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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-12-22 · Heft 51 (22.12.1887) · p. Seite 803

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 51 (22.12.1887)
Date
1887-12-22
Page
Seite 803 (sequence 3)
Language
German
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803 soll durch die Erwägungen der Vernunft vervollständigt und durch die Energie des Willens bethätigt werden (5. Mos. 4, 29 u. öfter). Man weiß jedoch, daß in der Thätigkeit der S»ele selbst diese verschiedenen Kräfte stets mehr oder weniger ineinanderspielen und zu gleicher Zeit wirksam sind. Es kommt darauf an, ob der Verstand sich seiner Arbeit mit Liebe oder ungern ergiebt, ob die Einsichl, die er erlangt, eben nur auf die Tafeln der Vernunft eingeschrieben worden, oder ob sie Gefühl und Willen in sich ausgenommen haben, um sie zur That zu bringen. Deßhalb verbindet der Hebräer Erkenntniß und Herz mit einander. Er sagt z. B. (5. Mos. 8, 5.): „So erkenne mit deinem Herzen, daß, wie ein Mann seinen Sohn ziehet, der Ewige dein Gott dich gezogen hat." Diese Einsicht, die der Verstand aus dem folgert, was er erfahren, wird nun innig vom Herzen ausgenommen und erwärmt sich dadurch zur Liebe und Dankbarkeit. Ebenso heißt es (5. Mos. 29, 3.): „Aber der Ewige gab euch nicht ein Herz zu erkennen" u. s. w. Darum gehen die Erfahrungen an ihrer Seele vorüber, ohne einen tieferen Eindruck zu machen. Weil der Hebräer alles Unmittelbare im Herzen wohnen und aus ihm hervorgehen glaubt, so bezieht er dieß zuerst auf das Ethische. Hier begegnen wir auf den ersten Seiten einer sehr pessimistischen Aeußerung (1. Mos. 6, 5.): „Alles Bilden der Gedanken seines (des Menschen) Herzens ist nur böse allezeit", und (8, 21.) „Denn das Bilden des Herzens des Menschen ist böse von Jugend an." Wir haben hier hervorzuheben, daß nicht das Herz des Menschen als seiner Natur nach als böse bezeichnet wird, sondern sein „Bilden", „Bilden der Gedanken", d. h. seiner Pläne und Entwürfe. Es sei also die Neigung des menschlichen Herzens dem Bösen zugewendet, wie denn auch die späteren jüdischen Weisen das Wort als „Neigung" anwendeten und dem Menschenherzen zugleich eine Neigung zum Guten und eine Neigung zum Bösen zuertheilen. Diese Neigung zum Bösen kann aber nur aus der, dem Menschen natürlichen und sich entwickelnden Selbstsucht entspringen, und es ist eine psychologische Wahrheit, daß das menschliche Kind bei dem Erwachen seiner Psyche die Selbstsucht zur Wurzel und zum eigensten Inhalt hat. Das Kind schaut sich unbewußt als den Mittelpunkt der ganzen Welt an, betrachtet Alles als sein Eigenthum, sein Händchen greift nach Allem, was es erreichen kann, um es sich anzueignen. Erst die weitere Entwickelung bringt ihm einerseits das Bewußtsein der Beschränkung, wie diese in den realen Verhältnissen liegt, andererseits das moralische Bewußtsein, das ihm die Heiligkeit des Eigenthums und der Ansprüche Anderer und die Pflicht der Selbstaufopferung seiner Wünsche und seines Besitzes für das Wohl Anderer einsenkt. Deßhalb schreibt ihm das heilige Wort die Neigung zum Bösen, das Bilden seiner Pläne zum Bösen „von seiner Jugend an" zu. Hiermit ist aber durchaus nicht gesagt, daß der Keim des Guten im Menschenherzen nicht ebenso vorhanden sei. Darum wird vorausgesetzt, daß der Mensch aus eigenem Herzen Gutes oder Böses thut; (4. Mos. 24, 13.), es wird dem Menschen das Handeln „in Unschuld seines Herzens und Reinheit seiner Hände" zugeschrieben (1. Mos. 20, 5.), so wie die Geradheit seines Herzens (5. Mos. 9, 5.) Man kann sagen, daß die ganze religiössittliche Lehre und das Gesetz auf der Ansicht beruhe, daß die natürliche Neigung des Menschenherzens zur Selbstsucht und darum zum Bösen erziehlich überwunden und zum Guten, zur Selbstüberwindung, zur Erfüllung der Pflicht gegen Andere entwickelt werde. Wir kommen hierauf zurück. — Aber ebenso wie das Ethische erfließt dem Hebräer auch das Aesthetische aus dem Herzen. Der schöpferische Kunstsinn und die Kunstfertigkeit werden als ncori bezeichnet und aus dem Herzen entspringend angesehen. Es sind „Weise des Herzens", welche die Kunstwerke vollbringen (2. Mos. 28, 3. u. sehr oft). Die Herstellung der Stiftshütte und der heiligen Geräthe und Gewänder werden „der Weisheit des Herzens" zugeschrieben. Hierin macht die Scheidung der Geschlechter keinen Unterschied, denn auch den Frauen wird, in Bezug auf Weberei und Stickerei, diese „Weisheit des Herzens" zuertheilt (2. Mos. 35, 25.). Wir können es nicht unterlassen, hierin eine Ansicht von der Kunst und deren eigentliche Quellen zu finden, wie sie die Definition der griechischen Philosophen von Aristoteles an und vieler späteren nicht decken. Immer wieder hat sich durch ganze Epochen der Kunstgeschichte die Anschauung wieder Bahn brechen müssen, daß die schöpferischen Gedanken und die glückliche Ausführung in der Kunst nicht aus Erörterung ästhetischer Grundsätze, sondern aus dem Herzen, aus den Tiefen des unmittelbaren Wesens entspringen und sich bethätigen müssen. Die Verkennung dieses Grundsatzes hat immer wiederholt die nachtheiligsten Verwirrungen in den Künsten hervorgebracht. — Wie sehr der Hebräer das Herz als den Repräsentanten des eigentlichen Wesens ansieht, geht daraus hervor, daß er, wenn Jemand „zu sich selbst" spricht, d. h. einen ihn selbst betreffenden Gedanken bei sich erwägt, sagt: „er rede zu seinem Herzen"; und wo ein Anderer in ergreifender Weise zu ihm spricht, wo er ihn rührt oder tröstet, heißt es: Der Betreffende „redet zu seinem Herzen" (1. Mos. 34, 3., 50, 21. u. oft). Bemerkenswerth ist, daß, während in anderen Sprachen „das Herz stehlen" bedeutet, Jemandes Neigung gewinnen, diese Redensart bei dem Hebräer Jemanden täuschen ausdrückt (1. Mos. 31, 20. 26.) — In dem Herzen wohnen nun all' die Empfindungen des Menschen, die ihn leichter oder stärker bewegen, kürzere oder längere Zeit ihn beherrschen und die wesentlichste Einwirkung auf sein Thun und Lassen haben. Im Herzen wohnt die Freude (2. Mos. 4, 14., 5. Mos. 28, 45.); im Herzen der Muth 51*

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