Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-12-22 · Heft 51 (22.12.1887) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 51 (22.12.1887)
Date
1887-12-22
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227663-3227715--44940-3267249
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Uttgemeine Zeitung des Iudentliums. AkJ 7 Cm unpartensches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig 3 Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. 115) und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philipp son in Bonn. Expedition: Leipzig, Woßptcrh 17. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an vr. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 51. Jahrgang. Leipzig, den 22. Dezember 1887. Nr. 51. Inhalt. Leitende Artikel: Das „Herz" in der Bibel. — Antisemit und Philosemit. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Bonn, Berlin, Frankfurt a. M. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Prag, Graz, Preßburg, Aus Ungarn. — Frankreich: Paris, Bayonne. — Rußland: Lodz. — Rumänien: Bukarest. — Spanien: Madrid. — Nordamerika: New-Uork. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Aus meiner Knabeuzeit. Bonn, den 11. Dezember. Das „Her;" in der Bibel. i. Es giebt viele Aristokratien; eine Aristokratie der Geburt, eine Aristokratie der Macht, wie sie sich in den Beamten des Staates vom höchsten bis zum niedrigsten Kreise herausbildet; eine Aristokratie des Geldes in den financiellen und industriellen Kreisen, eine solche im geselligen Leben und eine Aristokratie des Geistes. Alle diese haben ihre eigenthümlicheu Charakterzüge, Erscheinungsformen und Sitten. Aber eine fehlt noch unter den aufgezählten, die still und bescheiden, ohne individuelle Eigenthümlichkeit, ohne Aeußerlichkeiten, die sie aller Welt bezeichnen würden — die Aristokratie der Herzensbildung. Wie? fragst du erstaunt, sind Geistesbildung und Herzensbildung nicht identisch? Kann die eine ohne die andere gedacht werden? Nein, die Herzensbildung, die wir meinen, diese Innigkeit, Zartheit, Tiefe und Stärke der Empfindungen, diese, auch unbewußt jeder Zeit zu Opfern und Hingebung, zur Nachsicht und Versöhnlichkeit, zum Mitgefühl und barmherzigen Thun geneigte Gesinnung, diese stets und für Alle nach gerechter Beurtheilung und liebevoller Behandlung verlangende Gesinnung, sie ist nicht mit der Geistesbildung identisch, sie besteht in Gebildeten, wie in Ungebildeten, in Gelehrten, wie in Unwissenden, in Vornehmen, wie in Geringeren, in Reichen, wie in Armen; sie ist in allen Menschen möglich und besteht in ihnen nach größerem oder geringerem Maße. Man sagt: „Wissen ist Macht"; das möchte wahr sein, aber unwahr wäre: „Wissen ist Großherzigkeit, Edelmuth". Leider haben wir schon als Knaben Männer gesehen vom umfassendsten Wissen, von eminenten Geistesgaben, und dennoch waren sie von niedrigen Leidenschaften, selbst von Habgier und schnödem Geize beherrscht, abgesehen von Eitelkeit und Ränkesucht, die unter den Männern des Geistes so häufig sind. Ueberhaupt erschweren es die vorher genannten Aristokratien, sich echte Herzensbildung anzueignen, da die mit ihnen nothwendig verbundenen Borurtheile und Anmaßungen, der echten Bildung des Herzens Abbruch thun. Hiermit haben wir das genannt, worauf es hier ankommt — das Herz, worunter wir Deutsche den Mittel- und Verbindungspunkt aller Gefühle, freilch der guten wie der bösen, die Gesammtheit der; Empfindungen verstehen, die zwar unter der Herrschaft des Verstandes und der Einbildungskraft stehen und von ihnen beeinflußt werden, die aber ebenso auch unmittelbar, aus ihrem innersten Ursprung hervorquellend sind, der Thätigkeit des Verstandes und der Einbildungskraft vorangehen und ihrerseits diese beherrschen. Gewiß, diese Empsindungen und Gefühle entspringen vielfach aus den angeborenen Anlagen des Menschen, aus seiner psychischen und leiblichen Beschaffenheit, und werden in ihrer zeitweisen Stärke oder Schwäche von den seelischen und leiblichen Einflüssen bestimmt. Aber diese Bedingungen sind der Bildungsfähigkeit und der Entwickelung unterworfen, und der Mensch bildet seinen Charakter innerhalb seiner Lebensverhältnisse und Geschicke und selbstständig durch seinen Willen, dnrch seine Einsicht und Ueber- 51

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.