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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-12-22 · Heft 51 (22.12.1887) · p. Seite 806

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 51 (22.12.1887)
Date
1887-12-22
Page
Seite 806 (sequence 6)
Language
German
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806 Fonds bestimmt, und daß der Czar die Absicht des Barons Hirsch im Prinzipe genehmigt hat. Was die von den Blättern angegebenen Zahlen betrifft, daß tausend Schulen für 50,0C|0 Schüler gegründet werden sollen, so trugen sie den Stempel bloßer Vermuthung an sich. Die Zahl der schulpflichtigen jüdischen Kinder in Rußland beträgt wohl an 400,000; eine Schule für 50 Kinder schon wäre sowohl finanziell als pädagogisch unmöglich. Denn selbst bei diesem großen Fond würden von den Zinsen zu 37-2 Prozent berechnet nur 1400 Mark jährlich auf eine der tausend Schulen kommen. Es ist vorauszusetzen, daß, sobald die Ausführung in Angriff genommen werden soll, ein Schulrath aus zuverlässig gebildeten, erfahrenen und pädagogisch geschulten Männern gebildet werden wird, und glauben wir, daß es solcher Männer unter unseren russischen Glaubensgenossen jetzt zur Genüge giebt. Eine andere Frage von großer Wichtigkeit scheint uns: woher die Lehrer nehmen? Es kann nicht Zweifelhaft sein, daß bei Gründung von Schulen unbedingt die Vorfrage gestellt werden müsse: sind auch die passenden Lehrkräfte vorhanden? Es handelt sich hier um mehrere Hunderte von Lehrern und Lehrerinnen. Wir meinen deshalb, daß es vor Allem darauf ankommt, einige Seminare oder Lehrerbildungsanstalten zu errichten,auf welchen die zukünftigen Lehrer und Lehrerinnen für die zu errichtenden jüdischen Schulen heranzubilden seien. Für jetzt, denken wir, kann ein bedeutendes Lehrermaterial aus den vielen jüdischen Studenten, welche neuerdings von den Universitäten ausgeschlossen worden, und den jüdischen Abiturienten aus den Gymnasien, denen der Zutritt zur Universität versagt wird, gezogen werden. Diese haben doch eine angemessene Schulbildung erlangt, wobei freilich zu wünschen wäre, daß sie auch die genügenden hebräischen Kenntnisse besitzen, welche die russischen und polnischen Juden von den Lehrern ihrer Jugend fordern. Das Interesse an diesem großen civilisatorischen und humanen Werke ist natürlich ein allgemeines, und Jedermann erwartet begierig Mittheilungen über den Fortgang desselben, obgleich man begreift, daß sich hierüber nicht allzeit die Verhandlungen veröffentlichen lassen. Berlin, 13. Dec. (Privatmitth.) Die Rede des Prinzen Wilhelm in der Versammlung beim Grafen Waldersee wird von der conservativen Partei als ein Regierungsprogramm desselben betrachtet, und die „Kreuzzeitung" spottet auf Grund desselben über jenen Führer der Nationalliberalen, den sie eine Zeit lang als den „kommenden Mann" fürchtete. Es versteht sich, daß die anderen politischen Parteien die gleiche Ansicht haben, und somit von der einen Seite Hoffnungen, von der anderen Seite Befürchtungen gehegt werden. Dies sind nun doch wohl Dinge, die noch in weiter Aussicht stehen, und die, wie alles Menschliche, dem Wechsel unterworfen sind. Den Thron unseres Kaisers und Königs umgiebt die Glorie des Heldenthums und der Weisheit, den Reichskanzlerstuhl des Fürsten Bismarck die Glorie bedeutender Erfolge und großen Verdienste, nicht bloß um Deutschland, sondern seit dem Frankfurter Frieden um ganz Europa, die Person des Kronprinzen die Glorie des Feldherrnruhmes, der Humanität und der Leutseligkeit. Eine nachfolgende Regierung muß sich Ansehen und Glanz durch Thaten, welche dem echten Bolkswohl, dem wahrhaften Volksglück dienen, den genannten großartigen Erscheinungen gegenüber erwerben. Dies und die Erwägung, daß die gegebenen Verhältnisse oft stärker sind als der Mensch, muß uns vor jeder trüben Aussicht in die Zukunft schützen. Jndeß macht sich doch auch eine andere Meinung geltend. Man berichtet: Der Kammerherr des Prinzen Wilhelm, Freiherr von Mirbach, hat vor einigen Tagen im Aufträge der Prinzessin in Bonn dem Jahresfeste des dortigen Johanneum, einer Anstalt zur Ausbildung von sog. „Evangelisten", beigewohnt. Er hielt bei dieser Gelegenheit eine Ansprache, in welcher er nach einem Berichte der „Wests. Volks-Ztg." von den „mancherlei Verdächtigungen" sprach, welche die vom Prinzen mit der Prinzessin Wilhelm bei dem Grafen Waldersee veranstaltete Versammlung erfahren habe; er betonte, daß dieselbe „weder politische noch andere, sondern lediglich religiöse Zwecke" im Auge gehabt habe. Frankfurt a. M., 12. Dec. Frau Baronin Salomon von Rothschild in Paris hat zum Andenken an ihren verstorbenen Vater Karl v. Rothschild 120,000 Mk. den hiesigen israelitischen Vereinen überwiesen. Die Vertheilung hat Frau Baronin Karl von Rothschild übernommen. Oesterreich-Ungarn. Wien, 8. December. (Privatmitth.) Wie bekannt, sitzen im Reichsrathe einige Professoren an Mittelschulen (Gymnasien), von welchen einige ausgesprochene, andere verkappte Antisemiten sind. Wie hinzugefügt werden mag, haben sie sich bisher auf diesem Gebiete ihrer Wirksamkeit keine Lorbeeren errungen und eigenthümlich genug haben sie im Reichsrathe in der Regel das Wort genommen, wenn es sich um die hohe Politik handelte; sie waren jedoch mäuschenstill, wenn es sich um Fragen der Mittelschule handelte. Eine Ausnahme hiervon machte allerdings Herr Fiegl. Dieser, ein ganz talentloser Mensch, ist ausschließlich Antisemit. So viel jedoch ist gewiß, die Herren haben ihr Lehramt vernachlässigt. Die Schulen, an welchen sie wirkten, mußten sich zunächst mit Supplenten behelfen, und die wenigen Stunden, die sie wöchentlich ertheilten, waren sie nicht genug gesammelt, um init irgend welchem Erfolge zu wirken. Der Minister für Cultus und Unterricht, Herr v. Gautsch, hat auf Grund einer kaiserlichen Ermächtigung diesem Uebelstande ein Ende l

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