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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-12-22 · Heft 51 (22.12.1887) · p. Seite 802

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 51 (22.12.1887)
Date
1887-12-22
Page
Seite 802 (sequence 2)
Language
German
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802 zeugungen aus, ja er ist hierzu nicht nur befähigt, sondern berufen, es ist seine Pflicht, so gut wie Wissen zu erlangen und sich den Forderungen der Welt gemäß ein passendes Benehmen anzueignen, auch auf sein Herz einzuwirken, seine Gefühle zu läutern, seine Empfindungen zu veredeln und seinen Willen dahin zu stärken, daß er seine Kraft dem Guten und Schönen, dem Wahren und Edlen widmet. Zunächst ist es da die Aufgabe, seine Leidenschaften zu beherrschen, von den niedrigen sich zu befreien; dann aber in seiner Anschauung, Gesinnung und Handlungsweise nach dem Edlen und Vollkommenen zu streben, Recht und Liebe walten zu lassen. Ist der Weg dahin schwer, so müssen wir das Verlangen nach solchem höheren Ziele um so mehr in uns beleben. Schreiten wir nur langsam vor, verfallen wir nicht selten in die alten Fehler, so soll uns dies nur um so mehr anspornen und uns warnen, uns zu viel zu vertrauen. — Blicken wir uns nun in der Geschichte um, so gewahren wir, daß wie in den Individuen, so auch in den Völkern die oben besprochenen Aristokratien verschiedentlich vorwalteten. Wir können nicht verkennen, daß bei den Hellenen die Aristokratie des Geistes vorherrschte, daß in den Römern die Aristokratie der Macht sich ausbildete, und daß es die Aristokratie des Besitzes war, welche die Phönizier über die unbefahrenen Meere bis an damals unbekannte und entlegene Küsten trieb. Sehen wir aber nach der Aristokratie der Herzensbildung aus, nach dem Volke, in welchem nicht das Wiffen, nicht die Fülle der Phantasie, nicht das Streben nach Macht und Reichthum das Ziel und das Motiv waren, sondern vorzugsweise das Herz das nationale Wesen ausmachte, Reinheit und Stärke der Gefühle und Empfindungen besondere Achtung und Werthschätzung erlangten, so treffen wir auf das alte Israel. Hierfür wollen wir einige Beweise heranbringen. Wir werden hierzu durch die neulichst wiederholten Versuche, Arier und Semiten einander geistig gegenüber zu stellen und Hebräer und Araber zu identificiren veranlaßt. Zu dieser Beweisführung muß mau auf das Ursprüngliche, der Volksseele unmittelbar Entsprungene zurückgehen, nämlich auf die Sage und die Sprache. Prüfen wir den Inhalt der griechischen Heroensagen, so stellt sich in uns verkörpert dar: der Fortschritt der Cultur durch Ackerbau (Demeter), Zucht des Oelbaums (Athene), der Weberei und Spinnerei, der Behandlung des Erzes (Hephästos), ferner durch die Reinigung des Landes von Raubthieren und Cannibalen, die Anknüpfung von Handelsverbindungen (Jason), Befahrung des Meeres (Odysseus), die Wechselverbindung zwischen Orient und Occident, den Anfang der Skulptur u. dergl. und endlich die Verherrlichung der leiblichen Stärke — von der Entwickelunng der sittlichen Kräfte, von der Verwerflichkeit der Leidenschafteu ist hier nirgends eine erhebliche Spur, im Gegentheil spielen Herrschsucht, Eitelkeit und Rache, Wollust und Eifersucht überall als die Motive der Handlungen eine große Rolle. Wie anders in den Anfängen des Hebräerthums und in dessen Heroen. Da zeigt uns Abraham die Berwandtenliebe in thätiger und leidender Weise, die Gastfreundschaft, die Liebe zur Gerechtigkeit, die aufrichtige Gottesfurcht; Isaak bethätigt vor uns die Friedensliebe, Jakob die Sühne für Vergehen, den Eifer für die Gotteslehre, die Hingebung in den Willen Gottes in schweren Leiden; Joseph repräsentirt die Sittenreinheit und die Versöhnlichkeit; Moses endlich bietet uns das Bild eines echten Heldenmuthes als Führer und Gesetzgeber eines noch ungebildeten Volkes, die Rühmlichkeit der Bescheidenheit und der Selbstlosigkeit, die das Ziel voraussieht, aber nicht erreicht, und daß er seine eigenen Söhne ohne Macht und in die Schatten der Vergessenheit treten läßt. Das Volk, welches so in seinen Ahnen die höchsten menschlichen Tugenden verkörpert und verherrlicht sieht, das deren Namen und Thaten von einem Geschlecht auf das andere überträgt und dauernd verherrlicht, muß tief in seinem Geiste die Ideale der Sittlichkeit getragen und seine Größe nicht in der äußeren Machtsphäre, sondern in den religiös-sittlichen Grundsätzen gefunden haben. — Was aber die Sprache betrifft, so hat— etwa mit Ausnahme der deutschen — die Sprache keines Volkes die Bezeichnung des Herzens 2b so in den Mittelpunkt seines Sprachschatzes gestellt, so vorzugsweise zum Ausdruck gebracht und den Begriff des Herzens dermaßen entfaltet, wie die hebräische. Mustern wir deßhalb die Schriftdenkmäler, die uns das alte Israel hinterlassen hat. Hier stoßen wir aber für unseren Gegenstand auf ein so umfangreiches Material, daß wir es nur zu überwältigen vermögen, wenn wir es nach den Partien der heiligen Schrift in's Auge fassen, zunächst die 5 Bücher Moses. — Das Herz bedeutet dem Hebräer das Innerste, das Höchste und Tiefste des Wesens. Darum sagt er: „Das Feuer schlug bis in das Herz des Himmels" (5. Mos. 4, 11), also gleichsam bis in die höchste Höhe des Himmelsgewölbes, und wiederum: „Die Fluthen gerannen im Herzen des Meeres" (2. Mos. 15, 8), also in der Tiefe des Meeres wie Eis. Alles daher, was in der menschlichen Seele unmittelbar vorsichgeht, oder unmittelbar von ihr ausgeht, wird dem Herzen zugeschrieben. Der Hebräer kennt den schon von der alten Philosophie gemachten schematischen Unterschied zwischen den Kräften des menschlichen Geistes nicht, aber er stellt doch das Herz oder die Empfindungswelt 2b, die Vernunft oder das Sinnende, Erwägende, aus der Ursache die Wirkung und umgekehrt Folgernde wdj und die Willenskraft nso neben einander. Er fordert deßhalb, daß das idealste Gefühl, die Liebe zu Gott, aus dem Herzen, aus der Seele und aus der Willenskraft des Menschen hervorgehe und diese Regionen des menschlichen Geistes erfülle: das Gefühl des Herzens

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