Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 52 (29.12.1887)
- Date
- 1887-12-29
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Allgemeine des Iudeiühums. Ein nnMtciischcs Organ stir alles jüdische Interesse. Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Wlippson in Bonn. Grepeöition: Leipzig, Woßpkcth 17. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig * Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. 115) und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an Nr. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 Dt.) sind gleichfalls an letzte, e einzusenden. 51. Jahrgang. Leipzig, den 29. Dezember 1887. Nr. 52. Inhalt. Leitende Artikel: Zum Schlüsse des Jahrganges. — Aus dem deutschen Reichstage. — Das Gewässer. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Bromberg, Freiburg i. Br., Aus Würtemberg. — Rumänien: Krajowa. — Rußland: Lodz. — Bonn, Jerusalem: Notizen. — Feuilleton: Aus meiner Knabenzeit. — Nachtrag: Berlin. Mit der nächsten Nummer beginnt die „Allgemeine Zeitung des Indenthums" ihren zweiundsünszigsten Jahrgang. Wir ersuchen um baldige Bestellung bei allen Postämtern (Deutsche Zeitungspostliste Nr. 115) und allen Buchhandlungen, um jede Störung in der Zusendung zu vermeiden. Baumgärtners Buchhandlung in Leipzig. Bonn, den 25. Dezember. Zum Schlüsse des Jahrganges. An der Wende des bürgerlichen Jahres lastet trotz der Winterkühle auf der europäischen Welt eine drückende Schwüle. Wenn das deutsche Reich seine schon so mächtig entwickelten Milüärkräfte, nachdem sie erst im Frühling vermehrt worden, abermals nach großem Maßstabe verstärken muß, um in der Spannung, in welcher es sich gegen Osten und gegen Westen befindet, jedem Angriff gewachsen zu sein; wenn Oesterreich- Ungarn in fieberhafter Aufregung sich befindet und dem Anschwellen russischer Heeresmassen an der galizischen Grenze hinreichende Truppen entgegenzustellen beräth; wenn überhaupt die europäischen Staaten den Militarismus zu einer Höhe entwickeln, die seit den Heeren des Xerxes nicht wieder erreicht worden, so daß es sich nicht mehr um Tausenoe wie noch vor einem Jahrhundert, nicht um Hunderttausende wie in der Napoleonischen Zeit, sondern um Millionen von Kriegern handelt — so muß es wohl schwül sein in der europäischen Luft. Haben die Augen der Politiker lange Zeit auf Centralasien, auf die Grenzen von Afghanistan geblickt, wo sich ein Entscheidungskampf zwischen den beiden europäischen Colossen, zwischen Rußland und England, vorzubereiten schien, so ist gegenwärtig die Aufmerksamkeit auf ein kleines Volk in der Balkanhalbinsel gewendet, deffen Zustände den Anhaltspunkt auf einer neuen Etappe der orientalischen Frage zu einem Kampfe zwischen Rußland und Oesterreich-Ungarn über deren Machtsphäre auf jener viel bestrittenen Halbinsel abgeben sollen. Dazu kommen unruhige, ja bedrohliche Zustände im Innern aller Staaten. England mit seiner irischen Wunde, welche durch die Forderungen der ländlichen Bevölkerung in England und Schottland selbst immer mehr erweitert und vertieft wird; Belgien mit seinem klaffenden Zwiespalt zwischen der clericulen und der liberalen Partei, welche letztere wiederum einen tiefen Riß in sich trägt zwischen den Doctrinären und Radikalen; Frankreich in seiner Zerrissenheit in ei» Dutzend Parteien und in der rücksichtslosen Bekämpfung derselben unter einander, so daß Regierung und Gesetzgebung zur Ohnmacht verdammt sind; Italien, wo der Quirinal und der Vatican sich gegenüberstehen, dieser keine seiner Ansprüche aufgeben, jener keine Concession machen will und kann; in den scandinavischcn Staaten ein wirrer Kampf zwischen der Volkspartei und den regierenden Kreisen; im deutschen Reiche ein geschärfter Jnteressenkampf und darunter eine unbesiegte Socialdemokratie; in Oesterreich der erbitterte Streit der Nationalitäten; in Rußland 62