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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-12-29 · Heft 52 (29.12.1887) · p. Seite 818

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 52 (29.12.1887)
Date
1887-12-29
Page
Seite 818 (sequence 2)
Language
German
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818 immer wieder Kundgebungen von Verschwörern und Nihilisten bei vielfacher Unsicherheit in den Regierungsregionen; und selbst in dem kleinen griechischen Staate ein Emporkommen der republikanischen Partei — alles dieß eröffnet für die nächste Zeit keine heiteren Aussichten. — Was uns, die Juden, betrifft, so hat es sich allerdings auch im verflossenen Jahre bethätigt, daß vor dem Ernst und der Strenge des Gesetzes jene Verfolgungen mit Plünderung, Mißhandlung und selbst Mord, wie sie in Rußland, Rumänien und Ungarn vorgekommen, aufgehört haben. Auch schien der in einigen europäischen Staaten rumorende Antisemitismus allmälig zu verschwinden, an Heftigkeit und Ausdehnung zu verlieren. Hatten sich doch auch zu viele antisemitische Agitatoren als schlechte, dem Strafrichter verfallene Subjekte erwiesen. Aber in den beiden ersten genannten Staaten haben die verwaltenden Behörden nicht aufgehört, so weit der Buchstabe des Gesetzes es ihnen nur gestattet, die traurigste Strenge gegen die Juden auszuüben, und Ausweisungen von hunderten von Familien aus Orten, wo sie, wie man sagte, kein Recht der Ansiedelung hätten, waren an der Tagesordnung. Auch kann es nicht verkannt werden, daß in den jüngsten Tagen durch bekannte Vorgänge selbst in Deutschland sich unser Himmel wieder bewölkt hat. — Jndeß darf die Hoffnung, daß die europäische Menschheit auch diese Zustände überwinden und die friedliche Entwickelung wieder die Oberhand gewinnen werde, nicht aus unseren Geistern schwinden. Daß die Völker selbst den Frieden ersehnen und wollen, kann nicht geleugnet werden. Giebt es in einzelnen Staaten eine Kriegspartei, so würde, wenn diese durchdränge und die Fackel des Krieges abermals in die europäischen Fluren würfe, dieselbe sicherlich bald gestürzt werden und eine Erregung der Nationen ihr für alle Zukunft den Garaus machen. Wir spielen nicht gern den Propheten; ober wenn das Volk selbst zur Erhaltung des Friedens alle möglichen Opfer zu bringen geneigt ist, so wird es sich um so mehr gegen die Urheber eines Krieges wenden. — Wir Juden aber werden nimmer den Muth verlieren. Wir haben in so vielen Stürmen die Widerstandskraft erwiesen, welche uns dieselben überstehen ließ: warum sollte sie uns jetzt fehlen? Wir tragen in uns noch dasselbe Gottvertrauen, noch dieselbe Zuversicht auf die göttliche Lenkung der Geschicke: auf die immer wieder sichtbar werdende Weltordnung. Noch heute sind wir uns bewußt, Niemanden anzugreife», gegen Niemanden herausfordernd vorzugehen, wohl aber die Kraft zu besitzen, uns zu vertheidigen und mit den Grundsätzen des Rechtes feindselige Angriffe abzuwehren. In der Stellung, in welche die Neuzeit uns gebracht, daß wir der staatlichen Gleichberechtigung, wenigstens verfassungsmäßig uns erfreuen, dennoch aber noch immer unter den Folgen des Mittelalters, unter Borurtheilen und Gehässigkeiten stehen, strebe» wir nur nach der kulturellen Fortentwickelung, nach dem Eintreten in alle Zweige des gewerblichen und öffentlichen Lebens, nach der Eintracht mit unseren Mitbürgern. Auf diesem Wege wollen wir trotz aller Hindernisse und Widerwärtigkeiten weiterringen, und nach dem alten Spruche des Psalmisten wird Gott das Werk unserer Hände befestigen! Äus -rm deutschen Reichstage. Die Sitzung vom 15. Dezember nöthigt uns, einen Blick auf diese hohe Versammlung zu werfen. Es kommt uns darauf an, die in derselben herrschende Gesinnung gerade aus einzelnen charakteristischen Zügen zu erkennen. Der Reichstag, meint man, spiegelt uns die Gesinnung der Nation ab. Jndeß ist dies nur hinsichtlich der zur Zeit der Wahl obwaltenden Gesinnung der Fall. Schon Eicero sagt: aura popularis res est caduca, d. h. die Volksgunst, das ist die Bolksgesinnung, ist eine hinfällige Sache. Mit der Veränderung der Umstände verändert sich die Stimmung der Mehrzahl. Der gegenwärtige Reichstag ist nun aus sehr bestimmten Motiven zu einem sehr bestimmten Zwecke gewählt. Immerhin wird er 3 Jahre hindurch ein gesetzgeberischer Faktor sein, und wir haben ihn als solchen zu erkennen. In demselben führt der Konservatismus die Herrschaft. Dies geht am deutlichsten aus seiner Zusammensetzung hervor. Er zerfällt in drei maßgebende Parteien, die konservative, die nationalliberale und das Centrum; denn die freisinnige Partei ist sehr zusammengeschmolzen und nimmt einen Platz nur in der Besprechung, nicht aber in der Abstimmung, ein; die kleinen Fraktionen der Socialdemokraten, Polen, Dänen, Welfen, Elsässer, sind unbedeutend. Bon jenen drei Parteien besteht nur die konservative, einschließlich die geringfügige Schattirung der Reichspartei, als eine immer geschlossene. Die Nationalliberale, welche sich bei den Wahlen durch das Kartell mit der konservativen verbunden hat, befaßt solche Mitglieder, die nach rechts gravitiren, und solche, welche nach links sich neigen. Stimmt sie deshalb im Allgemeinen mit der konservativen, so spaltet sie sich doch in wichtigen Fragen, stellt ein beträchtliches Contingent zur konservativen, während die übrigen Mitglieder für die liberale Seite votirt. Eine eigene Stellung nimmt das Centrum ein. Abgesehen von den kirchlichen Fragen, setzt es sich aus liberalen und reaktionären Elementen zusammen. Seine Führer jedoch suchen den innerlichen Gegensatz mit vielen Anstrengungen nicht zu Tage treten zu lassen, und helfen sich mit diplomatischen Künsten. So enthielt sich das Centrum der Abstimmung über das Septennat, wodurch selbstverständlich der Sieg der Regierungsvorlage um so entschiedener war. Jetzt, bei der Zollerhöhung auf Getreide, hatte Reichensperger eine Broschüre veröffent

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