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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-12-22 · Heft 51 (22.12.1887) · p. Seite 811

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 51 (22.12.1887)
Date
1887-12-22
Page
Seite 811 (sequence 11)
Language
German
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811 Schulkinder zu kleiden. Am vergangenen Sonnlag zeigte er an, daß 100 Knaben und 100 Mädchen nächstens gekleidet werden sollten, und lud die Bedürftigen ein, sich einzuschreiben. Ein Dutzend jüdischer Kinder melden sich, aber alle werden zurückgeschickt! Ihr seid Juden, Ihr seid keine Rumänen, sagt Herr Vibicesco zu ihnen. Und doch haben viele Juden ihre Gaben zum Ankauf dieser zweihundert Anzüge bcigesteuert. Kurz, die Verfolgung der jüdischen Schüler kommt von oben und sie ist Wohl organisirt. Bukarest, 3. Dez. Wie hiesige Blätter berichten, ist der Gefängnißdirektor von Galatz, Stefan Priboiu, welcher einen aus Rumänien ausgewiesenen und wegen unbefugter Rückkehr in strafgerichtliche Untersuchung gezogenen Israeliten mit Ketten beladen vor das Tribunal schleppen ließ, auf den Antrag des Justizministers Statescu strafweise seines Postens enthoben worden. — Bukarest, 8. Dezembar. (Privatmitth.) Anstatt Ihnen neuere Details-Vorkommnisse zu berichten, die doch immer nur dasselbe Gepräge der Unterdrückung und Verfolgung tragen, lassen Sie mich die Frage beantworten, die sich unseren ausländischen Glaubensgenossen aufdrängen muß; woher diese unersättliche Verfolgungssucht der rumänischen Gewaltigen gegen die Juden? Ich weiß, daß es unter den europäischen Juden nicht wenige giebt, welche geneigt sind, die Schuld in nicht geringem Maße den rumänischen Juden selbst zuzuschreiben. Aber sie würden hiermit ein großes Unrecht begehen. Den thatsächlichen Beweis hierfür liefert die Geschichte, die bis vor wenigen Jahrzehnten von irgend welcher Verfolgung oder nur Bedrückung der Juden in der Moldau und Wallachei nichts wußte. Es war hier den Juden eine freie Bewegung, namentlich in gewerblicher Beziehung wie nirgends in Europa zu jener Zeit gewährt und sie vergalten es diesem Lande durch eine segensreiche Thätigkeit. Noch jetzt bilden die Juden die große Mehrheit der Handwerker in Rumänien und erst seit Kurzem beginnen die rumänischen Christen sich dem Handwerk zu widmen, zu welchem Zwecke die Regierung Handwerkerschulen gegründet hat, von denen sie aber die Juden unbedingt ausschließt. Ebenso waren die jüdischen Kaufleute unentbehrlich, da sie allein den Export der Landesprodukte und den Import ausländischer Maaren namentlich auf den Leipziger Messen vermittelten. In der jetzigen, aller Wahrheit Hohn sprechenden Ausdrncksweise sagt man: die Juden haben den ganzen Handelsverkehr an sich gerissen — während eben unter den Rumänen niemand war, der die Handelsgeschäfte zu betreiben verstand, und ohne die Juden die Landesprodukte verfault und die Rumänen ohne die unentbehrlichen Maaren des Auslandes bei dem eigenen Mangel aller industriellen Produktionskraft geblieben wären. Alles dies verschweigt man, um die Juden als Aufdringlinge zu brandmarken, und erhebt sich so zu der ungeheuerlichen Behauptung, die seit Jahrhunderten in Rumänien ansässigen Juden seien „Fremde." Frägt man demnach nach der wirklichen Ursache dieser, das Wohl des eigenen Landes untergrabenden Verfolgungssucht gegen die Juden, und zwar bei einer Partei, die sich voll Hohnes die liberale nennt, so kann man nur zu der einzigen Erklärung kommen: es liegt eben in der Natur halbbarbarischer Menschenklassen, Jemanden haben zu wollen, den sie bedrücken und mit Füßen treten können. Ihre halbcivilisirte Natur beherbergt den unwiderstehlichen Trieb, die Sklavengeißel über den Rücken anderer Menschen zu schwingen. Da nun diesem Triebe die jetzt in Rumänien herrschende Klasse weder gegen die Bojaren, gegen die sie Opposition machen, noch gegen das Volk selbst, dessen sie zur Wahl der Vertreter bedürfen, befriedigen können, so sind ihnen die 250,000 Juden, die so unglücklich sind, in Rumänien ansässig zu sein, ein willkommener Gegenstand, um ihren barbarischen Gelüsten zu genügen. Dies ist der Schlüssel zu den traurigen Vorgängen in Rumänien. Die Juden sind wehrlos, und darum kann die Knute ohne Schwierigkeit und Widerstand über sie geschwungen werden. Das Volk, das natürlich nicht vorurtheilslos ist, kann mit den Schlagwörtern, für sein Gedeihen und seine Wohlfahrt zu sorgen, getäuscht werden, und so geschieht es, daß man sich hier zu Lande liberal nennt, wenn man nicht bloß der Humanität, sondern auch aller Gesetzlichkeit und Rechtspflege ins Angesicht schlägt. Spanien. Madrid, 1. December. (Privatmitth.) Die Nr. 3 der „Spanisch-Deutschen Revue" enthält einen Artikel: „die Deutschen in Spanien", der, unparteiisch geschrieben, besonders darüber klagt, daß die Mehrzahl der Deutschen in Spanien sehr bald ihre Nationalität aufgeben, so daß schon ihre Kinder kein Wort Deutsch mehr verstehen. Dann kommt eine Stelle, die uns auch in Bezug auf die jüdischen Einwanderer von Bedeutung scheint. „Ueberhaupt krankt das Geschäftsleben in Spanien an einer Unsolidität, dem mancher Fremde zum Opfer gefallen, und die Gewerbsverhältnisse liegen hier so schlecht, daß fast nur mit beträchtlichem Anlagekapitale einem Ausländer das Fortkommen möglich ist, denn Kenntnisse und Arbeitstüchtigkeit allein genügen in einem Lande nicht, wo Müssiggang adelt und Arbeiten für eine Schande gilt. Zudem leidet der Fremde viel durch den' maßlosen nationalen Dünkel, der häufig zum blinden Hasse gegen alles Ausländische ausartet. Entfremdet von der alten Heimath, und von den Spaniern dennoch nicht als die Ihrigen anerkannt, da die Kluft des Nationalcharakters schwer zu überbrücken ist, wird somit das Dasein der meisten Deutschen in Spanien ein zersplittertes und unbefriedigendes. 5l*

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