Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 51 (22.12.1887)
- Date
- 1887-12-22
- Page
- Seite 804 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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804 oder die Verzagtheit (5. Mos. 20, 3. 8.), das Herz wird daher entweder zu Muth angefacht oder verzagt gemacht (5. Mos. 2, 28. 20, 8.). In dem Herzen wohnt das Mitleid oder die Herzlosigkeit, die sich gegen Empfindungen des Mitgefühls absperrt (5. Mos. 15, 7.), so daß nur mißliebig eine Wohlthat ausgeübt und ein böser Gedanke dabei gehegt wird (5. Mos. 15, 9. 10.). Die Furcht hat ihren Sitz im Herzen (5. Mos. 28, 28.). Darum ist aber auch das Herz leicht beweglich; es verändert seine Gesinnung (2. Mos. 14. 5.), es wendet sich von einer Neigung zur anderen (5. Mos. 30, 17.); es läßt sich von dem verleiten, was in ihm Lust erregt und durch die Augen auf ihn wirkt (4. Mos. 15, 39.). Ebenso, wie das Herz zur Freigebigkeit, zum Darbingen von Opfern für allgemeine Zwecke treibt (2. Mos. 35, 5. 22, 21. 22. u. öfter), so verstockt es sich auch und verbleibt trotz Einsicht, Gewissensunruhe und bitterer Erfahrung bei dem Entschluß, den das Herz einmal gefaßt, den es in seiner bösen Neigung bis dahin zu seinem eigenen Schaden ausgeführt hat. Wir brauchen nur an die verschiedenen Ausdrücke über diese Verstocktheit bei Pharao, seinen Dienern und seinem Volke zu erinnern (2. Mos. 7, 3. u. oft). In solcher Verstocktheit „beschwichtigt sich der Mensch selbst in seinem Herzen, sprechend: Befriedigung wird mir's sein, so ich in der Verstocktheit meines Herzens wandeln werde". (5. Mos. 29, 18) — er giebt nicht nach, wenn er auch die Schläge des strafenden Geschickes schon empfindet, er bäumt sich auf und findet hierin neue Stärke. Dies ist es, was das heilige Wort „unbeschnittenen Herzens" nennt (3. Mos. 20, 41., 5. Mos. 10, 16.). Denn im Herzen wohnt der Hoch muth, welcher den Menschen aller Zucht und Selbstbeschränkung entzieht (5. Mos. 8, 14. 17, 20.). Aus dem Herzen sollen wir allen Haß, alle Erinnerung an erlittene Beleidigungen und Schädigungen, jedes Rachegefühl entfernen (3. Mos. 19, 17.). Wir sollen deßhalb die Gebote Gottes nicht blos mit dem Ohre hören, mit dem Munde wiederholen, mit dem Verstände verstehen, sondern sie in unser Herz aufnehmen und sie dasselbe durchdringen lassen (5. Mos. 4, 39. 6, 6.). — Dieses ist ungefähr, was wir in den 5 Büchern Mosis über das Herz finden (wobei wir bei jedem Punkte von bisweilen vielen nur eine oder die andere Stelle angeführt haben), so ist hierbei nur noch ein Moment hervorzuheben. Das Herz des Menschen, so selbständig es sonst ist, steht unter der unmittelbaren Einwirkung Gottes, die sich unter besonderen Umständen, in außergewöhnlichen Lagen und zur Erreichung gewisser Ziele in demselben durch Weckung und Verschärfung einer Empfindung, eines Entschlusses, einer Thätigkeit fühlbar macht. Es findet dies im bösen wie im guten Sinne statt, wie denn die Verstocktheit Pharaos gegen die Auswanderung Israels und alle schwere Folgen seiner Weigerung dem Einfluß des göttlichen Willens zugeschrieben wird, andererseits aber auch die Befähigung der jüdischen Künstler zur Herstellung des Heiligthums und nicht minder die Freigebigkeit der Israeliten in der Darbringung von Edelsteinen, Gold, Silber u. dergl. für das Heiligthum. Jndeß^giebt die Schrift doch hier überall zu erkennen, daß hierdurch von der einen Seite die Strafbarkeit, von der anderen das Verdienst des Menschen nicht vermindert wird. (Fortsetzung folgt.) Pest, im December. Antisemit und Philosemit. Zwei Männer wurden in Ungarn in den letzten Jahren häufig genannt: Julius Verhovay, der Redacteur des antisemitischen „Függetlenseg", der Abgott der Antisemiten, und Karl Eötvös, der Vertheidiger von Tißa-Eßlar. Sie waren einst Freunde und wurden später Gegner. Als sie noch gemeinsam für geureinsame Ideale stritten, prognosticirte man ihnen eine schöne Zukunft. Als sie gegeneinander kämpften, erwartete ganz Ungarn mit Spannung den Ausgang des Kampfes. Und als der Kampf vorüber war, glaubten Beide Sieger zu sein. Wer denkt noch zurück an jene Zeit — es ist noch nicht lange her und doch haben wir es beinahe vergessen — da Julius Verhovay ein Volkstribun gewesen! Tausende von Menschen folgten willig seinem Rufe und Tausende von Bürgern erblickten in ihm den Mann der Zukunft. Wer die Demonstrationen vor dem Palais des Ministerpräsidenten mitgemacht, wer die Straßenkämpfe in Budapest miterlebt hat, der weiß, welchen Einfluß dieser Mann auf die Massen besaß und wie er denselben auszunützen verstand. Als er in einem Duell verwundet wurde, gab es in Budapest eine förmliche Revolte. Schon nannte man ihn den Sohn Ludwig Kossuth-'s und es gab hohe Herren, die Verhovay fürchteten. Karl Eötvös war nicht minder populär. Er war weit gebildeter als Verhovay und besaß eine politische Vergangenheit. Auch war er ein brillanter parlamentarischer Redner, während Verhovay im Parlamente eine lächerliche Rolle spielte. Eötvös imponirte den Gebildeten, Verhovay den Ungebildeten. Beide vereint — so behauptete man damals — werden