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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-12-15 · Heft 50 (15.12.1887) · p. Seite 798

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 50 (15.12.1887)
Date
1887-12-15
Page
Seite 798 (sequence 14)
Language
German
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798 weit die Eindrücke, welche die Seele des Kindes und des Knaben erhält, einen bleibenden Einfluß auf deren fernere Entwickelung und somit auf den ganzen Lebensgang gewinnen, oder ob sie sich nicht im ferneren Verlaufe und unter den mannigfachen Wirkungen des Lebens und der Verhältnisse mehr oder weniger verwischen? So allgemein gefaßt, halte ich diese Streitfrage für überflüssig. Aus der Erfahrung lassen sich für die eine wie für die andere Ansicht genug Beispiele anführen. Es wird eben auf die Empfänglichkeit, auf die Fähigkeit, die Eindrücke in sich aufzunehmen und wirken zu lassen, und dann wieder auf die Stärke und Bedeutsamkeit dieser Eindrücke ankommen. Was mich betrifft, so kann ich nicht verkennen, daß die Bildsamkeit meines jungen Geistes eine recht starke gewesen sein muß, da der Einfluß dessen, was ich in meiner Jugend erfahren, sich auch in meinem späteren Leben bemerklich gemacht hat. Gerade deßhalb erzähle ich manches an sich Unbedeutende, das aber nicht bloß momentan auf mich gewirkt hat. Ich kam schon früh, kaum über das vierte Jahr hinaus, in die Franzschule, und machte die fünf Klassen derselben verhältnismäßig schnell durch, da ich noch nicht dreizehn Jahre alt aus der Prima entlassen wurde. Ich war immer der jüngste in jeder Klasse und meine Schulkameraden in der Prima hatten mindestens das fünfzehnte Jahr erreicht. Als ich in der untersten Klasse war, hatte ich das Glück, daß Gotthold Salomon in derselben Religionsunterricht gab. Wie begeisternd, wie anziehend und erfüllend das Wort dieses Mannes an uns war, wie er dasselbe dem Kinderherzen anzupassen verstand, geht daraus hervor, daß das Andenken daran noch heute in mir lebt. Leider verließ er bald darauf Dessau, da er nach Hamburg an den neuen Deutsch-Israelitischen Tempel als Prediger berufen ward, wo er sich den Ruf eines bedeutenden Kanzelredners erwarb. Vielleicht ward dieser Eindruck noch dadurch verschärft, daß mit seinem Abgang auch der eigentliche Religionsunterricht an der Schule aufhörte, und man sich mit dem mechanischen, später auch grammatischen Einüben der hebräischen Texte in Schrift und Gebet begnügte. Erst in der Prima wurde ein Ueberblick über die religiössittlichen Grundsätze wieder gegeben. Dadurch verblieben mir jene Stunden Salomons als ein Ideal der Religionslehre in der Seele zurück. Wie schlecht der Religionsunterricht damals noch beschaffen war — und ich hebe dj^ß hervor, um die Zeit und die aus diesem Verfall hervorgehenden Zustände zu bezeichnen — kann man daraus ersehen, daß er in der vierten und dritten Klasse in der Hand eines ungebildeten Mannes lag, der unter Religion nur die trockene Aufzählung liturgischer Notizen, der Monate, Feste und Fasten, der^Bestimmungen^über diese und jene Gebete verstand, und uns die letzteren, namentlich die darin vorkommenden Psalmen, nach Eichel's Übersetzung, ohne daß er selbst sie verstand, einübte. Es erregte nicht einmal bei den Anwesenden Lachen, wenn jener Lehrer bei der öffentlichen Prüfung anhob: „Mehrere Eltern haben sich beklagt, daß die Kinder keine jüdische Religion lernten, ich will das Gegentheil beweisen: „Du", wandte er sich an einen Schüler, „sage mal die jüdischen Monate her u. s. w." Daß beides, jenes Ideal und dieser Verfall des Religionsunterrichtes für immer in mir verblieben und mich späterhin so eifrig die Hebung desselben erstreben ließ, ist einleuchtend. Ein anderer Lehrer, dem ich vielen Dank weiß, war ein gewisser Schütz, der in seinen Jugendjahren Schauspieler gewesen, dann ein Lehrer der deutschen Sprache ward und später eine höhere Töchterschule mit großem Erfolge gründete. Er las so trefflich vor, hatte ein klangvolles Organ und hielt so streng auf die richtige Aussprache, daß wir nach dieser Richtung hin bei ihm die besten Fortschritte machten. Ich erwarb mir bei ihm manches Lob im Deklamiren. Einmal kam es, ich,war etwa sieben Jahre alt, daß der Herzog Nachmittags auf dem öffentlichen Examen erschien. Schütz hatte mich des Vormittags das schöne Gedicht „Religion von Gott gegeben" deklamiren lassen. Ich mußte es gut gemacht haben, denn als der Herzog erschienen war, ließ mich, da meine Klasse nicht mehr daran kam, vom Hause berufen, das Gedicht noch einmal herzusagen. Schnell zog mir die Mutter das Festkleid wieder an und führte mich nach dem Prüfungssaale. Unbefangen trat ich vor den Sitz des Herzogs und sprach mein Gedicht. Es gefiel ihm und der hohe Herr erkundigte sich, wer ich sei und belobte mich. Die Kunde davon verbreitete sich schnell in der Gemeinde und man glaubte, nun sei mein Glück gemacht. Selbstverständlich war dieß eine Einbildung. Doch von dem Heimwege ist mir noch Etwas im Gedächtniß geblieben. Wir begegneten dem schon ältlichen jüdischen Arzte vr. Hartog, von Geburt ein Holländer, ein höchst würdiger Mann mit edlen Zügen, in welchen sich die Menschenfreundlichkeit selbst ausprägte. Er war allgemein beliebt und verehrt und gelangte zu keinem Vermögen, weil er die armen Patienten stets bereitwillig aus eigenen Mitteln unterstützte. Nach seinem bald erfolgten Tode ließen ihm Christen und Juden in Gemeinschaft ein schönes Grabmonument errichten, für jene Zeit gewiß ein seltenes Beispiel. Ich kannte ihn wohl, denn bei einer Kinderkrankheit hatte er auch mir eine sorgfältige ärztliche Pflege angedeihen lassen, immer freundlich, fast zärtlich. Er fragte die Mutter, woher sie käme, und als sie es ihm erzählt hatte, sagte er: „habe ich es Ihnen nicht in schwerer Stunde gesagt, der Vater der Wittwen und Waisen wird Sie nicht verlassen und Sie werden Freude haben an Ihren Kindern und eine Stütze in Ihrem Alter!" — Wir hatten noch einen anderen christlichen Lehrer und zwar in der Sekunda und Prima, den Conrektor des Gymnasiums, Richter. Dieser Mann besaß eine außergewöhnliche

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