Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 51 (22.12.1887)
- Date
- 1887-12-22
- Page
- Seite 814 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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größte Begeisterung, ich erinnere mich, daß zu der Ausführung; desselben auf dem herzoglichen Theater Alles aus der Proj vinz herbeiströmte, so daß der große Marktplatz ganz und! gar mit Wagen und Karossen bedeckt war. Sofort schaffte! mein Bruder drei Exemplare des Textes von Fr. Kind an,! und man riß sich um sie. Schade nur, daß alle diese Bücher: in sehr zerlesen ein Zustande zu uns zurückkehrten, was den > Gewinn äußerst verringerte. Man sieht, wie kraus es in meinem Kopfe aussehen mußte; aber es hinderte nicht, daß ich mir all dies in eigener Weise zurecht legte und mit selbstschöpferischer Phantasie einheitlich gestaltete. Zu meiner Bar Mizwa machte ich das erste Gedicht, ein „Traum", in welchem mir mein Vater erschien und gute Vorsätze einprägte. Leider belobte meine Familie das Gedicht gar sehr, und so verbrach ich noch ferner Poesien. Eigenthümlich war es, daß ich mich zunächst auf die Satire verlegte, auf Geiz und Stolz die gereimten Verse hämmerte. Als Gymnasiast ließ ich mich sogar auf ein großes Epos „Wittekind der Sachse" in Hexametern ein; es waren bald viele hunderte fertig, ich mußte aber wohl nicht wissen, wie weiter, denn ich brach ab. Dann fertigte ich ein Lehrgedicht in lyrischem Metrum „die Natur", und war so dreist, es dem von uns wegen seiner Urania bewunderten Tiedge in Dresden zuzuschicken. Er antwortete mir sehr freundlich und aufmunternd, rieth mir jedoch die Horaz'sche Mahnung an, es neun Jahre in meinem Pulte liegen zu lassen. Das war genug und ich dachte nicht weiter daran. — Doch würde man sehr irren, wenn man meinte, daß meine Knabenzeit nur dieser ernsten Beschäftigung zugewandt gewesen wäre. Im Gegentheil, jede freie Stunde wurde auf der Straße gespielt, wobei mir mein jüngerer, sehr gewandter und lieber Bruder zum Spielgenossen diente. Jede Jahreszeit brachte in herkömmlicher Reihenfolge ihre eigenen Spiele. Ich war sogar ein wilder Knabe, denn aller Unfug, der in der Nachbarschaft vorfiel, mir, dem meist Schuldlosen, zugeschrieben wurde. Bis zu meinem fünfzehnten Jahre war ich untersetzt und stark; erst dann streckte ich mich in kurzer Zeit zu ansehnlicher Länge mit einigem Verlust an Breite, so daß mich meine eigenen Verwandten kaum erkannten. Als Knabe war ich dreist und naiv zugleich. Eine Dame hatte durch Borg auf Maaren bei meiner Mutter es zu einer ziemlich bedeutenden Schuld gebracht, worüber ich meine Mutter klagen hörte. Als ich deren Tochter einmal Kirschen kaufen sah, sagte ich zu ihr: „So, Kirschen könnt Ihr kaufen, aber meiner armen Mutter nicht bezahlen!" Natürlich kam die Frau höchlichst erzürnt sofort und zahlte meiner Mntter das Geld. Diese war unwillig über mein wenig diplomatisches Verhalten, aber doch zufrieden, die Summe erhalten zu haben. — Besonders vorteilhaft waren die vielen Spaziergänge 4 mit meinem älteren Bruder, zu welchen die schöne Umgebung meiner Vaterstadt zu großem Genüsse und tüchtiger Bewegung einlud. Aber sie dehnten sich auch zu größeren Fußwanderungen aus. Wie anders nützten diese, gerade durch ihre Strapaze», kleine Abenteuer und die genaue Kenntniß von Land und Leuten, die sie verschafften, als die jetzigen Reisen auf der Eisenbahn, auf welchen man von einem Ende Deutschlands zum anderen im Fluge getragen wird, und nichts weiter sieht als ein Dutzend Bahnhöfe und einige schnell vorüberfliegende Landschaftsbilder, von welchen keine Erinnerung zurückbleibt. Meine Leser mögen mich mit gewohnter Geduld auf einigen begleiten. Wir machten uns eines schönen Morgens früh zu einer Wanderung nach Magdeburg auf, wo die Mutter meines Vaters und zwei verheirathete Schwestern wohnten. Wir gingen die sechs Meilen auf dem linken Elbufer über Aken und Barby. In dem Walde vor dem ersteren Städtchen machten wir Halt und nahmen das mitgenommene Frühstück ein, wobei wir den französischen Auszug des Don Quixote von Florian lasen. Bei solchen Wanderungen war doch das kindliche Herz von einiger Beängstigung erfüllt. Jedes Mal, wenn wir ein Dorf passirt hatten, fühlte ich mich erleichtert und dachte, die Menschen sind doch gut, sie hätten ja mit uns übel verfahren können! Wir übernachteten in Barby bei einem originellen Manne, der sich einbildete, er wäre unser Verwandter, weil seine Frau bei meiner Mutter in deren ersten Wochenbette Wärterin gewesen. Man nannte ihn in der Familie den Peterjarchen, weil er die Erzväter so benannte. Er unterhielt sich sehr ernsthaft mit uns, und nannte z. B. Mendelssohn einen „Naturmenschen". Aber er bewirthete uns aufs Freundlichste und begleitete uns am Morgen eine Strecke weit, stand dann still und sandte uns seinen Segen nach. In der Vorstadt Buckau machten wir noch einmal Rast und überlegten, was wir wohl thun wollten, wenn sämmtliche Verwandte gerade verreist wären! Der Anblick der weithin sich erstreckenden Festungswerke war eindrucksvoll; aber über diese ragten die jungfräulich schönen Thürme des Doms weit hinauf in die Lüfte, daß alle diese Mauern, Bastionen und Wälle klein dagegen erschienen. Man konnte — ich freilich damals noch nicht — auf den Gedanken kommen, wie sehr die Kirche die weltliche Macht überrage; dann aber mußte man erwägen, daß diese Kirche sich doch nicht einmal zu vertheidigen vermöge und das weltliche Schwert mit seinen Umwallungen sie schützen müsse. Wie überraschte uns der starke Verkehr, das Treiben und Gewühl auf dem „breiten Wege" mit seinen hohen alterthümlichen Häusern, uns, die an das Stillleben unserer Vaterstadt gewöhnt waren! Doch bald nahm uns der Kreis unserer Verwandten liebevoll auf und wir verlebten glückliche Tage. — Die liebevolle Aufnahme bei unseren Verwandten reizte mich, im nächsten Jahre