Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 51 (22.12.1887)
- Date
- 1887-12-22
- Page
- Seite 807 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3227663-3227715--44946-3267255- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
807 gemacht. Diejenigen Lehrer an Mittelschulen, welche Reichsrathsabgeordnete sind, dürfen von nun an während der Zeit, wo sie Abgeordnete sind, nicht Unterricht ertheilen. — Vorige Woche wurde Herr vr. Philipp Ritter v. Mauthner, Vicepräsident der Advocatenkammer, Vorstandsmitglied der israelitischen Cultusgemeinde u. s. w. zu Grabe getragen. Er gehörte zu den beschäftigtsten Advocaten der Residenz und gehörten zu seiner Clientel der hohe Adel und die Hochfinanz; aber er versagte auch keinem Armen seinen Beistand. Er zeichnete sich durch Wissenschaft, Klugheit, Liebenswürdigkeit und außergewöhnliche Bescheidenheit aus. Mehr aber noch als alles Dieses, er hatte ein edles Herz und war in außerordentlichem Maße wohlthätig. Wien, 6. December. Nicht geringe Sensation rief während der Gemeinderathssitzung die folgende Mittheilung des GR. vr. v. Kautz, Vertreters von Mariahilf, hervor: In die Klasse einer städtischen Mittelschule tritt vor einigen Tagen der Religions-Professor ein. Es herrscht in der Klasse ein wüster Lärm. Der Professor ruft: „Ja, ist denn hier eine Judenschule?" — „Nein!" tönt ihm der vielstimmige Chorus der Schüler entgegen, „aber eine Antisemitenschule!" Prag, 5. December. (Privatmitth.) Die „Alliance israelite universelle“ fand heute in unserer Gemeinde einen beredten Vertreter. Kein Geringerer als der Obmannstellvertreter der Repräsentanz, Herr vr. Arnold Rosenberger, hielt im „Centralvercin zur Pflege jüdischer Angelegenheiten" über die Alliance einen Vortrag. Ein Vortrag von vr. Rosenberger bildet hier immer ein Ereigniß, und sie kamen Alle, Alle, die bisher noch nicht Mitglieder der Alliance sind, die es aber sein sollten. Herr vr. Rosenberger lieferte in seinem Vortrag die Entwicklungsgeschichte der Alliance und lehrte ihren Zweck und ihre Bedeutung kennen. Er zeigte zuerst wie im Jahre 1860 die Pariser Alliance israelite universelle entstanden, wie sich dieselbe die Aufgabe stellte, gegen böswillige Angriffe wirksam aufzutreten und die Israeliten des Orients der Bildung und Civilisation der Neuzeit zuzuführen. Es ist unzweifelhaft, daß die vorhergegangenen Ereignisse in Damaseus (1840) uud der Fall Mortara (1859), die bis zur Evidenz dargethan haben, daß Bosheit, falsche Anklagen und Jahrhunderte alte Vorurtheile trotz Fortschritt und Civilisation schweres Unheil heraufbeschwören und nur durch gemeinsames Entgegentreten bekämpft werden können — zur Gründung der Alliance den Anlaß gaben. So lange die engen, drückenden Schranken des Mittelalters, welches für die Juden ja bis in die neueste Zeit heraufreicht, dieselben aus jeder staatlichen Gemeinschaft ausschlossen, so lange bildeten nur jüdische gemeinsame Interessen ein Feld ihrer geistigen Thätigkeit, und diese Interessengemeinschaft stellte eine Solidarität her, die gleichsam selbst eine Allianz bildete. Im Zeitalter der Emaneipation, in welchem die Juden in Folge des dem Menschen von Natur gegebenen Patriotismus für alle öffentlichen Angelegenheiten sich mehr zu interessiren begannen und über ihrer Hingebung an das allgemeine, das speeiell jüdische Interesse vernachlässigten, als ihre Solidarität in die Brüche zu gehen drohte, war die Gründung der Alliance israelite universelle eine rettende That. Denn wie die Feinde der Juden dieselben solidarisch anklagen und verurtheilen, so ist auch eine Solidarität zur Vertheidigung nothwendig. Es galt und gilt noch beute „die Ehre des israelitischen Namens zu vertheidigen, so oft er angegriffen wird, die Ausübung der nützlichen Handwerke zu fördern, die Unwissenheit und Laster — die Kinder der Knechtschaft — zu bekämpfen." (Bericht der Alliance S. 1). Das ist der Zweck der Alliance israelite universelle zu Paris und der israelitischen Allianz zu Wien. Fern lag es der Alliance Von Vornherein und fern blieb es ihr immer, irgend eine politische Bedeutung erlangen zu wollen und sie war und ist auch keine derjenigen Humanitätsanstalten, welche sich darauf beschränken, einzelnen Hilfsbedürftigen Unterstützung zu gewähren, Vielmehr ist ihr Ziel, denen, die in ihrer Eigenschaft als Israeliten zu leiden haben, wirksame Hilfe zu leihen (Statut der Pariser Alliance Art. 1, der Wiener Allianz § 2). Die Gründung der selbständigen Allianz zu Wien im Jahre 1873 (durch Wertheimer, Kuranda und Kompert) geschah nur aus dem Grunde, weil nach österreichischem Staatsgesetze in unserer Monarchie sich kein Zweigverein eines ausländischen Vereins bilden darf (wie z. B. auch in Oesterreich kein Zweig des Vereines zur Abschaffung der Todesstrafe besteht). Die österreichische Allianz richtet ihr Hauptaugenmerk auf Galizien, um hier den verderblichen Folgen des Chassidismus und des Chederthums durch Gründung von Schulen und Heranbildung tüchtiger Handwerker und Landwirthe entgegenzutreten. In Galizien herrscht das Borurtheil, daß Bildung und Religion unversöhnliche Feinde sind, und daß die Ausübung der Handwerke mit der Beobachtung der religiösen Pflichten unvereinbar wäre. Dies will die Allianz besiegen. Was die Pariser Alliance für den Orient, ist die Wiener für Galizien. Die Tendenz beider wie auch der Londoner ist Selbstemaneipation der Juden von allen bösen Folgen des mittelalterlichen Druckes. Gilt es jedoch bei einem zufällig eintretenden Ereigniß den Glaubensgenossen zu Hilfe zu eilen, betheiligen sich die Allianzen in Paris, London und Wien gemeinschaftlich, wie es z. B. bei der Aus-' treibung der Juden aus Rußland der Fall war, bei welcher Gelegenheit sich Prag mit einer verhältnißmäßig sehr großen Summe betheiligte. Großartig wirkten darum die Allianzen, weil sich sonst die Leistungen zersplittert hätten, ohne beson-