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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-12-22 · Heft 51 (22.12.1887) · p. Seite 812

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 51 (22.12.1887)
Date
1887-12-22
Page
Seite 812 (sequence 12)
Language
German
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812 Nordamerika. New-Nork, im November. (Privatmitth.) Daß das polnisch-jüdische Element in der jüdischen Bevölkerung der Bereinigten Staaten bereits einen bedeutenden und an Zahl immer wachsenden Platz einnimmt, erweist sich nicht bloß aus der verhältnismäßig enormen Einwandererzahl, sondern auch aus anderen Erscheinungen. Bekanntlich ist kein Zweig der Industrie in Nordamerika so ausnehmend betrieben, wie das Zeitungswesen. Ich sage mit Bedacht: „Industrie", denn Geist und Wissen sind hierbei keine besonders erforder« lichen Bedingungen. Das Zeitungswesen ist eben nichts als ein Geschäft wie jed?^ andere, mit der einzigen Ausnahme, daß sich Jedermann v y\ befähigt glaubt, während doch selbst zum Schneidern uv ' Lchustern eine gewisse Geschicklichkeit in dem betreffender . ndwerk gehört. Noch hat eine neubegründete Stadt keine 1000 Seelen in den planmäßig abgesteckten Straßen versammelt, als schon eine oder mehrere Zeitungen für dieselbe das Licht der Welt erblicken, dies zwar oft bald wieder verlieren, nur aber um anderen Platz zu machen, die „dem dringenden Bedürfniß" abhelfen wollen. Dies findet nun auch für die eingewanderten polnischen Juden statt, und daraus läßt sich deren Wachsthum erkennen. Ich kenne bereits drei solcher Wochenschriften, die im jüdischdeutschen Jargon mit hebräischen Lettern erscheinen, also auf ihren begrenzten Leserkreis rechnen. Curios macht es sich immer, daß diese Blätter einen englischen Titel führen, während dieser Titel das einzige englische Wort in ihnen ist. In diesen Tagen kündigt sich ein neues solches Blatt an: New York Jewisk Illustrated Journal“. Die Probeitummer, vom 22. October datirt, welche in ihrem mannigfaltigen Inhalt besonders der Klage Raum giebt, über die Lerfolgungen, die sie erlitten und über den Schmerz, die Heimath verlassen zu müssen. Jndeß macht sich auch die Befriedigung über die erlangte Freiheit und das Verlangen, ein neues Leben zu beginnen, einen neuen Spielraum in der Welt der menschlichen Gesellschaft zu er, eichen, Luft. Die Illustrationen bestehen in einem Portrait des Herausgebers A. Goldfaden, das sehr behäbig aussieht und keine Spur von polnisch-jüdischer Physiognomie an sich trägt, in einem schlechten Holzschnitt, darstellend „A Bilo vun der Stadt Balta in Rußland im Jahre 1882", welches die Plünderung und Mordthaten, die an den Juden dort verübt worden, darstellt, außerdem zwei Carrikaturen von polnischen Juden, welche den Müller und Schulze des Kladderadatsch, vorstellen sollen. Hiermit ist wohl das Blatt genügend charakterisirt. Wenn diese Emigranten aufrichtig sein wollen, so müssen sie zugestehen, daß Jie von ihl en ansässigen Stammesgenössen in edelster Weise empfangen worden. Seit Jahren ist ein Hilfscomite für sie vorhanden und giebt sehr beträchtliche Summen zu ihrer Unterstützung aus; jedwede örderung, um einen ehrlichen Broderwerb und eine dauernde Heimstätte zu finden, wird ihnen, soweit die Kräfte reichen, gewährt. Daß viele unter ihnen, namentlich Alle, welche Arbeit scheuen und gewohnheitsmäßig vom Bettel leben wollen, unzufrieden mit den Gaben sind, welche ihnen gereicht werden, versteht sich von selbst. Glücklicher Weise ist dies doch die Minderzahl. Die meisten der Ankömmlinge sind von dem Verlangen beseelt, ein menschenwürdiges Dasein zu erlangen und durch ihre Thärigkeit unabhängig zu werden. Natürlich ist es, daß diese Leute in mehrfachen Beziehungen das herzustellen streben, was sie in der Heimath verlasseu haben, namentlich was den Gottesdienst betrifft und deshalb Separatgemeinden bilden. Dies ist hier zu Lande nicht auffällig, wo auch unter den Christen jede der 10V Secten nach der Befriedigung ihrer besonders gestalteten religiösen Bedürfnisse strebt und gemäß der Opfer, die sie zu bringen geneigt ist, erlangt. Dies ist ja das Hochgefühl jedes Amerikaners, daß Niemandem die Selbständigkeit beschränkt wird und trotzdem alle kirchlichen Genossenschaften in Frieden mit einander leben. Darum fällt es keinem hiesigen Israeliten ein, den polnischen Emigranten ihre synagogale Absonderung übel zu nehmen. Der Wunsch, der in uns lebendig ist, geht dahin, daß die Mehrzahl der Eingewanderten ein redliches vorwurfsfreies Leben führen und sich namentlich in dem aufwachsenden Geschlechte genügend akklimatisiren mögen. Bonn, 18. Dez. (Notizen.) Aus Pest wird uns unterm 7. d. M. geschrieben: Heule verschied hier im Alter von 65 Jahren Karl Louis o. Posner, einer der hervorragendsten Vertreter der ungarischen Papierindustrie. Er wurde mit vielen in- und ausländischen Orden ausgezeichnet, in den Ritterstand erhoben und zum k. Rath ernannt. Er war auch Gründer und viele Jahre Präsident des hiesigen Wohlthätigkeits-Vereins „Concordia." — Herr Dr. Al. Rosenspilz, der mehrere Jahre als Rabbiner in Amerika lebte, wurde zum Rabbiner der Gemeinde Koloszvar (Ungarn) gewählt. — Man schreibt dem Korr. f. u. v. Deutsch! aus Fürth vom 5. Dez : Unter den Namen der Männer, welche sich um die Fürsorge für unsere hiesige israelitische Waisenanstalt hervorragend verdient gemacht haben, ist auch der Name des Herrn Hofraths Dr. Berlin zu nennen, der Ende September d. I. geistig frisch und körperlich rüstig, seinen 80. Geburtstag feierte. Die hohe Freude an diesem seltenen Feste und der Wunsch, dem Festtage ein bleibendes Erinnerungszeichen im Sinne des greisen Menschenfreundes zu errichten, veranlaßte dessen Söhne und Schwiegersöhne, nämlich die Herren k. Rechtsanwalt G. Josephthal, k. Amtsrichter Dr. Heinrich Berlin, Kaufmann Josef Merzbacher, Kaufmann Ernst

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