung v. Wedell an. Das ist die präciseste Fassung, die am besten dem Ueberhandnehmen der wilden Spekulation Vorbeugen kann, so daß der neue Gesetzentwurf nicht der wüsten Spekulation, sondern ausschließlich dem deutschen Bauernstand« zum Heil und Segen gereichen wird. (Stürmischer Beifall rechts, Lärm links.) Abg. Richter: Auch Bravo wird noch gerufen! Abg. Wörmann: Auf die Worte des Vorredners näher einzugehen, sie zu widerlegen, das werden Sie mir ersparen. Ich betrachte diese Aeußerungen als nichts Anderes, als ein Aufreizen verschiedener Klassen der Bevölkerung gegen einander. (Beifall links). Präsident v. Wedell: Ich muß den Redner darauf aufmerksam machen, daß ich den von ihm gebrauchten Ausdruck schon wiederholt als unparlamentarisch bezeichnet habe. Abg. Wörmann (fortfahrend). Ich betrachte es als ganz außerordentlich bedauerlich, wenn hier von der Tribüne herab Derartiges ausgesprochen wird, ols ob verschiedene Religionen und verschiedene Schichten der Bevölkerung nicht vollständig gleichberechtigt sein sollten. (Große Unruhe rechts.) Ich glaube, im Namen meiner sämmtlichen Parteigenossen diese Anschauung des Vorredners vollständig zurückweisen zu sollen. (Beifall links)« Diese tragikomische Szene zeichnet sich selbst zur Genüge. Der stürmische Beifall der Konservativen, der Protest der Freisinnigen und der Nationalliberalen, besonders die mannhafte Gegenrede des Abg. Wörmann und das Verhalten des hochkonservativen Präsidenten charakterisiren sich selbst. Des Lehrreichen enthält dieselbe gar Vieles. Es versteht sich, daß diese Szene in den Blättern besprochen wird; allein es lohnt der Mühe nicht, darüber Revue zu hatten, denn das Urtheil fällt nach der Parteistellung des Blattes aus. Einige Bemühungen, die Sache abzuschwächen, erkennt man in den konservativen Organen, namentlich auch in der „Nordd. A. Z." — aber das gelingt dem Thatsächlichen gegenüber nicht. Nachdrücklich werden die Juden des Bessern belehrt, welche bei den Wahlen für die Konservativen und Antisemiten gestimmt, ja selbst agitirt haben. Nachschrift. In der folgenden Sitzung vom 17. d. kam der sozial-demokratische Abg. Bebel auch auf Böckel zu sprechen. Selbstverständlich sprach er von seinem Standpunkt aus; aber jedenfalls suchte er betreffs der Juden die Dinge unparteiischer als die Herren Agrarier zu beurtheilen. Zur Vervollständigung des Bildes führen wir seine diesbezüglichen Worte an. Er sagte: „Wenn Herr Böckel und seine antisemitische» Freunde glauben, durch den Kampf gegen die

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