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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-12-22 · Heft 51 (22.12.1887) · p. Seite 815

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 51 (22.12.1887)
Date
1887-12-22
Page
Seite 815 (sequence 15)
Language
German
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815 mit meinem jüngeren Bruder dieselbe Wanderung zu unternehmen. Wir schlugen diesmal den Weg am rechten Elbufer ein über Zerbst und Gommern. Gegen Abend verirrten wir uns auf der mit Gesträuchern besetzten Heide vor Gommern. Es wurde dunkel und mein Bruder fing an zu weinen und schluchzte: „Ach, wenn die Wölfe kommen!" Kaum daß ich ihn beruhigen konnte, indem ich ihm wiederholt versicherte, Wölfe gäbe es in unserem Lande seit sehr langer Zeit nicht mehr. Der Mond ging auf, und wir trafen endlich auf ein kleines, entlegenes Dörfchen. Das Wirthshaus war wie eine Hütte; ein langer, schmaler Raum die Wnthsstube, in deren Hintergrund das Bett für die gesammte Familie. Wir konnten nichts als ein hartes Stück Brod und ein wenig Käse bekommen, ein Strohlager wurde für uns aufgeschüttet, doch schliefen wir prächtig. Des Morgens dieselbe Kost, aber die Hotelrechnung betrug auch nicht mehr als 18 Pfennige. Frisch in den glänzenden Morgen hinaus, in Gommern mit dem Rest der Baarschaft ein Warmbier genommen, und an den dunklen Thoren Magdeburgs hatte jede Noth ein Ende. Ein Jahr verblieb ich in der Prima, und hatte die Bar Mizwah noch nicht erreicht, als ich die Schule verließ. Ich hatte ihr eine tüchtige Grundlage im Hebräischen, Französischen und Rechnen zu verdanken und viele geistige Anregung, mein übriges Wissen war lückenhaft. Der Conrektor Richter — unterdeß Rektor am Gymnasium geworden, bestimmte mir die Abschiedsrede auf dem öffentlichen Examen. Aber im höheren Rathe ward sie dem Sohne eines reichen Auswärtigen gegeben. Zu einiger Entschädigung verlangte der Rektor, daß ich zum Schluß der Prüfung die „Bürgschaft" deklamire. Als ich vortrat, nahm ein mir Übelwollender das Buch, aus dem mir nöthigenfalls soufflirt werden sollte. Er wollte, daß ich stecken bleibe. Doch es kam nicht so. Nach dem Schluffe des Gedichtes sagte der Rektor zu mir: „Du hast es ganz gut gemacht, aber beständig Zornesblicke auf den N. N. geworfen, was Schiller gewiß nicht beabsichtigte und wodurch du deinem Vortrage geschadet hast". Doch diese Trübung konnte nicht lange die Erinnerung an meine Schuljahre verkümmern, und die Schule und die Lehrer fanden für immer einen Platz der Dankbarkeit und des heitersten Gedankens in meiner Erinnerung. Erst in späteren Jahren sieht man ein, welche über die ganze Zukunft sich erstreckende Wohlthat ein angemessener und fördernder erster Unterricht in den Knabenjahren ist. Doch ich habe in Obigem schon etwas vorgegriffen und muß einige Jahre zurückgehen. Denn ich habe von der trübsten Zeit meines Knabenlebens noch zu berichten, von einer schweren und lange andauernden Prüfung, die sich auf meine Familie lagerte, und aus welcher dennoch wir Bruder mit gestählten Kräften für den Kampf des Lebens hervorj gingen. Das Haus, in welchem unser Spezereihandel sich j befand, war verkauft worden, und es war keine Hoffnung, da ein solches Geschäft ein auf gewissen Häusern ruhendes Realrecht war, eine Conzession in einem anderen Lokale zu erhalten. Meine Mutter gab deshalb gezwungener Weise das Geschäft auf, und errichtete eine Handarbeitschule für Mädchen, weiche eine ziemliche Anzahl von Schülerinnen erhielt. Aber alle die vielen Mühen, Sorgen und Kämpfe hatten ihre Gesundheit untergraben, und als ich eben das zehnte Jahr überschritten, siel sie auf das Krankenlager an einem schweren Nervenleiden, welches sie drei Viertel Jahre daran fesselte. In dieser Zeit hielt meine dreizehnjährige Schwester mit Hilfe einer treuen Magd den Hausstand in der Ordnung und Sauberkeit aufrecht, welche meine Mutter sorgfältig gepflegt hatte. Aber an dem Tage, wo meine Mutter genesen von dem Krankenlager erstand, erkrankte meine Schwester und drei Jahre hindurch litt sie an einer Krankheit mit merkwürdigen Zwischenfällen. Bei der innigen Liebe, die in unserem Hause waltete, neben der kindlichen Liebe, die innigste Geschwisterliebe, litten wir Brüder un- , säglich darunter und wurden alle unsere Kräfte in Anspruch genommen, vorzüglich die meinigen, da mein älterer Bruder i seinen Gymnasialstudien zugewandt war, mein jüngerer noch in zu zartem Alter stand. Ich muß darüber Näheres erzählen. Anzeigen. Tyi opyo fp werden mit 20 Pf. für die dreigespaltene Petitzeile berechnet und müssen für die nächst- X110C7X CbVZs folgende Wochennummer bis spätestens Sonnabend eingehen. Dieselben sind ausschliesslich an die Annoncen-Expedition von Rudolf Mosse in Leipzig oder deren Filialen in Berlin etc. zu adressiren. Eine bejahrte Person, Jüdin, zur selbstständigen Führung eines ein» i fachen Haushaltes nach Elberfeld gesucht; schriftliche Offerten unter R.'1114 au Rudolf Mosse, Leipzig. sLc.4338 Cotillon und Carneval-Gegenstände, komische Mützen, Orden, Cotillontouren, Attrappen, Knallbonbons, Masken, Perrücken, Stoff- und Papier-Costüme, Papierlaternen, Bigotphones, Spiele, Christbaumschmuck etc. sowie künstliche Pflanzen empfiehlt die Fabrik von Gelbke & Benedictus, Dresden. Illustr. deutsche u. tranz. Preisbücher Saison 88 gratis u. ireo.

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