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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-12-29 · Heft 52 (29.12.1887) · p. Seite 819

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 52 (29.12.1887)
Date
1887-12-29
Page
Seite 819 (sequence 3)
Language
German
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819 licht, in welcher er in entschiedenster Weise jede Zollerhöhung auf Getreide verurtheilte, und Windthorst sprach sich in der Generaldebatte als entschlossener Gegner gegen die Zoll erhöhung aus. Nun giebt es aber im Centrum unter Führung von Schorlemer-Alst viele Agrarier. Man brachte deshalb ein Compromiß zu Stande, so daß die ganze Partei, Windthorst und Reichensperger eingeschlossen, für die Erhöhung, zwar nicht von 3 auf 6, nach der Regierungsvorlage, wohl aber auf 5 Mark stimmte. Hieraus ergiebt sich wohl, daß der Konservatismus in dem gegenwärtigen Reichstage allmächtig ist. — Der Kern der Konservativen besteht aber aus Junkern und Agrariern, das sind Großgrundbesitzer- Bon diesen sagt die Kreuzzeitung, sie seien „durchaus anti' semitisch." Dies begreift sich auch, denn da sie orthodoxfeudal sind, so haben sie aus ihrer religiösen Intoleranz und aus ihrem Widerspruch gegen alle liberalen Grundsätze, insbesondere gegen die Gleichberechtigung heraus, antisemitische Gesinnung wie angeboren. In den letzten Dezennien ist für diese Herren aber noch ein anderer Grund für ihre Feindseligkeit gegen die Juden erwachsen. Es haben nämlich in einigen Provinzen Juden Güter zum eigenen Besitz und zur Bewirthschaftung erworben. Dies ist ein Dorn in ihrem Auge. Bor einem Jahrhundert noch verbot Friedrich der Große jedem Bürgerlichen den Ankauf eines adeligen Gutes, jedes größeren Grundbesitzes, und jetzt haben selbst die Juden das Recht, für ihr Geld großen oder kleinen Grundbesitz zu erwerben. Bei richtiger wirthschastlicher Erwägung müßte dies den Herren recht willkommen sein; denn durch die größere Konkurrenz der Käufer wird der Werth des Bodens bedeutend erhöht, bei dem Mangel an derselben würde nicht selten das Grundstück unter dem Werthe erstanden werden. Allein dieser in die Augen springende Vortheil, dessen die Herren sich bei Gelegenheit wohl erfreuen, steht doch hinter dem Unwillen zurück, solche Elemente in die Kaste der Grundbesitzer eindringen zu sehen. Schon in der Generaldebatte über die Erhöhung der Getreidezölle fand einer ihrer Redner den Beweis für die Nothlage der Landwirthschaft in dem Umstande, daß in Schlesien mehrere Cohn, Schlesinger u. A, Güter erkauft hätten, als wenn die Nothlage gewisser adeliger Grundbesitzer, wegen derer sie ihre Güter verkaufen müssen, ein Beweis für die Nothlage der gesammten Landwirthschaft wäre und nicht in den allermeisten Fällen aus ganz persönlichen Ursachen stammte! Viel eher könnten sie auf den Umstand Hinweisen, daß so viele polnische Grundbesitzer, trotz ihrer polnisch-nationalen Gesinnung, ihre Güter an die staatliche Commission anbieten und verkaufen. Aber man kennt die Ursachen, aus welchen diese Polen ihre ererbten Güter aufgeben und die mit der allgemeinen Nothlage der Landwirthschaft nichts zu schaffen haben. — Hiermit war der Weg zu weiteren Bemerkungen eröffnet. In der Sitzung des Reichstages vom 14. nahm auch der Abg. Delbrück — nicht zu verwechseln mit dem ehemaligen Staatsminister, er ist ein Publizist, aber wahrlich nicht vom ersten Range — das Wort. Er sagte u. A.: „Die landwirthschaftlichen Produkte stehen so niedrig im Preise, daß die ländlichen Besitzverhältnisse nur bei einem sehr hohen Zolle aufrecht erhalten werden können. Ich will den bestehenden Besitz nicht verschieben lassen; denn mit dem traditionellen Grundbesitz, dem großen ebensowohl wie dem kleinen, ist eine Summe von Familientraditionen von ethischen und socialen Vorstellungen verbunden, die zerstört wird, wenn diese Besitzverhältnisse zerstört werden. Jedesmal, wenn ein Besitzer zu Grunde geht, geht ein Stück moralischen Kapitals verloren, welches unendlich wichtiger ist» als das bloße materielle Kapital. (Zuruf links.) Nun, die sog. Junker sehe ich viel lieber im Besitz, als daß dieser Besitz in der Mark und anderen Provinzen in die Hände der Herren Cohn und Lewysohn übergeht." (Abg. Rickert: Hört! hört!) Der Vicepräsident Buhl ersuchte hierbei den Redner, „von seinem Thema nicht allzu sehr abzuschweifen." Es ist doch mindestens äußerst doktrinär zu behaupten, daß jedes Mal, wenn ein Besitzer zu Grunde geht, ein Stück moralischen Kapitals verloren gehe. Die Moral ist oft längst verloren, bevor der Besitzer sein Grundstück verkaufen muß und wegen des Verlustes an moralischem Kapital muß er verkaufen. Der Redner, der sich zur nationalliberalen Partei rechnet, verwechselt Ursache und Wirkung. Die Herren Cohn und Lewysohn bringen nicht selten das moralische Kapital, das dem früheren Besitzer verloren gegangen, wieder zurück. Endlich in der Sitzung vom 15. d. trat der bekannte Antisemit Böcke l auf, um, wie eine Zeitung bemerkt, an der Vervollständigung des gesammten Bildes eine kleine Judenhetze nicht fehlen zu lassen. Wir würden weder sein Auftreten überhaupt, noch seine Worte der Erwähnung werth erachten, der Mann hat sich bereits genügend gekennzeichnet — wenn nicht bei seiner Rede die Parteien des Hauses durch ihr Verhalten ihre innerste Meinung zu erkennen gegeben hätten. Freilich trat dies Mal der sich sonst als Demokraten aufspielende Böckel für die konservative Partei auf. Er sprach für den 8 2 des Gesetzentwurfes, und sagte vann, den Fall des 8 2 würde ich für identisch halten mit der Abstumpfung des ganzen Gesetzes. Mit dem § 2 wird das Gesetz dem deutschen Bauernstand Nutzen bringen, ohne denselben aber nur den Spekulanten — sagen wir es einmal deutsch — de» Juden. (Große Heiterkeit. Lachen links.) Wenn Sie auch lachen, ich werde das immer wieder im Hause wiederholen, so lange ihm noch das Berständniß für die Judenfrage abgeht. Man hat gesagt, die Kornbörse sei nicht so gefährlich. Ich will Ihnen jedoch einmal ganz kurz die Praxis der Kornbörse beleuchten an der Hand eines Buches von einem Manne, der kein Antisemit (?) ist, von Gustav Cohn. (Heiterkeit.) 52*

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